Portugal – NiederlandeRonaldo und sein Pausenbrot

Vor wenigen Tagen hatte sich unsere EM-Patin Karin Betancur noch um Cristiano Ronaldo gesorgt. Hat seine Mutter ihn nicht genug geliebt? Jetzt träumt sie vom Finale. von Karin C. Betancur

Endlich Sanostol: Cristiano Ronaldo

Endlich Sanostol: Cristiano Ronaldo  |  © Lars Baron/Bongarts/Getty Images

Ich bin keine Sportjournalistin. Genau genommen gehöre ich zu denen, die andere beim Public Viewing zur Weißglut bringen, wenn sie mit ihrer rein sympathiegetragenen Euphorie respektive Verzweiflung das Spielgeschehen kommentieren. Und in meiner Eigenschaft als EM-Patin der portugiesischen Nationalmannschaft habe ich mich in den vergangenen Tagen manchmal gefragt, ob ich nicht besser Vertrauenslehrerin geworden wäre.

Karin Ceballos Betancur
Karin Ceballos Betancur

Karin Ceballos Betancur ist Autorin der ZEIT und kann Cristiano Ronaldo nicht weinen sehen.

Beim 3:2-Sieg Portugals gegen Dänemark gefiel es dem ZDF, Cristiano Ronaldo in der Wiederholung einer Szene rot einzukringeln, die belegt, dass er sich nicht mit seiner Mannschaft gefreut hat, als jemand anders ein Tor geschossen hat. Er selbst hatte zuvor zwei grandiose Chancen vergeben. Und am Ende, genau genommen schon vorher, waren sich alle einig darüber, was für ein arroganter, selbstverliebter Sack dieser Ronaldo ist. Ich dagegen bin in solchen Situationen geneigt, ihn als tragische Figur zu sehen, und frage mich meistens, was in seiner Kindheit schief gelaufen sein mag. Hat seine Mutter ihn nicht genug geliebt? Bekam er nicht genügend Sanostol wie all die anderen traurigen Kinder aus der Siebziger-Jahre-Werbung?

Anzeige

Im Spiel gegen die Niederlande hat mein Team nun endlich, endlich ins Turnier gefunden. Die Portugiesen waren in der Begegnung die klar überlegene Mannschaft. Über weite Strecken spielte sich die Partie sogar recht ausschließlich in der holländischen Hälfte ab. Aber portugiesische Fans wissen aus leidvoller Erfahrung, dass das nicht zwangsläufig zu rot-grünen Siegen führt.

Immer wieder ist unser Patenkind das schönste und begabteste auf dem Schulhof und kriegt trotzdem kurz vorm Klingeln das Pausenbrot abgenommen. Wäre ich Vertrauenslehrerin, würde ich die Eltern der anderen Jungs zu einem Gespräch bitten. Im Fußball baut sich in solchen Momenten ein Experte vor einem auf und sagt: "Ja, hat der João halt Pech gehabt, wenn er sich auf die Nase hauen lässt. Gewinner ist, wer am Ende das Pausenbrot in der Hand hält." Im Grunde verachte ich diesen Sport.

Doch diesmal kam es anders. Kehrt man die Fakten zusammen, ist die Begegnung vom Sonntagabend schnell erzählt. Obwohl der niederländische Bondscoach Bert van Marwijk mit Klaas-Jan Huntelaar und Robin van Persie alles an Offensive aufbietet, was sich derzeit im Land der Tulpen, Grachten und Vorrundenausscheider so tummelt, taten sich die Oranjes nach dem frühen Führungstreffer von Rafael van der Vaart in der 11. Minute schwer. Die Portugiesen arbeiteten sich unterdessen mit Schüssen an Außennetz und Pfosten immer näher in Richtung Ausgleichstreffer.

Bis der natürlich Cristiano Ronaldo in der 28. Minute gelang. So wie es zur gleichen Zeit in Lemberg beim Spiel der Deutschen gegen Dänemark stand, hätte den Portugiesen ein Unentschieden für den Einzug ins Viertelfinale gereicht. Stattdessen machten sie mit dem 2:1 in der 74. Minute allen Schmerz des ersten Vorrundenspiels vergessen. Nach einem präzisen Pass von Nani, ließ Ronaldo den Verteidiger aussteigen, wartete gelassen die Reaktion des niederländischen Torwarts ab. Und versenkte den Ball im kurzen Eck.

