Mesut Özil nach der Niederlage gegen Italien © Christof Stache/AFP/GettyImages

Deutschland - Italien 1:2 (0:2)

Kein Traumfinale gegen Spanien, keine Belohnung für ein bisher so gutes Turnier. Die Nationalelf hat das EM-Halbfinale gegen Italien 1:2 verloren und wartet damit weiter auf den ersten Titel seit dem Gewinn der Europameisterschaft 1996.

Angriffslustig hatte Bundestrainer Joachim Löw die Italiener schon erwartet. Sonst hätte er nicht Lukas Podolski und Mario Gomez wieder in die Startelf befördert. Aber wirklich so offensiv? So wuchtig? So gefährlich? Das Spiel gegen die defensiven Griechen wirkte nun auf einmal wie das schlechtestmögliche Testspiel für dieses Halbfinale. Jetzt stand die deutsche Mannschaft in einer anderen Fußballwelt.

In den ersten zwanzig Minuten durfte sie noch versuchen, selbst in Führung zu gehen. Diese Zeit füllte sie auch mit ein paar Chancen, einem Schuss von Mats Hummels im Strafraum, den Andrea Pirlo auf der Linie klärte und so zeigte, dass er nicht nur genialer Spielmacher und lässiger Elfmeterverwandler ist, sondern auch Retter sein kann. Oder mit einem Distanzschuss des erstmals von Beginn an spielenden Toni Kroos , den Torwart Gianluigi Buffon abwehrte. Dann waren zwanzig Minuten vorbei und es passierte das erste Ungeschick.

Deutschland liegt 0:1 zurück

Zwei verlorene Zweikämpfe – und Deutschland lag 0:1 zurück. Erst ließ Hummels Antonio Cassano nahezu unbedrängt flanken, anschließend legte auch Holger Badstuber im Strafraum gegen Mario Balotelli Manndeckung eher großzügig aus. Den Arm bekam Badstuber noch an Balotelli, aber nicht mehr den Kopf an den Ball. Dafür köpfte Balotelli ihn über die Linie.

Es gab eine Reaktion der deutschen Mannschaft. Unter anderem zwei Distanzschüsse von Mesut Özil und Sami Khedira , aber Distanzschüsse wirken manchmal wie schüchterne Annäherungsversuche ans Tor. Ein wenig Mut schien die Nationalelf durch das Gegentor vorübergehend verloren zu haben.

In der deutschen Abwehr sah es eher nach Gedankenlosigkeit aus. Als ob das 0:1 nicht gefallen wäre, tauchte Balotelli auf einmal wieder vor dem Tor von Manuel Neuer auf. Montolivo hatte ihn mit einem feinen Pass bedacht, und statt Hummels oder Badstuber, den beiden deutschen Innenverteidigern, fand sich Balotelli nur noch in Gesellschaft von Philipp Lahm wieder. Den hängte der Stürmer von Manchester City ab und knallte den Ball so heftig ins deutsche Tor, dass Manuel Neuer wie angewurzelt stehen blieb. Auch Balotelli rührte sich nicht mehr. Im Bewusstsein, dass man dieses Tor in Stein meißeln könnte, riss er sich sein Trikot vom Körper und blieb stehen wie eine römische Athletenstatue.

Reus sollte Veränderung bringen

Auf den 0:2-Rückstand reagierte Löw in der Halbzeit und schickte Marco Reus für Podolski aufs Feld und Miroslav Klose für Mario Gomez. Denn mit offensiven Italienern war nun nicht mehr zu rechnen. Allenfalls noch bei Kontern. Die Einwechslungen machten sich gleich bemerkbar. Kaum stand Reus auf dem Platz, schossen seine Füße schon den Ball aufs Tor, einmal konnte ihn Buffon gerade noch mit den Fingerspitzen an die Latte lenken.

Überhaupt war diese erste Viertelstunde der zweiten Hälfte die stärkste Phase der deutschen Mannschaft in diesem Spiel. Die offensivste auf jeden Fall. Nur leider blieb sie genauso ohne zählbaren Ertrag wie die Zeit zuvor. Das lag nun daran, dass die Facharbeiter in der italienischen Abwehr zu glänzen begannen. Trainer Prandelli holte dann Cassano und Balotelli zur Belohnung für ihre Angriffslust herunter. Der eingewechselte di Natale wollte es nicht schlechter machen und scheiterte zehn Minuten vor dem Ende nur knapp, genauso wie Marchisio kurz zuvor aus guter Position nur knapp am deutschen Tor vorbeischoss.

Als Mesut Özil in der Nachspielzeit einen Handelfmeter fast aus dem Stand zum 1:2 verwandelte, wuchs ein letztes Mal die Hoffnung auf einen Ausgleich, auf eine Verlängerung und damit aufs Finale. Aber selbst ein Flugkopfball von Towart Neuer am Mittelkreis konnte der Nationalelf nicht mehr helfen.

Deutschland: Neuer ( Bayern München/26 Jahre/31 Länderspiele) - Boateng (Bayern München/23/25 - 71. Müller/Bayern München/22/32), Hummels (Borussia Dortmund/23/19), Badstuber (Bayern München/23/25), Lahm (Bayern München/28/91) - Khedira (Real Madrid/25/32), Schweinsteiger (Bayern München/27/95) - Kroos (Bayern München/22/30), Özil (Real Madrid/23/38), Podolski (1. FC Köln/27/101 - 46. Reus/Bor. Mönchengladbach/23/8) - Gomez (Bayern München/26/57 - 46. Klose/Lazio Rom/34/121)

Italien: Buffon (Juventus Turin/34/119) - Balzaretti (US Palermo/30/11), Barzagli (Juventus Turin/31/32), Bonucci (Juventus Turin/25/19), Chiellini (Juventus Turin/27/54) - Marchisio (Juventus Turin/26/25), Pirlo (Juventus Turin/33/88), De Rossi (AS Rom/28/77) - Montolivo (AC Florenz/27/36 - 64. Thiago Motta/Paris St. Germain/29/12) - Cassano (AC Mailand/29/34 - 58. Diamanti/FC Bologna/29/4), Balotelli (Manchester City/21/13 - 70. Di Natale/Udinese Calcio/34/41)

Schiedsrichter: Lannoy (Frankreich)

Zuschauer: 55.540

Tore: 0:1 Balotelli (20.), 0:2 Balotelli (36.), 1:2 Özil (90.+2/Handelfmeter)

Gelbe Karten: Hummels / Balotelli, Bonucci, De Rossi, Thiago Motta

Beste Spieler: Reus, Khedira / Cassano, Montolivo, Balotelli

Erschienen im Tagesspiegel