Das Spiel der Polen gegen die Russen hat an die Seminare zur gemeinsamen Geschichte mit Vertretern beider Länder erinnert: Die Veranstalter laden dabei gerne eine dritte Nation hinzu. Oft sind es die Deutschen – in Opfer- und vor allem Tätergeschichte mit den anderen eng verbunden. Solch ein Dreiertreffen soll die zweiseitigen Spannungen aufweichen.

In Warschau pfiff gestern Abend der Schiedsrichter Wolfgang Stark und bewahrte die Weißen und Roten vor zu viel Nahkampf. "Wolfgang Stark aus Ergolding", wie es so schön heißt, als Beispiel einer komplett überflüssigen Information. Was bedeutet uns Ergolding, wenn es in Warschau um die west- und ostslawische Ehre geht?

Die Brisanz des Aufeinandertreffens von Polen und Russland liegt im historischen Erbe beider Nationen: die Vertreibung der Polen aus dem Kreml, die polnischen Teilungen, die Ermordung polnischer Kriegsgefangener durch den sowjetischen Geheimdienst NKWD bei Katyn, der Absturz des polnischen Präsidentenflugzeugs in der Nähe des russischen Smolensk . Jede Menge Erinnerungslast liegt da schwer auf den Schultern und rumort in den Seelen. Politische Spannungen schwingen mit jedem Beinschuss mit.

Da ist es besser, auf alle fragwürdigen Wortspiele und Assoziationen zu verzichten: bloß kein "Stark-Schirokow-Pakt" nach einem angeblichen Foul an Schirokow und unrechtmäßigen Pfiff für Russland und kein Wort von der polnischen Teilung in Abwehrriegel und Offensivtrio! Sonst tut sich ein Minenfeld auf.

"Es geht hier nur um Fußball", würde der Uefa-Präsident Michel Platini vermutlich sagen und wieder einmal ziemlich daneben liegen. Der harte Kern der Fußballfans beider Lager hat zwar nur geringfügige Geschichtskenntnisse, dafür aber ein hervorragendes Gespür für Krawallpotenzial. In der Nacht vor dem Spiel belagerten polnische Fans das Hotel der russischen Mannschaft und grölten bis zum frühen Morgen, um den Spielern den Schlaf zu rauben. Am Nachmittag, dem russischen Nationalfeiertag, zog eine Kolonne von mehreren Tausend russischen Fans durch Warschau zum Stadion. Ursprünglich hatte es geheißen, die Russen würden sich mit alten Sowjetsymbolen ausstatten. Für die Polen eine Provokation.

Die polnischen Kollegen ließen sich nicht lange bitten, schwenkten Plakate mit den durchkreuzten Abbildern von Präsident Wladimir Putin und Stalin und zettelten Schlägereien an. Die Polizei setzte Wasserwerfer ein. Es gab 15 Verletzte und mehr als 130 Festnahmen. Wer es ins Stadion schaffte, sah auch dort Politik. "Stoppt Putin und den KGB", hieß es auf einem Plakat, das ein Pole dem russischen Fanblock entgegenstreckte. Als russische Fans während der Nationalhymnen vor dem Anpfiff eine riesige Flagge mit martialischem Schwert und der Aufschrift "This is Russia" enthüllten, gellten Pfiffe durch das Stadion.

Wer es ins Stadion schaffte, sah aber auch ein packendes Spiel zweier Mannschaften mit Tordrang und ohne übermäßige Härte . Was bleibt in Erinnerung? Dass Arschawin, der noch immer wie ein kleiner Junge auf dem Bolzplatz aussieht, einen Freistoß auf Dsagojew schlug. Der Nordossete nickte per Kopf und Schulter zum 1:0 ein. Wie sich der Schütze zum Ausgleich richtig buchstabiert: B-L-A-S-Z-C-Z-Y-K-O-W-S-K-I. Dass der polnische Trainer an der Seitenlinie seinen Spielern mit der Wasserflasche in der Hand und beängstigenden Ausholbewegungen drohte und Russlands Kerschakow später den Rasen als den schlechtesten bezeichnete, den er je bei einer Europameisterschaft gesehen habe. Allerdings waren das noch nicht so viele. Kerschakow hatte bei früheren Turnieren nur ein einziges Spiel absolviert, und das nicht einmal über 90 Minuten.

"Was für ein Kampf!", rief der russische Fernsehkommentator in der Schlussphase dann doch begeistert aus, als die meisten Spieler mit letzter Kraft rannten und stolperten. Dann kam der Schlusspfiff für ein gerechtes Ergebnis, das immerhin keine neuen Gräben aufreißt. Die polnische Polizei hatte auch so nach dem Spiel noch viel zu tun.