Dass es einen psychologisch nicht ungünstigen Zeitpunkt für Gegentore gibt, muss erst noch bewiesen werden. Die entsprechende Kommentatorenfloskel wäre also überflüssig – wenn, ja wenn es keine Spiele gäbe, in denen es bei einem Team drei Minuten nach dem Anstoß einschlägt, drei Minuten vor der Halbzeit und drei Minuten nach Wiederanpfiff.

Zumal wenn man mit einbezieht, wie sich Irland diese Tore der Kroaten fing : 0:1 nach Flipperspiel im Strafraum, 1:2 nach Fehlpass zum sonst klar abseits stehenden gegnerischen Stürmer, 1:3 nach vom Kopf des eigenen Keepers ins Netz versprungenem Pfostenschuss. Das haut den tapfersten Iren um.

Eigentlich machte die Trapattoni-Elf alles richtig. "Flach spielen, hoch gewinnen" war als Option nie infrage gekommen. Also versuchten sie es mit "Hohe Bälle, irgendwie durchwurschteln". Spielerische Lösungen suchten sie nur im Rahmen ihrer Möglichkeiten. Anhänger der Diktatur des Schönen mögen das verurteilen. Doch diese Spielweise ist für die Iren tatsächlich so alternativlos wie das, was uns die Bundeskanzlerin gern als solches verkauft .

Leichtfüßig, lässig, trickreich sind im direkten Vergleich mit Irlands "Boys in Green" nämlich nicht nur die Kroaten, sondern auch jeder andere EM-Teilnehmer. Wenn überhaupt etwas hilft in dieser Ausgangslage, ist es die Durchsetzung fußballerischer Antithesen: Knorrigkeit, Kampfgeist und Standardsituationen. Andere haben Tiki-Taka, Irland bloß das Wühlen im Acker.

Ist das attraktiv? Nein, auch wenn das wilde Gebolze ab und an durchaus seinen eigenen Charme haben kann. Aber darum geht es auch nicht. " We are not going there for the craic ", hatte Mittelfeldmann Keith Andrews vor der Abreise nach Polen noch einmal klargestellt: Wir fahren nicht zum Spaß zur EM, hieß das. Nicht aus Gaudi. Nicht, um uns nur für das Erreichte feiern zu lassen, die erste EM-Teilnahme seit 24 Jahren. Und schon gar nicht, um ein Spektakel zu bieten – im Zweifel als Schießbude. Die Iren waren gekommen, um zu bleiben. Sie wollen die Gruppenphase überstehen, wie auch immer.

Im Duell gegen Kroatien wurde ersichtlich, dass die dafür notwendigen Mittel nicht existieren. Nicht gegebener Elfmeter hin, mancher überhastete Abschluss aus aussichtsreicher Position her: Dieses Spiel hätte Irland nie gewonnen. Maximal hätten die wuseligen Kroaten noch einmal Ernst gemacht – und den glücklich geknipsten Toren einige herausgespielte folgen lassen.

Die Iren spielen keinen modernen Fußball, elegant oder kreativ oder wenigstens schnell. Bis hinunter zu den Fouls, die als ehrliche Rempler daherkommen statt als versteckte Tritte oder Trikotzupfer, wird deutlich: Subtil können sie nicht. Sie spielen vielmehr rugbyesk.

Apropos Rugby: Dort standen für Irland drei Spiele gegen Weltmeister Neuseeland an. Die erste Partie ging nur wenige Stunden vor dem Fußballspiel mit 10:42 verloren. Beide Niederlagen gehen in Ordnung, weil die Iren sie nicht eine Sekunde vor dem Schlusspfiff akzeptieren. Und sie danach mannhaft tragen, frei von Selbstmitleid. Dafür gibt es einen Ausdruck, der stellvertretend für die irische Mentalität steht: Er heißt Rückgrat. Oder einfach: Haltung.