Public ViewingEin Italiener auf der Fanmeile

Ein blauer Punkt im schwarz-rot-goldenen Meer: Unser italienischer Autor Fabio Ghelli hatte Angst vor der Fanmeile. Nach dem EM-Halbfinale stellt er fest: Zu Unrecht.

Fabio Ghelli (l.) und einer von mehr als 500.000 deutschen Fans auf der Berliner Fanmeile

Fabio Ghelli (l.) und einer von mehr als 500.000 deutschen Fans auf der Berliner Fanmeile

Ich stehe vor dem Brandenburger Tor in Berlin. Dahinter: Freude, Jubel und Gesang, die Fanmeile von Berlin vor dem Halbfinale zwischen Italien und Deutschland. Ich atme tief ein und ziehe mir mein Italien-Trikot über den Kopf. Dann schreite ich durch das Tor.

Ich bin in Italien geboren und aufgewachsen. Meine Mutter ist Deutsche. Mein Vater Italiener. Genau wie beim italienischen Mittelfeldspieler Riccardo Montolivo. Er sagte neulich, er sei zu 90 Prozent Italiener. Nachdem ich vor zwei Jahren nach Berlin gezogen bin, liegt bei mir das Verhältnis bei vierzig-sechzig. Einige Freunde haben mir abgeraten, hierher zu kommen. Aber etwas in mir sagt mir, dass es richtig ist.

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Obwohl es erst 19 Uhr ist, noch knapp zwei Stunden bis zum Anpfiff, muss ich mich bereits durch Menschengewühl drängen. Die Berliner Fanmeile ist bereits zur Hälfte gefüllt. Von allen Seiten strömen Jugendliche in Deutschland-Trikots auf die Straße des 17. Juni. Aus den Lautsprechern dröhnt Technomusik. Bis jetzt ist es ein großes Straßenfest.

Nur ich passe nicht rein. Viele starren mich an. Einige müssen sogar zwei Mal hinschauen. Ich komme mir vor wie der einzige blaue Punkt in einem schwarz-rot-goldenen Meer.

Mit gesenktem Haupt versuche ich weiterzukommen. Hinter mir höre ich die ersten Sprüche: "Hau ab, du Spaghettifresser". Ich mache mich noch kleiner. Ein Afroamerikaner in einem Deutschland-Trikot klopft mir auf die Schulter: "You are a brave man", sagt er. Mutig, na ja, eigentlich habe ich ziemlich Schiss.

Plötzlich erblicke ich andere blaue Punkte. Es sind drei Italiener. Sie wirken etwas eingeschüchtert. Haben sie Angst? "Auf keinen Fall", sagt Salvatore. Er wohnt seit mehreren Jahren in Berlin und arbeitet in einem Restaurant. "Die Deutschen sind doch freundlich. Sollte Italien gewinnen, würde ich aber ziemlich schnell und unauffällig nach Hause gehen."

Ich ziehe weiter. Die Italiener haben mir Mut gemacht. Dabei merke ich, dass hinter den finsteren Blicken Respekt aufleuchtet. Ich hebe meinen Kopf, zwinge mich, gerader zu laufen. Die Stimmung um mich herum ändert sich augenblicklich. Ich bekomme zwar noch einige unangenehme Sprüche zu hören. Aber die meisten Zuschauer lächeln mich an und heben ihre Bierbecher als Zeichen der Anerkennung.

Ich traue mich sogar, einige Fans anzusprechen. Ein Foto zusammen? "Klar Mann, mit Freude", antwortet Jan, ein junger Mann mit schwarz-rot-goldener Perücke. "Zieh mal das richtige Trikot an!", ruft mir Pete zu. Der Elftklässler ist mit seinen Schulkameraden zur Fanmeile gekommen. Er kennt die Geschichte des deutsch-italienischen Duells. "Heute werden wir Geschichte neu schreiben", sagt er.

Heini denkt das auch. Der kräftige Kaufmann ist extra aus Hamburg gekommen, um das Spiel auf der Berliner Fanmeile zu sehen. "Wie konnte ich bei Italien-Deutschland zu Hause hocken?", sagt er. Ein Foto zusammen? Er mustert mich für einige Sekunden nachdenklich. "Nur wenn du dir schwarz-rot-gold auf die Wange malen lässt." Ich stimme zu.

