Russland - TschechienDie russischen Faultiere erwachen

Ein 4:1 Sieg zum Auftakt bringt selbst die russischen Skeptiker zum Füßewippen, schreibt unser EM-Pate Johannes Voswinkel. Ist für die "Sbornaja" gar noch mehr drin? von 

Nach dem Spiel: Verteidiger Ignaschewitsch (l) und Torschütze Alan Dsagojew

Nach dem Spiel: Verteidiger Ignaschewitsch (l) und Torschütze Alan Dsagojew  |  © FABRICE COFFRINI/AFP/GettyImages

Wassilij ist das denkbar quirligste aller Faultiere, und gestern Abend war er damit ein gutes Sinnbild für die russischen Nationalspieler. Trägheit und Bequemlichkeit zählen viele in Russland zu den Kerneigenschaften der eigenen Mannschaft. Aber gegen Tschechien zeigte sich das russische Team so agil und lauffreudig, dass es die Fans kaum wahrhaben wollten. Mit dem eishockeytauglichen Ergebnis von 4:1 siegte Russland beinahe unverdient niedrig .

Johannes Voswinkel
Johannes Voswinkel

Johannes Voswinkel lebt in Moskau, ist Korrespondent der ZEIT und sammelt Witze über die russische Nationalmannschaft.

Wassilij ist Animator im Feriendorf "Fiesta-Park " 50 Kilometer nordöstlich von Moskau . Zwischen Fichten stehen Holzhäuser, in denen sich gestresste Moskauer Familien erholen. Aber der Juni ist kühl und regnerisch, und die meisten Zimmer bleiben leer. Zum vormitternächtlichen Fußballgucken in der zentralen "Fiesta"-Bar kommen nur ein paar Angestellte zusammen. Wassilij hatte am Abend noch in der Kinderdisko mit zwei Vierjährigen und seinem giftgrünen Zaubererhut den Ententanz geübt. Seine Spezialität ist die Organisation von Kinderspielen in den Kostümen der Hauptfiguren aus dem Kinofilm Ice Age . Wassilij, der sich den Kopf glatt rasiert hat und eine dicke Hornbrille trägt, gibt normalerweise das Faultier Sid mit klaren Anzeichen von Hypermotorik. Wenn er sitzt, wackelt er meist mit dem Fuß. Zum Fußball passt das bestens.

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Die Bar ist eine Mischung aus Skihütte und Underberg-Kneipe. Der Fernseher hängt unter der Decke und führt zu Genickstarre. Anfangs ist die Stimmung so wortkarg und still, als sitze man in einer nordfinnischen Sportbar. Der Kühlschrank mit den Bierflaschen brummt hörbar vor sich hin. Hier, so scheint es, wird die Europameisterschaft zu Grabe getragen. Erst nach dem 2:0 für Russland durch Schirkow in der 24. Minute stellt Wassilij den Ton lauter und holt die Speckscheiben, mit Paprika bestreut, zum Bier – pikanterweise aus tschechischer Produktion: Es scheint, dass es etwas zum Feiern geben könnte. Sogar der russische Trainer Dick Advocaat verliert an der Außenlinie die Kontrolle über seine Mimik und zeigt ein Lächeln.

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"Schade, dass die Tschechen nicht mehr hier wohnen", sagt Wassilij. Vor Monaten haben sie die Produktionslinie der Hühnerfabrik in der Nähe aufgestellt und im "Fiesta-Park" übernachtet. Aber sie sind schon wieder nach Prag heimgereist. Allgemeines Bedauern im Raum: Wäre doch jetzt nur dieser Jan, oder wie er noch hieß, hier! Das wäre ein Spaß!

In der Halbzeitpause schwärmen die Männer von den Zeiten eines Franz Beckenbauer und "Gerhard" Müller. Wassilij zappelt dabei mit dem Fuß und stöbert eine Kakerlake auf, die es sich gerade auf dem Fußboden am Tischbein gemütlich gemacht hatte. Über der Fußballnostalgie verpassen alle fast den Beginn der zweiten Halbzeit.

