Lech Wałęsa"Das Fußballstadion war unser Ort der Freiheit"

Polens Expräsident Lech Wałęsa spielte im Tor der Solidarność und gegen den Kommunismus. Ein Interview über Politik im Fußball und die Bedeutung der EM für Polen. von 

Lech Walesa in seinem Büro im Danziger Grünen Tor

Lech Walesa in seinem Büro im Danziger Grünen Tor  |  © Oliver Fritsch

ZEIT ONLINE: Herr Wałęsa, Sie haben vor einiger Zeit sehr viel dafür getan, dass Polen heute ein Land ist, das die Fußball-Europameisterschaft austragen kann. Hat sich irgendjemand in letzter Zeit dafür bei Ihnen bedankt?

Lech Wałęsa: Nein, das war nie mein Ziel. Es ist zwar schön, ein Danke zu hören. Aber ich habe nie dafür gearbeitet, dass ich Dank erhalte.

Anzeige

ZEIT ONLINE: Es gibt vielleicht mehr Deutsche, die Ihnen Danke sagen würden.

Wałęsa: Lassen Sie es mich wohlwollend für meine Landsleute auslegen: Polen ist ein Land mit vielen Problemen. Wir haben oft gar nicht die Zeit, Danke zu sagen. Ihr Deutsche habt weniger Sorgen, mehr Zeit, um das Leben zu genießen und um Danke zu sagen. Vielleicht sind wir in ein paar Jahren in einer ähnlichen Lage.

ZEIT ONLINE: Was bedeutet die EM für Polen?

Wałęsa: Eine Europameisterschaft ist für uns Polen eine große Nummer. Zu mehr wären wir auch nicht in der Lage, zu Olympischen Spielen etwa. Für die EM haben wir unser Land ausgebaut, zum Beispiel Straßen, Flughäfen, Bahnhöfe, Stadien. Das ist wichtig. Noch wichtiger scheint mir, dass wir es auskosten, Europa bei uns zu begrüßen. Und dass das Turnier die Polen zusammenrücken lässt. Das gelingt uns besser als erwartet. Eigentlich fällt uns eine solche Haltung schwer, weil wir trotz zwei Jahrzehnten der Modernisierung noch längst nicht alle Probleme gelöst haben, die uns der Kommunismus bescherte. Wir mussten unser ganzes Leben umstellen, das hat viel Kraft gekostet.

Lech Wałęsa

Lech Wałęsa ist Elektriker und Friedensnobelpreisträger. Von 1980 bis 1990 war er Vorsitzender der Gewerkschaft Solidarność. In seiner Rolle als Streikführer in der Danziger Werft war er mitverantwortlich für den Wandel vom Realsozialismus zur Demokratie in Polen – und letztlich auch in Osteuropa. Zur Entgegennahme des Nobelpreises schickte er 1983 seine Frau Danuta nach Oslo, weil er fürchtete, nicht mehr ins Land gelassen zu werden. 1990 wurde Wałęsa zum ersten Staatspräsident des freien Polens gewählt. In den fünf Jahren Amtszeit machte er sich viele politische Feinde, verlor die Unterstützung seines Volks und wurde abgewählt.

Solidarność

Die Solidarność, zu deutsch "Solidarität", ist eine polnische Gewerkschaft, die 1980 aus einer Streikbewegung heraus entstand. Als am 13. Dezember 1981 in Polen der Kriegszustand ausgerufen wurde, wurden die Arbeit der Gewerkschaft über Nacht verboten. Die Gewerkschaftler arbeiteten daraufhin im Untergrund weiter. Erst 1989, nach den "Gesprächen am runden Tisch", wurde die Solidarność von der kommunistischen Führung wieder staatlich anerkannt. Bei den folgenden Wahlen gewann die Partei, musste aber einen Teil der Sitze an die kommunistische Partei abtreten. Heute spielt die Solidarność keine parteipolitische Rolle mehr, gilt aber mit mehr als 500.000 Mitgliedern als eine der größten unabhängigen Gewerkschaft in Osteuropa.

Wałęsa heute

Im Jahr 2000 trat Wałęsa erneut zur Präsidentschaftswahl an und erhielt nicht mal ein Prozent der Stimmen. 2006 trat er aus der Solidarność aus, 2007 wurde er in den Rat der Weisen zur Zukunft Europas augenommen. In den vergangenen Jahren wurde ihm mehrfach vorgeworfen, er habe mit dem damaligen kommunistischen Geheimdienst zusammengearbeitet. Heute hat Lech Wałęsa kein öffentliches Amt mehr inne. Er reist durch Europa und hält Vorträge über das Ende des Kommunismus. Danuta und Lech Wałęsa, den man so ausspricht, haben acht Kinder.

ZEIT ONLINE: Wird die EM das Verhältnis zwischen Polen und Europa verändern?

Wałęsa: Die Europameisterschaft 2012 hat schon in den vergangenen Jahren viel geändert, viele Kontakte eröffnet, Gespräche erfordert. Das ist eine gute Nachricht: Gute Beziehungen zwischen unseren Ländern bedeuten Sicherheit in Europa.

ZEIT ONLINE: Wie bewerten Sie das Ausscheiden in der Vorrunde ?

Wałęsa: Ich bin enttäuscht, denn unsere Spieler hätten das Zeug dazu gehabt, mehr zu erreichen. Es ist ein gutes Team. Polen wollte Russland unbedingt schlagen – und umgekehrt. Mit Russland tragen wir noch immer viele Konflikte aus. Unsere Geschichte ist nicht verarbeitet. Das erklärt die Auseinandersetzungen zwischen den Fans beim Spiel in Warschau . Sport ist nur Sport, aber manchmal kommen dabei Dinge hoch, die darunter versteckt liegen. Wahrscheinlich haben die Prügeleien und die "Schlacht" unsere Mannschaft geschwächt, die Russen offenbar auch. Das haben die Tschechen und Griechen genutzt. Es gibt ein Sprichwort: Wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte.