Ein paar Meter weiter sehe ich zwei Jugendliche mit italienischen Fahnen. Italiener? Nein, Amerikaner, aber mit italienischen Wurzeln. "Denkst du, dass es gefährlich sein könnte? Wir haben schreckliche Sachen über die europäischen Fußballfans gehört", fragt Mike. Diesmal bin ich derjenige, der Mut machen muss. "Keine Angst. Es ist ja eine große Party", antworte ich.

Leserkommentare
    • noon44
    • 29.06.2012 um 15:45 Uhr
    2 Leserempfehlungen
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    Wenn ich mir die handvoll Berichte über Fremdenfeindlichkeit in Relation zu der Gesamtzahl an Fanmeilen, Public Viewings, etc. stelle, dann haben die Opfer von Fremdenhass wohl eher Pech gehabt.

    Der vom Autor geschilderte Fall ist nämlich die Regel und nicht die einzelnen braunen Dummköpfe.

    2010 gab es 762 Gewaltfälle mit rechtem Hintergrund. Mehr als 5 mal so viele sterben im Straßenverkehr.

    Das angebliche Nationalismusproblem durch das bisschen Fähnen schwenken existiert nicht. Als Italiener gesund nach Hause zu kommen hat mit Glück nichts zu tun. Oder bin ich glücklich, wenn ich 100km Landstraße überlebt habe?

    Wenn ich mir die handvoll Berichte über Fremdenfeindlichkeit in Relation zu der Gesamtzahl an Fanmeilen, Public Viewings, etc. stelle, dann haben die Opfer von Fremdenhass wohl eher Pech gehabt.

    Der vom Autor geschilderte Fall ist nämlich die Regel und nicht die einzelnen braunen Dummköpfe.

    2010 gab es 762 Gewaltfälle mit rechtem Hintergrund. Mehr als 5 mal so viele sterben im Straßenverkehr.

    Das angebliche Nationalismusproblem durch das bisschen Fähnen schwenken existiert nicht. Als Italiener gesund nach Hause zu kommen hat mit Glück nichts zu tun. Oder bin ich glücklich, wenn ich 100km Landstraße überlebt habe?

  1. "Hau ab, du Spaghettifresser"
    "Sollte Italien gewinnen, würde ich aber ziemlich schnell und unauffällig nach Hause gehen."
    "Ich bekomme zwar noch einige unangenehme Sprüche zu hören [...]"
    "Ich hoffe dass Italien gewinnt. Auch wenn mir meine Schulkameraden dafür zwei blaue Augen verpassen werden."

    Ja... ein harmloses Fußballfest mit ein paar Neckereien, keinesfalls Nationalismus. Neee, ist klar.

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    ...so sind sie trotzdem kein Anzeichen von Nationalismus.
    Wenn ich mich mit meinem Werder Bremen-Trikot in die Fankurve des HSV stellen würde, bekäme ich mindestens ähnliche Dinge zu hören. Je nach Tagesform bekäme ich vermutlich direkt eins auf die Schnauze.
    Das mag kein sehr schlaues Verhalten sein, und Fußballfans sind nunmal auch einfach ein Querschnitt durch die Gesellschaft. Aber Nationalismus ist das nicht.
    Also bitte bitte bitte damit aufhören, dieser Tage überall Nationalismus zu sehen... Danke :-)

    Wenn ich mich als Lautern Fan in die Fankurve der SGE begebe lebe ich mit der sicheren Gewissheit verprügelt zu werden und als "Bauernpack" "Scheiß Pfälzer" etc beschimpft zu werden.

    Ich wüsste jetzt nicht dass die Frankfurter die Menschen links vom Rhein prinzipiell verachten. "Dumme Sprüche" beim Fußball haben mit Nationalismus überhaupt ganz und gar nichts zu tun.

    ...so sind sie trotzdem kein Anzeichen von Nationalismus.
    Wenn ich mich mit meinem Werder Bremen-Trikot in die Fankurve des HSV stellen würde, bekäme ich mindestens ähnliche Dinge zu hören. Je nach Tagesform bekäme ich vermutlich direkt eins auf die Schnauze.
    Das mag kein sehr schlaues Verhalten sein, und Fußballfans sind nunmal auch einfach ein Querschnitt durch die Gesellschaft. Aber Nationalismus ist das nicht.
    Also bitte bitte bitte damit aufhören, dieser Tage überall Nationalismus zu sehen... Danke :-)

    Wenn ich mich als Lautern Fan in die Fankurve der SGE begebe lebe ich mit der sicheren Gewissheit verprügelt zu werden und als "Bauernpack" "Scheiß Pfälzer" etc beschimpft zu werden.

