Griechenland – RusslandGriechen schleichen sich ins Viertelfinale wie einst in die Euro-Zone

Unser EM-Pate Johannes Voswinkel staunt über den Erfolg der Griechen. Und auch wieder nicht, weil seine Russen getreu eines alten russischen Lebensmottos ausschieden. von 

Griechischer Jubel, russische Fassungslosigkeit

Griechischer Jubel, russische Fassungslosigkeit  |  © Alex Grimm/Bongarts/Getty Images

In dieser Nacht, soviel schien vor dem Anpfiff klar, würde es jede Menge spontaner und unerlaubter Demonstrationen in Moskau geben. Das Versammlungsrecht ist derzeit ein heißes Thema in Russland . Vor ein paar Wochen noch sind viele, die stumm mit einem weißen Bändchen als Zeichen ihrer Opposition gegen Präsident Wladimir Putin den Moskauer Boulevardring entlang spazierten, von der Straße weg festgenommen worden.

Bei Fußballfans und Autokorsos, wie sie nach Eishockey-Siegen gegen Schweden oder anderen epochalen Triumphen vorkommen, reagiert die Polizei dagegen nachsichtig. Kollektives Freudenhupen, Fahnenschwenken und Schlangenlinienfahren waren auf den Moskauer Straßen zu erwarten. Es fehlte nur ein Erfolg gegen Griechenland .

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Johannes Voswinkel
Johannes Voswinkel

Johannes Voswinkel lebt in Moskau, ist Korrespondent der ZEIT und sammelt Witze über die russische Nationalmannschaft.

Zwar wies der Leistungstrend der russischen Mannschaft nach dem fulminanten Startsieg gegen die Tschechen schon beim Unentschieden gegen Polen leicht nach unten. Aber die Euphorie, bei dieser Europameisterschaft mit schnellem Angriffsfußball auf Ballhöhe der führenden Fußballnationen mitspielen zu können, war noch lebendig. Der Blick auf die Statistik beruhigte weiter: Gegen Griechenland spielt Russland bevorzugt Unentschieden. Und das würde schon zum Weiterkommen reichen.

Für Griechenland stand ein Schicksalswochenende an. Am Samstag ging es um die Euro, am Sonntag gegen den Euro. Auf der Tribüne vermummten sich einige Fans mit goldenen Hellenenhelmen, die sowohl als Sichtblende vor den Leistungen der eigenen Mannschaft als auch als Schutz vor den russischen Hooligans dienen konnten.

Griechenlands Trainer Fernando Santos, der den Spitznamen "Mechaniker" trägt, da er nach seiner Fußballerlaufbahn erst als Ingenieur Fahrstühle repariert hatte, saß dank der Leistung seiner Mannschaft nach zwei Spielen noch im Erdgeschoss fest. Die Griechen begannen das Spiel kurzzeitig aktiv, um nach einigen Kleinchancen Russland drei Viertel des Feldes zu überlassen. Die Russen drängten nach vorne. Bald sank Trainer Santos auf der Bank zusammen wie ein Diogenes voller Sehnsucht nach der Tonne.

Doch Russlands Stürmer eiferten dem Wunderschützen Kerschakow nach, dessen Fehlversuche der Fernsehkommentator bald zweistellig zählte. Sie schossen aus allen Lagen kunstvoll vorbei. Nach 30 Minuten hatte sich Russland endgültig dem Gegner angepasst. Ein langatmiges 0:0 deutete sich an, bis in der Nachspielzeit der ersten Halbzeit Karagounis mit dem Dusel der aktiven Beihilfe Schirkows ein Tor gelang.

Die zweite Hälfte folgte der russischen Lebensweisheit, dass es, obwohl man es besser machen wollte, wie immer kam. Oder noch schlimmer. Advocaat brachte Pawljutschenko, einen Hoffnungsträger, weil Leistungsträger bei der Europameisterschaft vor vier Jahren neben Arschawin. Er betrat das Feld als "schlafender Riese" und verließ es als solcher nach dem Abpfiff wieder.

Leserkommentare
    • iSinn
    • 17. Juni 2012 12:16 Uhr

    Ich wusste nicht, daß jetzt auch Unterstützer einer jeweiligen Mannschaft Artikel in der Zeit schreiben dürfen.

