Warum er nicht als Sportdirektor auf die Fußballbühne zurückkehren wolle, wurde Ralf Rangnick vor ein paar Wochen gefragt. In etwas weniger exponierter Stellung also. "So wie Volker Finke?", antwortete Rangnick mit einem Grinsen. Das nötige Know-how für den Managerposten würde er mitbringen, aber im Herzen wäre er dann immer noch Trainer, sagte er, so wie der in Köln gescheiterte Finke. Dann lächelte Ralf Rangnick wieder und zitierte seine Frau: "Die meint, ich als Sportdirektor würde sowieso keinen Trainer finden, der es mir recht machen könnte."

Jetzt müssen gleich zwei Trainer die Erwartungen des Ralf Rangnick erfüllen: Roger Schmidt, der vom deutschen Zweitligisten SC Paderborn zum österreichischen Meister RB Salzburg wechselt, und Peter Pacult bei RB Leipzig , dem ambitionierten Regionalligisten. Ralf Rangnick selbst, der heute in Salzburg als neuer Sportdirektor der beiden Redbull-Klubs vorgestellt wurde , hatte zuletzt mehrere Trainer-Angebote abgelehnt. Hertha BSC, Besiktas Istanbul , RSC Anderlecht, West Bromwich, Tottenham Hotspur – es verging keine Woche, in der nicht neue Gerüchte über Rangnicks Trainer-Comeback kursierten. Der 53-Jährige prüfte die Angebote ganz genau, und wurde doch Sportdirektor.

Es scheint, als hätte Rangnick in den vergangenen Wochen und Monaten tatsächlich viel dazu gelernt. Weniger in fußballtaktischer Hinsicht, da konnte man ihm, dem "Professor", der Ende der Neunziger Jahre keck genug war, als Trainer-Nobody beim SSV Ulm die ballorientierte Raumdeckung im deutschen Profifußball einzuführen, schon vor seiner Auszeit nichts vormachen. Diesmal ging es um viel wichtigere, existenziellere Dinge. Glaubt man Ralf Rangnick, hat er nach seinem Zusammenbruch im September vergangenen Jahres, als er völlig entkräftet seinen Rücktritt beim FC Schalke 04 erklären musste, Überlebensstrategien entwickelt. Er hätte die Ernährung komplett umgestellt, machte öfter Handy und Laptop aus, und wolle "ganz einfach besser auf sich aufpassen".

Kein Erholungseffekt mehr

Erst kürzlich hat Ralf Rangnick in der Stadthalle zu Leutkirch, einer Kleinstadt im Allgäu über seine guten Vorsätze gesprochen. Es war erst sein zweiter öffentlicher Auftritt seit seinem Rücktritt bei Schalke. Rangnick war zu Gast beim "Talk im Bock". "Gespräche, die unter die Haut gehen mit Gästen, die etwas zu sagen haben", lautet der Untertitel der Veranstaltungsreihe.

Und Ralf Rangnick hatte wirklich etwas zu sagen, fühlte sich wohl im vollbesetzten Saal, verfiel mehr und mehr ins Schwäbische Idiom, je länger der Abend dauerte und unterhielt das Publikum mit netten Anekdoten. Zum Beispiel wie der Fliesenleger und Abwehrspieler Günther Posowert die entsetzten Anhänger des Landesligisten SC Korb noch während des Spiels beruhigen musste, weil Rangnick die Manndeckung abschaffte und plötzlich so viele gegnerische Spieler frei standen. Dass Señor Raúl nicht der Trainingsfleißigste gewesen sei und Frau Ribbeck nach Rangnicks legendärem Auftritt an der Taktiktafel im "Aktuellen Sportstudio" – angeblich – zu ihrem Mann, dem damaligen Bundestrainer, sagte: "Mensch Erich, das hab‘ sogar ich verstanden. Warum lässt du nicht so spielen?"

Aber Rangnick sprach auch über seine Leidenszeit, das Ausgebranntsein und wie er wieder zu Kräften kam. Die wohl wichtigste Maßnahme traf er im Februar. Er, der sonst immer gleich zur Stelle war, sagte tatsächlich nein, kein Einsatz vor Beginn der neuen Saison, als die ersten Anfragen für die laufende Spielzeit eingingen. Rangnick wollte nicht denselben Fehler wie vor einem Jahr machen. Nach seiner Hoffenheimer Zeit, die im Streit mit dem Mäzen Dietmar Hopp abrupt beendet war, trat Rangnick die Nachfolge von Felix Magath an. Eigentlich wollte sich Rangnick damals schon eine Pause bis zum Start der neuen Spielzeit gönnen. Auch, weil er bereits in der Spätphase als 1899-Trainer Veränderungen an sich selbst erkannt hatte. "Ich war öfter gereizt und habe nicht immer mit kühlem Kopf reagiert", erzählte er.

Mit Schalke gewann Rangnick den DFB-Pokal – sein erster großer Titel – und zog dank eines grandiosen Auftritts gegen Inter Mailand ins Halbfinale der Champions League ein. Doch der Einsatz war zu hoch. Der Workaholic, der laut ehemaliger Wegbegleiter weder sich noch die Menschen in seinem Umfeld schonte und am liebsten auch den Mannschaftsbus selbst gesteuert hätte, fuhr in der Sommerpause zweimal mit seiner Frau in den Urlaub. "Aber beide Male trat kein Erholungseffekt ein", erinnert sich Rangnick. "Und wenig später im Trainingslager, eigentlich die schönste Zeit im Trainerjob, ging alles nur noch über Wille und Disziplin."