Olympia-KolumneDas olympische Rattenrennen

Im Qualifikationsmarathon für Olympia bleiben einige auf der Strecke. Ein Ausnahmeathlet aus Äthopien etwa. Und fast alle deutschen Ballsportteams. von 

Raus mit Applaus: Haile Gebrselassie

Raus mit Applaus: Haile Gebrselassie  |  © Felix Ausin Ordonez/Reuters

Noch 56 Tage. Überall auf der Welt kämpfen Sportler um ihre Qualifikation für die Spiele. Eines ist schon jetzt traurige Gewissheit: Einer der größten Athleten der letzten Jahre, ach was, Jahrzehnte, wird in London nicht dabei sein. Es ist fast zwanzig Jahre her, dass Haile Gebrselassi seine erste Goldmedaille gewann – zunächst "nur" bei einer Weltmeisterschaft, 1993 in Stuttgart , dann auch bei den Spielen in Atlanta und Sydney . Seither hat der Dauerläufer aus Assela in Äthiopien die Langstrecke zwischen 5.000 Meter und dem Marathon dominiert und mit seinem von keiner Erschöpfung zerstörbaren Breitwandlachen die Zuschauerherzen gewärmt.

Christof Siemes
Christof Siemes

Christof Siemes, geboren 1964 in Mönchengladbach, ist seit 1993 Redakteur bei der ZEIT und Mitglied der Deutschen Akademie für Fußballkultur. Er wird für ZEIT und ZEIT ONLINE von den Olympischen Spielen in London berichten. Bis dahin schreibt er an dieser Stelle eine wöchentliche Kolumne.

Doch nun, mit beinahe 40 Jahren, schalten auch seine superdünnen Turbo-Beine ein paar Gänge zurück. Beim Qualifikationsrennen der Äthiopier über 10.000 Meter, einer unfassbaren Hatz im niederländischen Hengelo, wurde er nur Siebter – mit einer Zeit, die immer noch rund anderthalb Minuten schneller ist als die deutsche Jahresbestzeit auf dieser Strecke. Weil aber auch die Laufsupermacht Äthiopien nur drei Läufer nach London schicken darf, heißt es für den großen Kleinen: Raus mit Applaus. "Es ist vorbei", sagte er nach dem Rennen, "aber das ist okay."

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Egal, wie die deutschen Athleten noch beim Rattenrennen abschneiden, eines ist jetzt schon sicher: Es wird ein Schrumpf-Team sein, das auf die Insel fliegt. 380 Athleten klingt zwar immer noch viel, sind aber 60 Sportler weniger als vor vier Jahren in Peking – und die kleinste deutsche Mannschaft seit der Wiedervereinigung. Das liegt vor allem daran, dass Deutschland nicht mehr mit Bällen umgehen kann. Ob Basketball, Fußball oder Handball – weder die Frauen noch die Männer haben sich qualifizieren können.

Es hapert vor allem an der sogenannten Anschlussförderung. Daran also, dass Talente die Umgebung und Zeit bekommen, sich zu entwickeln und ihre Stärke auszuspielen. "Die Handballer waren 2009 und 2011 Weltmeister mit den Junioren, aber wo sind die jetzt? Wer spielt überhaupt in der Bundesliga?", fragte der deutsche Hockeybundestrainer Markus Weise unlängst in der FAZ . Man sollte auf Weise hören. Seine Mannschaft zumindest ist qualifiziert.

In einem Langstrecken-Rattenrennen ist derweil eine Vorentscheidung gefallen: Olympia 2020 wird definitiv nicht in der Wüste stattfinden. Der Bewerber Doha ( Katar ) ist aus dem Rennen. Anders als bei der Fußball-WM 2022, wo das Geld der Scheichs die Fifa-Birnen weichgekocht hat , blieb das IOC standhaft und erteilte Spielen in der Hitze eine Absage. Lobe nun aber keiner zu früh Moral und Vernunft der Olympier: Am Ende gab wohl wieder nicht der Sport, sondern das Fernsehen den Ausschlag.