    Vielleicht hätte man das eingangs extra – und in rot markiert – erwähnen sollen. Dann, allerdings, sollte DIE ZEIT das auch die Sichtweise der anderen Seite, der griechischen, zulassen. Da hab ich aber nichts gelesen.
    [...]

    Gekürzt. Bitte bleiben Sie auf einer respektvollen Ebene. Danke, die Redaktion/mk

    Eine Leserempfehlung
  1. Auch wenn der Artikel z.T. ironisch gemeint sein sollte, ist er an dieser prominenten Stelle unpassend. Auch die Rechtfertigung von Herrn Spiller ist m.E. unzureichend. Man sollte sich z.B. fragen, für wen der Bericht "subjektiv-unterhaltsam" ist – vermutlich nicht für eine weltoffene tolerante Leserschaft, die ich mit ZEIT ONLINE in Verbindung bringe. Oliver Kahn hat gestern im Fernsehen gesagt, angesprochen auf die Brisanz einer möglichen EM-Viertelfinalpartie zwischen Griechenland und Deutschland, dass man Sport und Politik nicht vermischen sollte. Er wies darauf hin, wie wichtig sportliche Erfolge besonders für eine auf das Heftigste gebeutelte Nation sind. Ich fand das eine weitsichtige und angemessene Art mit dieser Thematik umzugehen. Ein zweiter, besser passender Artikel von ZEIT ONLINE zum griechischen EM-Weiterkommen und dem potenziellen Fußball-Gegner Deutschland würde mich sehr freuen.

    7 Leserempfehlungen
  2. Worüber ereifern Sie sich denn? Inhalt und Form stimmen doch überein.

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    Hat dieses "Neudeutsch" bei Ihnen auch schon Spuren hinterlassen? Ein Satz/Nebensatz, der mit "weil" eingeleitet wird, benötigt ein Verb. "Weil Leistungsträger (...)" ist kein Satz/Nebensatz, das ist verkorkstes "Neudeutsch".

    • AKRO90
    • 17. Juni 2012 12:27 Uhr

    [...]

    Auf die grundrechtlichen Verhältnisse in Russland wird geflissentlich nicht über ein, zwei Sätze hinaus eingegangen, Verhältnisse, die in Griechenland im Übrigen gesichert sind!
    Dafür, dass Griechenland nicht ganz tadellos in die Eurozone gelangt ist, können die griechischen Bürger überhaupt nichts. Stattdessen hätte das aufnehmende Gremium sehr wohl auch einmal selbst genauer hinschauen können, ob alles mit rechten Dingen zugeht!


    Gekürzt. Bitte bleiben Sie beim Artikelthema. Anmerkungen zur Moderation senden Sie gern an community@zeit.de Danke, die Redaktion/mk

    6 Leserempfehlungen
    • AKRO90
    • 17. Juni 2012 12:27 Uhr

    Und die Aufregung Karagounis' ob der Fehlentscheidung des Schiedsrichters im gestrigen Fußballspiel als 'Tragikomik' oder ähnliches abzustempeln setzt der Frechheit ja wohl die Krone auf!
    In der Zeitlupe ist eine Berührung der Spieler unabstreitbar zu erkennen, wodurch Karagounis zu Fall kam. Ihm dann Gelb für eine Schwalbe zu geben, ist schlichtweg eine Fehlentscheidung. Und wenn sich der betroffene Spieler dann temperamentvoll (eine Charaktereigenschaft, die dem deutschen Autor wohl fremd zu sein scheint) echauffiert, dann ist das mehr als verständlich.
    Die russiche Mannschaft dagegen war zumindest in der ersten Hälfte nun einmal nicht klar besser. Die Torchancen waren ausgeglichen, der Ballbesitz auch.
    In der zweiten Hälfte war Griechenland sehr defensiv aufgestellt, um die Führung zu halten, eine Taktik, die weder regelwidrig ist noch bei anderen Mannschaften so verurteilt wird. Wenn es dann aber den russischen Spielern nicht gelingt, die Abwehr auszuspielen, dann haben sie sich das selbst zuzuschreiben. Sie hätten nun einmal noch ein Tor erzielen müssen. So einfach ist das.
    Dass der Vorsitzende des russischen Fußballbundes sich daraufhin so überheblich äußert, vor allem aber, dass sich Voswinkel (wenn er auch diese Äußerung als absurd beschreibt) im übrigen Artikel diesem Tunnelblick anschließt, finde ich in höchstem Maße niveaulos.