    Ich wüsste jetzt nicht dass die Frankfurter die Menschen links vom Rhein prinzipiell verachten. "Dumme Sprüche" beim Fußball haben mit Nationalismus überhaupt ganz und gar nichts zu tun.

  2. Ich habe ähnliches 2006 in Rostock gesehen. Public viewing. 3-4 Italiener und 2000 Ost- und Westgoten. Keine Probleme. Nette Party ohne Pöbeleien oder gar Schlimmeres.

    Eine Leserempfehlung
  3. ...so sind sie trotzdem kein Anzeichen von Nationalismus.
    Wenn ich mich mit meinem Werder Bremen-Trikot in die Fankurve des HSV stellen würde, bekäme ich mindestens ähnliche Dinge zu hören. Je nach Tagesform bekäme ich vermutlich direkt eins auf die Schnauze.
    Das mag kein sehr schlaues Verhalten sein, und Fußballfans sind nunmal auch einfach ein Querschnitt durch die Gesellschaft. Aber Nationalismus ist das nicht.
    Also bitte bitte bitte damit aufhören, dieser Tage überall Nationalismus zu sehen... Danke :-)

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    sie haben recht, im Vereinstrikot kann ihnen das auch passieren. Das ist dieses höllische Gruppendenken.

    Und Gruppenspezifischer Hass auf jeweils andere Gruppen, hat bei bestimmten Gruppen bestimmte Namen. Bei Männenr und Frauen ist es Sexismus, bei Ethnien Rassismus und bei Nationen - sie ahnen es - Nationalismus.

    sie haben recht, im Vereinstrikot kann ihnen das auch passieren. Das ist dieses höllische Gruppendenken.

    Und Gruppenspezifischer Hass auf jeweils andere Gruppen, hat bei bestimmten Gruppen bestimmte Namen. Bei Männenr und Frauen ist es Sexismus, bei Ethnien Rassismus und bei Nationen - sie ahnen es - Nationalismus.

  4. sie haben recht, im Vereinstrikot kann ihnen das auch passieren. Das ist dieses höllische Gruppendenken.

    Und Gruppenspezifischer Hass auf jeweils andere Gruppen, hat bei bestimmten Gruppen bestimmte Namen. Bei Männenr und Frauen ist es Sexismus, bei Ethnien Rassismus und bei Nationen - sie ahnen es - Nationalismus.

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    Ich stimme Ihnen da zu. Ich glaube aber schon, dass es sich um fußballbasierte Emotionen handelt, nicht um nationalistische. Die Trennung zwischen der Elftal (um mal ein Beispiel für eine sehr verhasste Mannschaft zu nehmen) und ihrer Nation "Niederlande" halte ich bei >95% für gegeben.
    Also Fußballerei, kein Nationalismus. :-)

    Ich stimme Ihnen da zu. Ich glaube aber schon, dass es sich um fußballbasierte Emotionen handelt, nicht um nationalistische. Die Trennung zwischen der Elftal (um mal ein Beispiel für eine sehr verhasste Mannschaft zu nehmen) und ihrer Nation "Niederlande" halte ich bei >95% für gegeben.
    Also Fußballerei, kein Nationalismus. :-)

  5. Ich stimme Ihnen da zu. Ich glaube aber schon, dass es sich um fußballbasierte Emotionen handelt, nicht um nationalistische. Die Trennung zwischen der Elftal (um mal ein Beispiel für eine sehr verhasste Mannschaft zu nehmen) und ihrer Nation "Niederlande" halte ich bei >95% für gegeben.
    Also Fußballerei, kein Nationalismus. :-)

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    • Nulty
    • 29.06.2012 um 18:56 Uhr

    Aha, Sie halten die Trennung also unbedingt für gegeben. Warum um alles in der Welt ist es dann nicht möglich, dass man dem "gegnerischen" Fan nach dem Spiel einfach gratuliert?
    Wieso kann man sich nicht einfach mit den Italienern freuen? Ich hab immer gedacht das sind unsere Freunde. Und es ist doch bloß Sport.
    "Hau ab Du Spaghettifresser" kann ich vielleicht(!) im Scherz zu Leuten sagen die ich wirklich gut kenne. Aber doch bitteschön nicht irgendwem der alleine im "falschen" Trikot über die Fanmeile läuft.
    Ich finds extrem peinlich.