ZEIT ONLINE: Wie empfinden Sie die Atmosphäre zurzeit in Danzig ?

Wałęsa: Ich scheue davor zurück, abends auf die Straße zu gehen, weil ich den Nachhauseweg nicht mehr finde. So viele Fans kommen hierher, ich erkenne mein Danzig kaum wieder. Mein Eindruck ist, dass die Danziger vorsichtig lernen, mit anderen zu feiern, trotz aller Probleme, die wir haben.

ZEIT ONLINE: Danzig war über Jahrhunderte eine Stadt des Kriegs und des Konflikts zwischen Deutschen und Polen. Wie werden sich die Danziger in der Stadt und im Stadion verhalten, wenn sie auf deutsche Fans treffen?

Wałęsa: Deutschland und Polen haben eine belastete gemeinsame Geschichte, die vor allem für Polen von großem Leid gezeichnet ist. Aber schauen Sie, irgendwie haben wir einen Großteil dieser Geschichte hinter uns gelassen. Die Fans aus Irland , Italien , Spanien und die Danziger waren bislang sehr freundlich zueinander, und ich rechne damit, dass sich das auch mit den Deutschen so verhalten wird.

Leserkommentare
  1. Dies so freudige Botschaft interessiert Walensa überhaupt nicht:

    "ZEIT ONLINE: Es gibt viele Deutsche, die Ihnen gerne Danke sagen würden.

    Wałęsa: Lassen Sie es mich wohlwollend für meine Landsleute auslegen: Polen ist ein Land mit vielen Problemen. Wir haben oft gar nicht die Zeit, Danke zu sagen."

    Eine Leserempfehlung
  2. Ein interessantes, geradezu anrührendes Interview.
    Wie wichtig doch auch der Fussballsport gewesen ist, für Wałęsas Generation. Eigentlich und trotz Kommerz immer noch ist.

    Scheinbar ist der Fussball-Fan, mindestens laut jüngerem ZON-Artikel (EM-Patriotismus), in Deutschland doch gefährlich, weil sich die "Falschen" ins Spiel bringen.
    Womöglich ist es aber doch eigentlich anders, weil z.B. eine EM Menschen (mehr oder minder Fussballbegeisterte) aus verschiedensten Ländern, sich mit Menschen aus verschiedensten Ländern treffen (auch in Deutschland). Ein Anlass also, welcher insbesondere die Jugend beeindrucken dürfte - für ihre weitere Weltensicht womöglich nicht unerheblich,
    Dies ist die Hauptsache, der Rest ist unter Kontrolle zu halten/bringen. Go Europe.

    Eine Leserempfehlung
  3. Ganze 2 Kommentare bisher - das lässt sehr tief blicken wie weit das politische Interesse an den Menschen in Polen noch wirkt.

    Damals haben die Deutschen "Freiheit" "Menschenrechte"
    "offene Grenzen" "alle Polen sind Christen"...usw.

    Alles geheuchelt!

    Heute ist ihnen Polen und seine Probleme egal - Hauptsache der Kapitalismus sitzt fest im Sattel für die deutschen Konzerne.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ...Verzeihung! Aber "alles" geheuchelt ist für mich in dieser Aussage mit fast Absolutheitsanspruch schon "immer" gleich Käse, der bekanntlich auch von allen Seiten gleich riecht! ;-)
    P.S.: Walesa bleibt für mich auch im Alter noch Vollblu-Politiker und spricht demzufolge auch noch weiterhin gerne diplomatisch geschickt verbrämt wie dies m.E. im Artikel doch ganz gut herauskommt.
    Fußball selber wird m.E. in den verschiedenen Kulturen ganz unterschiedlich bewertet und wird mit Schuhen geschützten Füßen getreten, was mich immer wieder an diese berühmt gewordenen Stiefelwürfe eines Irak-Journalisten auf Bush jun. erinnert...

  4. ...Verzeihung! Aber "alles" geheuchelt ist für mich in dieser Aussage mit fast Absolutheitsanspruch schon "immer" gleich Käse, der bekanntlich auch von allen Seiten gleich riecht! ;-)
    P.S.: Walesa bleibt für mich auch im Alter noch Vollblu-Politiker und spricht demzufolge auch noch weiterhin gerne diplomatisch geschickt verbrämt wie dies m.E. im Artikel doch ganz gut herauskommt.
    Fußball selber wird m.E. in den verschiedenen Kulturen ganz unterschiedlich bewertet und wird mit Schuhen geschützten Füßen getreten, was mich immer wieder an diese berühmt gewordenen Stiefelwürfe eines Irak-Journalisten auf Bush jun. erinnert...

  5. Sehr geehrter Herr Walesa,

    Sie sagen:"Deutschland und Polen haben eine belastete gemeinsame Geschichte, die vor allem für Polen von großem Leid gezeichnet ist."

    Das Leid schuldloser Deutscher in Polen und in den ehemaligen deutschen Ostprovinzen, besonders gegen Ende und nach dem 2. Weltkrieg, aber auch zu anderen Zeiten, scheint nur wenige zu interessieren. Der Ungeist der Kollektivschuld herrscht weiter!

    Da es hier um die EM geht, will ich Sie damit nicht länger aufhalten, sondern lediglich darum bitten, klären Sie die ungelösten Fragen von Rawicz-Sarnowa !

    Mit freundlichen Grüssen, G.B.

    Eine Leserempfehlung

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service