Kurz nach der Pause erzielt Tschechien den Anschlusstreffer. "So, jetzt dreht es sich, ich fühle das", sagte einer der Männer. Wahrer Fußballpatriotismus hört sich anders an. Kerschakow erprobt sich derweil an zwölf Varianten, das Tor nicht zu treffen. Die Spannung steigt. Dann fällt das 3:1. Die Männer in der Bar klatschen sich ab wie Volleyballspieler, und sogar Roman, der Barkeeper aus Usbekistan , der hinter der Theke hockt und mit seinen vielen Verwandten dauertelefoniert, schaut mal auf den Bildschirm.

Doch die Skepsis bleibt. "Ach, da kommt Pinocchio", ruft Wassilij, als Roman Pawljutschenko eingewechselt wird. "Hölzern ist der und faul." Wenige Minuten später zeigt der Pawljutschenko-Pinocchio Wassilij eine lange Nase und schießt nach einem Dribbeltanz mit seinem Gegenspieler am Strafraumrand unwiderstehlich ins tschechische Tor.

Sollte Russland gar zum Geheimfavoriten des Turniers werden? Wassilij winkt noch immer ab, aber schon mit weniger Verve als vor dem Spiel. Die russische Mannschaft macht Hoffnung. "Am Dienstag muss nun unbedingt ein Sieg gegen Polen her", sagt er. Denn das Spiel findet am russischen Nationalfeiertag statt. Wenn das keine Motivation für frühere Faultiere ist.

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Leserkommentare
  1. Denn das Spiel findet am russischen russischen Nationalfeiertag statt.
    Ein russisch zu viel wohl.

  2. Aber ich finde die Überschrift schon sehr grenzwertig. Menschen als (Faul)tiere zu titulieren zeugt wirklich nicht von Respekt.

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    • freerk
    • 09. Juni 2012 10:05 Uhr

    Entfernt. Bitte verfassen Sie sachliche Kommentare. Danke, die Redaktion/ls

    Mensch, was haben Sie gegen Faultiere? Das sind ehrenwerte Geschöpfe! Im Text steht ja auch, wie es dazu kommt. Also ich kann daran nichts schlimmes finden. Aber vielleicht liegt das auch daran, dass ich zum Lachen in den Keller gehe. Da hört niemand, wenn ich die Welt nicht so furchtbar ernst nehme.

  3. ...werden den deutschen Schlafmützen noch schön einheizen!

    • freerk
    • 09. Juni 2012 10:05 Uhr

    Entfernt. Bitte verfassen Sie sachliche Kommentare. Danke, die Redaktion/ls

    Antwort auf "Sorry..."
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    • freerk
    • 09. Juni 2012 10:43 Uhr

    Entfernt. Kritik an der Moderation richten Sie gerne an community@zeit.de. Die Redaktion/ls

    • freerk
    • 09. Juni 2012 10:43 Uhr

    Entfernt. Kritik an der Moderation richten Sie gerne an community@zeit.de. Die Redaktion/ls

    Antwort auf "[...] "
  4. bei Russland-Themen anschlägt, ist völlig unangemessen.

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    • APGKFT
    • 09. Juni 2012 13:48 Uhr

    könnte man meinen, dass eine Weisung des Chefredakteurs oder gar des Herausgebers vorliegt?!

  5. Mensch, was haben Sie gegen Faultiere? Das sind ehrenwerte Geschöpfe! Im Text steht ja auch, wie es dazu kommt. Also ich kann daran nichts schlimmes finden. Aber vielleicht liegt das auch daran, dass ich zum Lachen in den Keller gehe. Da hört niemand, wenn ich die Welt nicht so furchtbar ernst nehme.

    Antwort auf "Sorry..."
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    ich muß zum Lachen nicht in den Keller gehen. Allerdings lache ich nicht über, sagen wir mal, alles...

    • TDU
    • 09. Juni 2012 11:17 Uhr

    Noch mal Glück gehabt, dass das Leben kein Fussballspiel ist. Dann wäre in Deutschland vermutlich jedes Witzeln über andere Mannschaften ausländerfeindlich und jedes Aufmuntern der eigenen Mannschaft Ausdruck imperialer Gesinnung.

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