Der US-TV-Sender NBC , der mit seinen Zahlungen für die Übertragungsrechte Olympia zu erheblichen Teilen finanziert, ist strikt gegen eine Verlegung der Spiele in den (kühleren) Herbst. Denn da laufen in den Staaten bereits Baseball, Football, Basketball – und niemand interessiert sich mehr für Geher oder Kanu-Fahrer am anderen Ende der Welt. Aber anders als Haile Gebrselassi wollen die Katarer das Ende ihres Traums nicht akzeptieren. Wie sagte die Bewerbungschefin Noora Al-Mannai nach der Abfuhr: "Wir verdienen diese Chance, wir werden wiederkommen und stärker sein." Klingt wie eine Drohung für das nächste Rattenrennen.

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Leserkommentare
  1. Was ich schon länger mal schreiben wollte, obwohl ich bei und zu dieser Doppelvergabe sogar jemanden in der Familie habe, der tatsächlich völlig Ahnungslos wie manche eben in Sachen Sport sein können, doch allen ernstes richtig lag. Russland und Katar !
    Ich wollte es auch nicht glauben, aber !
    Wenn die Spiele in die tiefe Nacht verlegt werden, sagen alle : "Ja klar, Nachts in der Wüste ! weiß doch jeder wie saukalt das ist."

    Ob Katar sooo "in der Hitze" stattfindet, nur weil's in der Wüste stattfindet, würde wohl keiner bestätigen der die Moto GP die letzten Jahre bei deren Wüstenrennen begleitete oder besuchte.

    • Ffm74
    • 02. Juni 2012 20:44 Uhr

    Man kann dem Sender NBC wirklich dankbar sein! Wer möchte schon die Olympischen Sommerspiele im Herbst sehen? Davon einmal abgesehen, haben wahrscheinlich mehr Menschen im Sommer Urlaub oder Ferien als im Herbst, um die ganztägigen Live-Übertragungen verfolgen zu können.

  2. ...nach der Wiedervereinigung erreichen die letzten Athleten des DDR-Sportfördersystems die Rentnergrenze im Leistungssport von ca. 35 Jahren. Hinzu kommt, dass man in Deutschland nach der Doping-Hetze der vergangenen Jahre als Sportler nur noch wenig Aussicht auf ein Erreichen der Weltelite und damit die Möglichkeit vom Sport zu leben hat. Einzige Ausnahmen sind etablierte Profisportarten (Fußball, Handball, Wintersport) in denen beim Dopen noch weggesehen wird, sowie die "adligen" Disziplinen, wie Pferdeschinden, Rasen oder Schießen.

    Kein Wunder dass "wir" nicht mehr mithalten können.

    3 Leserempfehlungen
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    Aha... Und, was schlagen Sie vor?

  3. Aha... Und, was schlagen Sie vor?

    Antwort auf "23 Jahre ..."
  4. 6. .....?

    Um was zu erreichen?

    1. Wiederauferstehung? -> Antidopingkurs komplett aufgeben. Mehr Geld in medizinische Strukturen. Ausbau des Staatsamateursystems (Sportsoldaten/-polizisten)

    2. Muss hier etwas gerettet werden? Kenntnisnahme der unvermeidlichen Entwicklung und Einsparung der vorgenannten Institutionen.

    Eine Leserempfehlung
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    Nun sollte man sich doch 'mal Gedanken machen, was der Sinn des Sportes ist.
    In erster Linie soll er der 'Leibesertüchtigung', wie das früher mal hieß, dienen. Sagen wir heute mal Fitness. Diese erreicht man durch entsprechendes Üben, sprich Training.
    Dann soll es im Idealfall noch Spaß bringen.
    Und 'Abfallprodukt' dabei ist dann der Wettkampf.
    Weil der Mensch - zumindest viele - Spaß daran und den Ehrgeiz haben, den anderen zu beweisen, dass sie besser sind.
    Und da geht's los: Ehrgeiz, besser sein wollen, Prestige, Ruhm, Glanz - koste es was es wolle, und sei's die Gesundheit, die der Sport ja eigentlich fördern sollte.

    Also, Pille rein, Essenzen rein, Blut raus, Mittel ins Blut, Blut wieder rein, etc. p.p.

    Ähhh - ist da nicht etwas falsch gelaufen?
    Ist das der wirkliche Sinn, ist es so gemeint?

    Ich nehme mal an, Sie sprechen sich für die Freigabe von Dopinig aus. Warum eigentlich? Damit Sie sich brüsten können, einer Nation anzugehören, deren Sportler die besseren Dopingpraktiken haben?