    2 Leserempfehlungen
  3. ...wie hier alle aufjaulen und postwendend selbst beleidigend werden. Das lässt tief blicken.

    Herrschaften, der Artikel ist zutiefst subjektiv geschrieben und als Polemik GEDACHT. Ich habe mich einfach darüber amüsiert und ihn dann abgehakt.

    Und mal ehrlich: Griechenland hat nach Strich und Faden besch..., um in die Eurozone zu kommen, während der Zugehörigkeit zur EU nach Strich und Faden besch..., um an Subventionen zu kommen. Im großen Stil und "von oben" koordiniert. Das kann und mauss man diesem Land vorhalten, genau wie auch die irrsinnig hohe Staatsquote der "Wirtschaft" und die größenwahnsinnigen Rüstungsausgaben und das Fehlen jeglicher ersnstzunehmender Industrie.
    Da beißt die Maus keinen Faden ab.
    Dass die EU mindestens genauso viel Schuld an dem Schalmassel steht, steht doch auf einem vollkommen anderen Blatt und muss nicht ständig empört wieder rausgeholt werden.

    Und dass die Griechenelf technisch und taktisch limitiert ist und nur aufgrund der Blödheit der Russen gewinnen konnte, passt doch auch.

    8 Leserempfehlungen
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    >> Und mal ehrlich: Griechenland hat nach Strich und Faden besch..., um in die Eurozone zu kommen <<

    ... ein Land kann gar nicht bescheißen. Das können nur Leute - und andere Leute können dabei zusehen und alle Augen zudrücken. Im vorliegenden Fall waren diese Leute Poltiker, und nicht nur griechische. Nur werden die nicht zur Rechenschaft gezogen.

    Stattdessen wird ein ganzes Land und seine Bürger unter Generalverdacht gestellt, und der Artikel haut mit seinem Tenor genau in diese Kerbe:
    Bescheißen beim Eintritt in die Eurozone, bescheißen auch beim Fußball. So sind sie halt, die Griechen.

    Wie billig.

    • AKRO90
    • 17. Juni 2012 14:16 Uhr

    Dass die EU mit Schuld trägt steht eben nicht auf einem anderen Blatt. Es steht auf der anderen Seite der Medaille. Wieso bitte soll also dieser Gesichtspunkt nicht mehr "ständig empört" wiederholt, "den Griechen" aber ständig erneut empört dasselbe vorgeworfen werden dürfen?!
    Womit wir beim nächsten Punkt wären: ständig wird über einen Kamm geschoren und "den Griechen", also dem ganzen Volk, alles vorgeworfen, was eine kleine Elite verbockt haben mag. Das griechische Volk leidet am meisten an den gegenwärtigen Umständen und muss sich dann auch noch einseitige polemische Kommentare und Artikel wie diese gefallen lassen!

  4. Es ist schon peinlich so etwas zu lesen in "Die Zeit". Was hat Eurokrise mit EM zum tun? Sport mit Euro? Sport mit Politik? [...]

    Gekürzt. Bitte achten Sie auf Ihre Wortwahl. Danke, die Redaktion/mk

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    Antwort auf "die überschrift "
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    Schon Platon erkannte es, auch der Buddhismus beruht auf dieser Grundlage und aus der Philosophie nicht wegzudenken ist die Erkenntnis, dass alles mit allem in irgendeinem Zusammenhang steht, warum auch nicht hier?

  5. Im letzten Jahrzehnt haben diese Griechen mehr Titel geholt, als die Super-Elf des DFB. Sie spielen nicht spektakulär und verzichten auf Effekthascherei, aber sie kämpfen und haben eine bewundernswerte Teamleistung abgegeben. Davon hätten sich die verspielten und auf spielerischen Individualismus getrimmten Russen eine dicke Scheibe abschneiden können. Mal sehen wie es mit diesem Team weitergeht. Wenn die Auswahl Deutschlands Dänemark bezwingt, dann gibt es einen deutsch-griechischen Euro showdown... :)

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