    • Nulty
    • 29.06.2012 um 18:56 Uhr

    Aha, Sie halten die Trennung also unbedingt für gegeben. Warum um alles in der Welt ist es dann nicht möglich, dass man dem "gegnerischen" Fan nach dem Spiel einfach gratuliert?
    Wieso kann man sich nicht einfach mit den Italienern freuen? Ich hab immer gedacht das sind unsere Freunde. Und es ist doch bloß Sport.
    "Hau ab Du Spaghettifresser" kann ich vielleicht(!) im Scherz zu Leuten sagen die ich wirklich gut kenne. Aber doch bitteschön nicht irgendwem der alleine im "falschen" Trikot über die Fanmeile läuft.
    Ich finds extrem peinlich.

    • Nulty
    • 29.06.2012 um 18:56 Uhr

    Aha, Sie halten die Trennung also unbedingt für gegeben. Warum um alles in der Welt ist es dann nicht möglich, dass man dem "gegnerischen" Fan nach dem Spiel einfach gratuliert?
    Wieso kann man sich nicht einfach mit den Italienern freuen? Ich hab immer gedacht das sind unsere Freunde. Und es ist doch bloß Sport.
    "Hau ab Du Spaghettifresser" kann ich vielleicht(!) im Scherz zu Leuten sagen die ich wirklich gut kenne. Aber doch bitteschön nicht irgendwem der alleine im "falschen" Trikot über die Fanmeile läuft.
    Ich finds extrem peinlich.

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    Ja, ich halte eine Trennung für gegeben. Und Sie liefern mir auch kein einziges Gegenargument.
    Ja, natürlich ist es "nur Sport" (ob es jmd zusteht, die Wichtigkeit für andere Menschen zu bestimmen, sei mal dahingestellt. Ich bin sehr fußballaffin, dafür ist es mir egal, wer Nummer eins der Tennisweltrangliste ist).
    Und natürlich ist es extrem peinlich und dumm, wie ich weiter oben schrieb. Aber warum sollen das Indikatoren für Nationalismus sein?

    Heute kann ich Italienern sicher gratulieren. Gestern Abend hätte ich es auch nicht gekonnt; meine Freundin hätte mich fast aus dem Wohnzimmer geworfen ob meines Fluchens. ;-)

    Wie gesagt, solche Leute sind Idioten. Aber deswegen noch lange keine Nationalisten.

    Ja, ich halte eine Trennung für gegeben. Und Sie liefern mir auch kein einziges Gegenargument.
    Ja, natürlich ist es "nur Sport" (ob es jmd zusteht, die Wichtigkeit für andere Menschen zu bestimmen, sei mal dahingestellt. Ich bin sehr fußballaffin, dafür ist es mir egal, wer Nummer eins der Tennisweltrangliste ist).
    Und natürlich ist es extrem peinlich und dumm, wie ich weiter oben schrieb. Aber warum sollen das Indikatoren für Nationalismus sein?

    Heute kann ich Italienern sicher gratulieren. Gestern Abend hätte ich es auch nicht gekonnt; meine Freundin hätte mich fast aus dem Wohnzimmer geworfen ob meines Fluchens. ;-)

    Wie gesagt, solche Leute sind Idioten. Aber deswegen noch lange keine Nationalisten.

  6. Wenn ich mir die handvoll Berichte über Fremdenfeindlichkeit in Relation zu der Gesamtzahl an Fanmeilen, Public Viewings, etc. stelle, dann haben die Opfer von Fremdenhass wohl eher Pech gehabt.

    Der vom Autor geschilderte Fall ist nämlich die Regel und nicht die einzelnen braunen Dummköpfe.

    2010 gab es 762 Gewaltfälle mit rechtem Hintergrund. Mehr als 5 mal so viele sterben im Straßenverkehr.

    Das angebliche Nationalismusproblem durch das bisschen Fähnen schwenken existiert nicht. Als Italiener gesund nach Hause zu kommen hat mit Glück nichts zu tun. Oder bin ich glücklich, wenn ich 100km Landstraße überlebt habe?

    Antwort auf "Glück gehabt...."

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