    Die Freigabe von Doping ist ein eben solches Rattenrennen, was am Ende niemand gewinnt und zu Lasten der Sportler geht. Ein Doper will sich einen Leistungsvorteil gegenüber anderen Sportlern/Dopern verschaffen. Es geht nicht darum, eini Rennen (ein Spiel) zu schaffen, es geht ums Gewinnen. Und wenn alle dopen dürfen, ist dieser Vorteil dahin. Also müssen härtere Mittel eingeworfen werden. Am Ende folgen noch mehr kranke Sporlter, noch mehr tote Sportler. Ist es das, was Sie wollen?

    Nebenbei, bei nahezu allen Dopingmitteln handelt es sich um Medikamente, die für bestimmte Krankheiten gedacht sind. Man nimmt die Nebenwirkungen in Kauf, weil diese weniger schlimm sind als die eigentliche Krankheit. Es handelt sich also nicht um eigens für Sportler hergestellte Chemiekeulen, sondern diese bergen teilweise schwere Nebenwirkungen, die erst später auftreten. Wollen Sie auch das? Jemand riskiert seine Gesundheit, um aufs Podium zu kommen? Tut mir leid, dem kann ich nicht folgen. Manchmal muss man Menschen eben vor sich selber schützen. Sportler sind auch Vorbilder und ich möchte meinen Kindern erzählen, es geht um eine selbst erbrachte Leistung und nicht eine, die mit Hilfe irgendwelcher zweifelhaften Mittelchen erkauft wurden. Zu Lasten der Gesundheit obendreien.

  5. Nun sollte man sich doch 'mal Gedanken machen, was der Sinn des Sportes ist.
    In erster Linie soll er der 'Leibesertüchtigung', wie das früher mal hieß, dienen. Sagen wir heute mal Fitness. Diese erreicht man durch entsprechendes Üben, sprich Training.
    Dann soll es im Idealfall noch Spaß bringen.
    Und 'Abfallprodukt' dabei ist dann der Wettkampf.
    Weil der Mensch - zumindest viele - Spaß daran und den Ehrgeiz haben, den anderen zu beweisen, dass sie besser sind.
    Und da geht's los: Ehrgeiz, besser sein wollen, Prestige, Ruhm, Glanz - koste es was es wolle, und sei's die Gesundheit, die der Sport ja eigentlich fördern sollte.

    Also, Pille rein, Essenzen rein, Blut raus, Mittel ins Blut, Blut wieder rein, etc. p.p.

    Ähhh - ist da nicht etwas falsch gelaufen?
    Ist das der wirkliche Sinn, ist es so gemeint?

    Antwort auf ".....?"
  6. Ich nehme mal an, Sie sprechen sich für die Freigabe von Dopinig aus. Warum eigentlich? Damit Sie sich brüsten können, einer Nation anzugehören, deren Sportler die besseren Dopingpraktiken haben?

    Die Freigabe von Doping ist ein eben solches Rattenrennen, was am Ende niemand gewinnt und zu Lasten der Sportler geht. Ein Doper will sich einen Leistungsvorteil gegenüber anderen Sportlern/Dopern verschaffen. Es geht nicht darum, eini Rennen (ein Spiel) zu schaffen, es geht ums Gewinnen. Und wenn alle dopen dürfen, ist dieser Vorteil dahin. Also müssen härtere Mittel eingeworfen werden. Am Ende folgen noch mehr kranke Sporlter, noch mehr tote Sportler. Ist es das, was Sie wollen?

    Nebenbei, bei nahezu allen Dopingmitteln handelt es sich um Medikamente, die für bestimmte Krankheiten gedacht sind. Man nimmt die Nebenwirkungen in Kauf, weil diese weniger schlimm sind als die eigentliche Krankheit. Es handelt sich also nicht um eigens für Sportler hergestellte Chemiekeulen, sondern diese bergen teilweise schwere Nebenwirkungen, die erst später auftreten. Wollen Sie auch das? Jemand riskiert seine Gesundheit, um aufs Podium zu kommen? Tut mir leid, dem kann ich nicht folgen. Manchmal muss man Menschen eben vor sich selber schützen. Sportler sind auch Vorbilder und ich möchte meinen Kindern erzählen, es geht um eine selbst erbrachte Leistung und nicht eine, die mit Hilfe irgendwelcher zweifelhaften Mittelchen erkauft wurden. Zu Lasten der Gesundheit obendreien.

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    Antwort auf ".....?"

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte IOC | NBC | Weltmeisterschaft | Baseball | Basketball | Bundesliga
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