Italien – IrlandDie Angst des Iren vor dem Ballbesitz

Die Iren haben wieder gekämpft, wieder gesungen und wieder verloren. Nun wird es Zeit für einen Generationenwechsel, fordert unser EM-Pate Tobias Jochheim.

Irlands Damien Duff nach Abpfiff

Irlands Damien Duff nach Abpfiff

Ich kenne das Gefühl aus meiner eigenen kurzen und doch zu langen Fußballerkarriere. Es kam häufig auf, sobald der Ball bei mir ankam: Die Kugel, ein Fremdkörper. Ihn am Fuß zu spüren kann eine Emotion erzeugen wie die Angst des Tormanns beim Elfmeter. Das Gefühl entsteht aus chronischer spielerischer Unterlegenheit. Es heißt Panik – und die Iren kennen es nur zu gut.

Guten Fußballern verleiht der Ballbesitz Energie, schlechten entzieht er sie. Gute macht er mutig und frech, schlechte mutlos und fahrig. Ist ein komplettes Team unterlegen, behilft es sich mit "Kick and Rush". Das mag nach Kicken klingen, ist es aber kaum noch. "Kick and Rush" kennt keinen Spielaufbau, kein Passspiel und schon gar keine Dribblings. Eine passende Übersetzung lautet: Das Ding nach vorn dreschen und hinterherpreschen. Dass ein eigener Offensivmann derlei Befreiungsschläge in nennenswerte Chancen verwandelt, bleibt dabei auch bei den Iren ein ebenso frommer Wunsch wie der Refrain ihres EM-Songs, "You‘ll never beat the Irish!"

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Tobias Jochheim
Tobias Jochheim

Tobias Jochheim bestach als Fußballer hauptsächlich mit Kunstwerken, per Stollen in die Ascheplätze des Niederrheins gekratzt. Daher einvernehmliche Trennung in der C-Jugend und Transfers zu Tischtennis, Basketball, Lokalzeitung. Heute: Herz für Randsportarten, aber versöhnt mit dem Fußball. Seine Profilseite finden Sie hier.

Alternativlos sei diese Herangehensweise für Irland, schrieb ich nach dem ersten Gruppenspiel gegen Kroatien. Das war sie auch. Und erfolgreich dazu – zumindest in der EM-Qualifikation: In 14 Spielen hatten die Iren nur drei Gegentore kassiert. Doch im Laufe des Turniers wich der gesunde Pragmatismus einem lähmenden Fatalismus. Als gestern in der 35. Minute Antonio Cassano aus spitzem Winkel aufs Tor köpfte, blieb Damien Duff wie angewurzelt am langen Pfosten stehen. Das war untypisch, unwürdig, aber nicht unerklärlich.

Zu schmerzlich waren die Tiefschläge, die Irland in Form von Gegentoren gleich nach Anpfiff ihrer ersten drei EM-Halbzeiten einstecken musste. Die Spieler lechzten nach Trost, dabei sanken ihre Ansprüche. Dass gegen die große Fußballnation Italien 35 Minuten lang die Null gestanden hatte, schien in diesem Moment vielleicht als Leistung zu genügen. Oder auch, dass Duff trotz diverser Verletzungen gestern sein 100. Länderspiel bestritt, weshalb Keane sein Kapitänsamt an ihn abtrat. Oder die Qualifikation an sich, 24 Jahre nach der letzten EM-Teilnahme.

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