ZEIT ONLINE: Ein Dopingfall bei dieser Europameisterschaft , wird es das geben?

Jiri Dvorak: Das ist Spekulation. Aber die Erfahrungen der letzten 15 Jahre lassen uns hoffen, dass es ohne positive Kontrolle bleibt.

ZEIT ONLINE: Der letzte prominente Fall bei einer WM oder EM der Männer war Diego Maradona 1994, seitdem gab es keine positiven Tests mehr. Glauben Sie, dass der Fußball dopingfrei ist?

Dvorak: Es spricht einiges dafür, dass wir nur ein kleines Dopingproblem haben. Fußball ist ein Teamsport, die Spieler müssen verschiedenste Fähigkeiten trainieren. Es gibt kein Mittel, das diese verschiedenen Fähigkeiten stimuliert. Der Nutzen ist für die Sportler zu gering, das Risiko zu hoch. Und: Es gibt sehr viele Kontrollen, besonders bei den führenden Fußballnationen.

ZEIT ONLINE: Wie effektiv sind diese Kontrollen? In den Uefa-Regeln steht, ein Spieler hat bei der Europameisterschaft 60 Minuten Zeit, um zur Trainingskontrolle zu kommen. Das reicht, um Proben zu verfälschen .

Dvorak: Bei einer Weltmeisterschaft ist es so, dass wir in der Regel frühmorgens kommen, zum Beispiel um 6.30 Uhr. Wir wecken den Arzt des Teams und fragen, wann die Spieler aufstehen. Wenn die Profis um 7 Uhr aufstehen, kommen wir um 6.58 Uhr in die Zimmer. Wir nehmen die Spieler direkt mit, damit sie nicht auf die Toilette gehen und wir dann stundenlang warten müssen. Wir haben sie also komplett unter Kontrolle. Ich denke, das läuft bei der Uefa ähnlich.

ZEIT ONLINE: Die Uefa hat bei der letzten EM 2008 alle Trainingskontrollen vor dem Turnier gemacht. Nach dem Eröffnungsspiel hat sie nicht mehr im Training kontrolliert, nur noch bei den Spielen. Zwischen den Spielen bleibt aber genug Zeit, um intelligent zu dopen. Viele Substanzen baut der Körper unglaublich schnell ab.

Dvorak: Auch wir machen unsere Trainingstests bei der WM nur vor dem Turnier. Bei einem Verdacht könnten wir natürlich auch zwischen den Spielen kontrollieren. Aber man darf den Fußball nicht mit dem Radsport vergleichen: Die Mannschaften haben zwischen den Spielen nur ein paar Tage frei, wir haben keine Hinweise, dass da gedopt würde.

ZEIT ONLINE: Sie wollen ein biologisches Profil erstellen , um Sünder besser zu erkennen. Wie wird das konkret aussehen?

Dvorak: Wir werden zwei Blutwerte nehmen, Hämoglobin und Hämatokrit, und dazu Steroidparameter vom Urin. Von den Spielern sammeln wir zwei, drei Ausgangswerte und vergleichen diese Werte dann mit Proben während der Turniere. Wenn wir dann Verdacht schöpfen, können wir den Spieler stärker kontrollieren. Wenn die Werte Achterbahn fahren, ist das vielleicht sogar Beweis genug für eine Manipulation.

ZEIT ONLINE: Wann soll das Profil an den Start gehen?

Dvorak: Vielleicht schaffen wir es schon bis zum Confederations Cup 2013. Das Profil 2014 für alle 32 Teilnehmer zu organisieren, wird viel Aufwand. Aber wenn man erst mal eine Handhabe gefunden hat, könnte man diese Werte auch in den nationalen Ligen für Kontrollen nutzen.

 Kein Verdacht auf Blutdoping

ZEIT ONLINE: Wie soll das Profil konkret aussehen? Wird es einen Beirat an Gutachtern geben? Wie viele Blut- und Urinkontrollen nehmen sie?

Dvorak: Wesentlich sind die Urinkontrollen, die sagen am meisten aus. Der Radsportweltverband UCI nimmt in ihrem Blutpass ausschließlich die Blutparameter, aber im Fußball macht ein Steroidprofil mehr Sinn. Im Fußball gibt es nämlich keine Hinweise auf Blutdoping. Ein Viertel unserer Kontrollen werden auf Epo kontrolliert.

ZEIT ONLINE: Im Fußball gibt es keine Hinweise auf Blutdoping? Was war mit Juventus Turin , in den Neunzigern systematisch auch mit Epo gedopt? Oder mit den Gerüchten um Dopingarzt Eufemiano Fuentes ?

Dvorak: Bei der WM 2002 haben wir bei allen Spielern Blutwerte genommen. Die Parameter lagen eher am unteren Ende der Skala, da gab es keinen Verdacht.

ZEIT ONLINE: Sie haben vor einigen Wochen mit ihrem Kollegen Philippe Tscholl eine Studie zum Missbrauch von Medikamenten bei der WM 2010 in Südafrika publiziert. 60 Prozent der Spieler haben während des Turniers Schmerzmittel genommen, fast 40 Prozent vor jedem Spiel. Das ist sogar mehr als bei ihrer Studie zu den Turnieren 2002 und 2006. Hat sie das überrascht?

Dvorak: Ja, das hat es. Deshalb haben wir die Studie auch mit "Lektion nicht gelernt" überschrieben. Wir müssen gegen die Trägheit der Trainer, Spieler, Ärzte ankämpfen, das ist ein echtes Problem. Wir können aber die Ärzte nur dazu auffordern, solche Mittel nur zu verschreiben, wenn sie die Spieler ordentlich untersucht haben.

ZEIT ONLINE: In einem der Teams spritzte der Arzt drei Viertel der Spieler vor jedem Spiel Glucocorticosteroide. Das sind richtig harte Substanzen. Sie schreiben in ihrer Studie, das müsse weiter untersucht werden und dass diese Spritzen möglicherweise zu einer Art Ritual gehörten. Was sagen die Beteiligten dazu?

Dvorak: In einer wissenschaftlichen Studie muss ich die Vertraulichkeit wahren, sonst bekomme ich beim nächsten Mal keine Daten mehr. Ich denke, dass die Betroffenen die Botschaft verstanden haben und ihr Verhalten überdenken.

ZEIT ONLINE: Dopingexperte Hans Geyer vom Kölner Dopinglabor sagt, Schmerzmittel erfüllen alle Bedingungen einer Dopingsubstanz. Weist der verbreitete Einsatz von Schmerzmitteln auf eine Betrugskultur im Fußball hin?

Dvorak: Für uns ist der Einsatz von Schmerzmitteln ganz klar ein Missbrauch, ein Missbrauch von Medikamenten. Deshalb geben wir nicht auf, dagegen zu kämpfen. Aber Schmerzmittel sind nun mal nicht verboten, wir können nur eine Diskussion anstoßen. Wir wollen, dass verletzte Spieler genügend Zeit zur Regeneration bekommen. Das Problem ist eng gekoppelt an die Anzahl der Spiele: Wenn zu wenig Zeit bleibt, wird mit Medikamenten kompensiert. Man muss sich überlegen, wie man gegen den wirtschaftlichen Druck überhaupt noch ankommt.