Als Vertrauenslehrerin verteilt man in solchen Situationen Lutscher. Als Journalistin schreibt man: "Ein verdienter Sieg." Als EM-Patin der Portugiesen brüllt man: "Hurra!" Und ehrlich gesagt denkt man ganz still für sich: Finale.
 

Zur Startseite
 
Leserkommentare
  1. Ronaldo: ein "arroganter, selbstverliebter Sack"
    Reicht doch.

    2 Leserempfehlungen
  2. meine Theorie ist, zuviel Marketing verdirbt den Charakter. Das erst hat seine ganzen Anlagen so in diese extreme Richtung gebracht.

    Der innere Anspruch, im Rampenlicht zu stehen , das ist etwas, das jedem gut tut. Nur sind sich gescheitere Naturen im klaren, dass es noch etwas anderes gibt, was man Gemeinsinn nennen könnte. Und letzteres hat eigentlich nur Bedeutung, weil es nachhaltig ist.
    Und der Gemeinsinn fehlt Ronaldo ein bisserl ne? Erinnert an Manager, denen das auch fehlt, - und die mit Porsche ihr Naturtalent der Ego-Geilheit ausleben, und statt Tore zu scheissen (sollte schiessen heissen), drücken sie aufs Gaspedal und ergötzen sich an Geschwindigkeit, die sie selbst in der Hand haben, und da fliegt dann auch mal ein Kind durch die Gegend, am Kotflügel gestreift. Ronaldo fährt bestimmt auch Sportwagen-

  3. Sehr hübsch anzuschauen war, wie Ronaldo das überaus wichtige 1:1 schießt oder auch das erlösende 2:1 und er einfach keinen Mitspieler zu sich zur Eckfahne zitiert bekommt, um ihn zu bejubeln (und wenn dann nur sehr zögerlich).
    Der Typ ist so ein Honk ô_0

    Ich kann mich einfach nicht richtig für eine Mannschaft freuen, wenn Ronaldo dazugehört.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    so hätten wirs halt immer noch ganz gerne.
    In der Realität sind es eben 11 Profis, eine Zweckgemeinschaft. Die sich auch im Erfolgsfall entsprechend verhält.

  4. so hätten wirs halt immer noch ganz gerne.
    In der Realität sind es eben 11 Profis, eine Zweckgemeinschaft. Die sich auch im Erfolgsfall entsprechend verhält.

    Antwort auf "Ausgrenzung"
  5. Ich liebe die Bildunterschrift: Endlich Sanostol!
    Das bringt's doch auf den Punkt: Ein Kleinkind!

    Eine Leserempfehlung
  6. 6. Danke.

    Sehr sympathisch geschrieben. Ihre Unzulänglichkeit was Fußball angeht ist nicht tragisch. Wer hat schon wirklich Ahnung vom Wichtigsten der unwichtigen Dinge dieses Lebens. Ich muss ehrlich sagen, dass ist bisher das Beste was ich zu dieser EM gelesen habe. Keine gebetsmühlenartige Wiederholung der immer gleich Abgesänge auf die Kunst dieses Spiels.
    Danke

    3 Leserempfehlungen
  7. Bitte das nächste Mal den Artikel beim Goldenen Blatt abgeben!

    2 Leserempfehlungen
  8. Ronaldo Vater war Alkoholiker und starb mit 51 Jahren an Leberversagen. Damals war Ronaldo 20 Jahre alt.
    Das klingt so, als hätte er nicht nur eine einfache Kindheit gehabt.

    Das sollte man vielleicht wissen, bevor man "lustiges" über Musterschüler, Pausenbrote und Vertrauenslehrer schreibt.

    Eine Leserempfehlung

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Serie EM-Teams
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Cristiano Ronaldo | Niederlande | Portugal | Bert van Marwijk | Nationalmannschaft | Dänemark
Service