Griechischer Jubel, russische Fassungslosigkeit © Alex Grimm/Bongarts/Getty Images

In dieser Nacht, soviel schien vor dem Anpfiff klar, würde es jede Menge spontaner und unerlaubter Demonstrationen in Moskau geben. Das Versammlungsrecht ist derzeit ein heißes Thema in Russland . Vor ein paar Wochen noch sind viele, die stumm mit einem weißen Bändchen als Zeichen ihrer Opposition gegen Präsident Wladimir Putin den Moskauer Boulevardring entlang spazierten, von der Straße weg festgenommen worden.

Bei Fußballfans und Autokorsos, wie sie nach Eishockey-Siegen gegen Schweden oder anderen epochalen Triumphen vorkommen, reagiert die Polizei dagegen nachsichtig. Kollektives Freudenhupen, Fahnenschwenken und Schlangenlinienfahren waren auf den Moskauer Straßen zu erwarten. Es fehlte nur ein Erfolg gegen Griechenland .

Zwar wies der Leistungstrend der russischen Mannschaft nach dem fulminanten Startsieg gegen die Tschechen schon beim Unentschieden gegen Polen leicht nach unten. Aber die Euphorie, bei dieser Europameisterschaft mit schnellem Angriffsfußball auf Ballhöhe der führenden Fußballnationen mitspielen zu können, war noch lebendig. Der Blick auf die Statistik beruhigte weiter: Gegen Griechenland spielt Russland bevorzugt Unentschieden. Und das würde schon zum Weiterkommen reichen.

Für Griechenland stand ein Schicksalswochenende an. Am Samstag ging es um die Euro, am Sonntag gegen den Euro. Auf der Tribüne vermummten sich einige Fans mit goldenen Hellenenhelmen, die sowohl als Sichtblende vor den Leistungen der eigenen Mannschaft als auch als Schutz vor den russischen Hooligans dienen konnten.

Griechenlands Trainer Fernando Santos, der den Spitznamen "Mechaniker" trägt, da er nach seiner Fußballerlaufbahn erst als Ingenieur Fahrstühle repariert hatte, saß dank der Leistung seiner Mannschaft nach zwei Spielen noch im Erdgeschoss fest. Die Griechen begannen das Spiel kurzzeitig aktiv, um nach einigen Kleinchancen Russland drei Viertel des Feldes zu überlassen. Die Russen drängten nach vorne. Bald sank Trainer Santos auf der Bank zusammen wie ein Diogenes voller Sehnsucht nach der Tonne.

Doch Russlands Stürmer eiferten dem Wunderschützen Kerschakow nach, dessen Fehlversuche der Fernsehkommentator bald zweistellig zählte. Sie schossen aus allen Lagen kunstvoll vorbei. Nach 30 Minuten hatte sich Russland endgültig dem Gegner angepasst. Ein langatmiges 0:0 deutete sich an, bis in der Nachspielzeit der ersten Halbzeit Karagounis mit dem Dusel der aktiven Beihilfe Schirkows ein Tor gelang.

Die zweite Hälfte folgte der russischen Lebensweisheit, dass es, obwohl man es besser machen wollte, wie immer kam. Oder noch schlimmer. Advocaat brachte Pawljutschenko, einen Hoffnungsträger, weil Leistungsträger bei der Europameisterschaft vor vier Jahren neben Arschawin. Er betrat das Feld als "schlafender Riese" und verließ es als solcher nach dem Abpfiff wieder.