Noch 56 Tage. Überall auf der Welt kämpfen Sportler um ihre Qualifikation für die Spiele. Eines ist schon jetzt traurige Gewissheit: Einer der größten Athleten der letzten Jahre, ach was, Jahrzehnte, wird in London nicht dabei sein. Es ist fast zwanzig Jahre her, dass Haile Gebrselassi seine erste Goldmedaille gewann – zunächst "nur" bei einer Weltmeisterschaft, 1993 in Stuttgart , dann auch bei den Spielen in Atlanta und Sydney . Seither hat der Dauerläufer aus Assela in Äthiopien die Langstrecke zwischen 5.000 Meter und dem Marathon dominiert und mit seinem von keiner Erschöpfung zerstörbaren Breitwandlachen die Zuschauerherzen gewärmt.

Doch nun, mit beinahe 40 Jahren, schalten auch seine superdünnen Turbo-Beine ein paar Gänge zurück. Beim Qualifikationsrennen der Äthiopier über 10.000 Meter, einer unfassbaren Hatz im niederländischen Hengelo, wurde er nur Siebter – mit einer Zeit, die immer noch rund anderthalb Minuten schneller ist als die deutsche Jahresbestzeit auf dieser Strecke. Weil aber auch die Laufsupermacht Äthiopien nur drei Läufer nach London schicken darf, heißt es für den großen Kleinen: Raus mit Applaus. "Es ist vorbei", sagte er nach dem Rennen, "aber das ist okay."

Egal, wie die deutschen Athleten noch beim Rattenrennen abschneiden, eines ist jetzt schon sicher: Es wird ein Schrumpf-Team sein, das auf die Insel fliegt. 380 Athleten klingt zwar immer noch viel, sind aber 60 Sportler weniger als vor vier Jahren in Peking – und die kleinste deutsche Mannschaft seit der Wiedervereinigung. Das liegt vor allem daran, dass Deutschland nicht mehr mit Bällen umgehen kann. Ob Basketball, Fußball oder Handball – weder die Frauen noch die Männer haben sich qualifizieren können.

Es hapert vor allem an der sogenannten Anschlussförderung. Daran also, dass Talente die Umgebung und Zeit bekommen, sich zu entwickeln und ihre Stärke auszuspielen. "Die Handballer waren 2009 und 2011 Weltmeister mit den Junioren, aber wo sind die jetzt? Wer spielt überhaupt in der Bundesliga?", fragte der deutsche Hockeybundestrainer Markus Weise unlängst in der FAZ . Man sollte auf Weise hören. Seine Mannschaft zumindest ist qualifiziert.

In einem Langstrecken-Rattenrennen ist derweil eine Vorentscheidung gefallen: Olympia 2020 wird definitiv nicht in der Wüste stattfinden. Der Bewerber Doha ( Katar ) ist aus dem Rennen. Anders als bei der Fußball-WM 2022, wo das Geld der Scheichs die Fifa-Birnen weichgekocht hat , blieb das IOC standhaft und erteilte Spielen in der Hitze eine Absage. Lobe nun aber keiner zu früh Moral und Vernunft der Olympier: Am Ende gab wohl wieder nicht der Sport, sondern das Fernsehen den Ausschlag.

Der US-TV-Sender NBC , der mit seinen Zahlungen für die Übertragungsrechte Olympia zu erheblichen Teilen finanziert, ist strikt gegen eine Verlegung der Spiele in den (kühleren) Herbst. Denn da laufen in den Staaten bereits Baseball, Football, Basketball – und niemand interessiert sich mehr für Geher oder Kanu-Fahrer am anderen Ende der Welt. Aber anders als Haile Gebrselassi wollen die Katarer das Ende ihres Traums nicht akzeptieren. Wie sagte die Bewerbungschefin Noora Al-Mannai nach der Abfuhr: "Wir verdienen diese Chance, wir werden wiederkommen und stärker sein." Klingt wie eine Drohung für das nächste Rattenrennen.