Ich bin keine Sportjournalistin. Genau genommen gehöre ich zu denen, die andere beim Public Viewing zur Weißglut bringen, wenn sie mit ihrer rein sympathiegetragenen Euphorie respektive Verzweiflung das Spielgeschehen kommentieren. Und in meiner Eigenschaft als EM-Patin der portugiesischen Nationalmannschaft habe ich mich in den vergangenen Tagen manchmal gefragt, ob ich nicht besser Vertrauenslehrerin geworden wäre.

Beim 3:2-Sieg Portugals gegen Dänemark gefiel es dem ZDF, Cristiano Ronaldo in der Wiederholung einer Szene rot einzukringeln, die belegt, dass er sich nicht mit seiner Mannschaft gefreut hat, als jemand anders ein Tor geschossen hat. Er selbst hatte zuvor zwei grandiose Chancen vergeben. Und am Ende, genau genommen schon vorher, waren sich alle einig darüber, was für ein arroganter, selbstverliebter Sack dieser Ronaldo ist. Ich dagegen bin in solchen Situationen geneigt, ihn als tragische Figur zu sehen, und frage mich meistens, was in seiner Kindheit schief gelaufen sein mag. Hat seine Mutter ihn nicht genug geliebt? Bekam er nicht genügend Sanostol wie all die anderen traurigen Kinder aus der Siebziger-Jahre-Werbung?

Im Spiel gegen die Niederlande hat mein Team nun endlich, endlich ins Turnier gefunden. Die Portugiesen waren in der Begegnung die klar überlegene Mannschaft. Über weite Strecken spielte sich die Partie sogar recht ausschließlich in der holländischen Hälfte ab. Aber portugiesische Fans wissen aus leidvoller Erfahrung, dass das nicht zwangsläufig zu rot-grünen Siegen führt.

Immer wieder ist unser Patenkind das schönste und begabteste auf dem Schulhof und kriegt trotzdem kurz vorm Klingeln das Pausenbrot abgenommen. Wäre ich Vertrauenslehrerin, würde ich die Eltern der anderen Jungs zu einem Gespräch bitten. Im Fußball baut sich in solchen Momenten ein Experte vor einem auf und sagt: "Ja, hat der João halt Pech gehabt, wenn er sich auf die Nase hauen lässt. Gewinner ist, wer am Ende das Pausenbrot in der Hand hält." Im Grunde verachte ich diesen Sport.

Doch diesmal kam es anders. Kehrt man die Fakten zusammen, ist die Begegnung vom Sonntagabend schnell erzählt. Obwohl der niederländische Bondscoach Bert van Marwijk mit Klaas-Jan Huntelaar und Robin van Persie alles an Offensive aufbietet, was sich derzeit im Land der Tulpen, Grachten und Vorrundenausscheider so tummelt, taten sich die Oranjes nach dem frühen Führungstreffer von Rafael van der Vaart in der 11. Minute schwer. Die Portugiesen arbeiteten sich unterdessen mit Schüssen an Außennetz und Pfosten immer näher in Richtung Ausgleichstreffer.

Bis der natürlich Cristiano Ronaldo in der 28. Minute gelang. So wie es zur gleichen Zeit in Lemberg beim Spiel der Deutschen gegen Dänemark stand, hätte den Portugiesen ein Unentschieden für den Einzug ins Viertelfinale gereicht. Stattdessen machten sie mit dem 2:1 in der 74. Minute allen Schmerz des ersten Vorrundenspiels vergessen. Nach einem präzisen Pass von Nani, ließ Ronaldo den Verteidiger aussteigen, wartete gelassen die Reaktion des niederländischen Torwarts ab. Und versenkte den Ball im kurzen Eck.

Als Vertrauenslehrerin verteilt man in solchen Situationen Lutscher. Als Journalistin schreibt man: "Ein verdienter Sieg." Als EM-Patin der Portugiesen brüllt man: "Hurra!" Und ehrlich gesagt denkt man ganz still für sich: Finale.