Schachweltmeister Anand : "Ich habe jeden Tag kalt geduscht"

Viswanathan Anand schlug Boris Gelfand. Im ersten Gespräch des Schachweltmeisters mit einem deutschen Medium geht es um gefährliche Ideen und eine schlaflose Nacht.

ZEIT ONLINE: Herr Anand , wie fühlen Sie sich nach drei Wochen Kampf ?

Viswanathan Anand: Sehr erleichtert. Ich habe einmal mehr erlebt, unter welcher Spannung man steht. Jeden Morgen, vor dem Spiel, immer. Die Spannung ist ständig da. Nur während der Partien nicht. Da spielt man dann tatsächlich. Die Zeit dazwischen ist schlimm. Das Nachdenken darüber, was alles passieren kann. Ich hatte vergessen, wie anstrengend das ist. Nach einer WM verklärt man das und erinnert sich, wie schön es war. Aber währenddessen leidet man wie sonst kaum. Also, ich bin sehr erleichtert.

ZEIT ONLINE: Hat Ihr Gegner Sie überrascht?

Anand: Ja und nein. Einige seiner Eröffnungen haben mich überrascht, aber ich war auf Überraschungen eingestellt. Ich wusste, wie motiviert er war, wie viele Monate der Vorbereitung er in diesen Kampf gesteckt hatte. Und er ist ein phänomenaler Spieler. Über seine gesamte Karriere hinweg hat er faszinierende Ideen entwickelt. Ich wusste, dass er mit etwas kommen würde. Die Details waren nur schwer zu erraten. Meine Sekundanten und ich haben sie nicht erraten. Hätten wir das gekonnt, wäre das ein großer Vorteil gewesen, dann hätten wir ihm von Anfang an Probleme stellen können. Aber das Gleiche gilt für ihn. Wir haben ihm auch Schwierigkeiten bereitet, vor allem in meinen ersten Partien mit Schwarz.

ZEIT ONLINE: In der dritten Partie hatten Sie Weiß und hätten gewinnen können.

Anand: Ich war etwas zu aufgeregt nach der Partie, als ich das sagte. Ich hatte diese taktische Idee mit dem Kamikaze-Turm, und die begeisterte mich so, dass ich gleich meinte, es sei gewonnen. Um fair zu sein: Das war vom Gewinn noch weit entfernt. Aber insgesamt würde ich sagen: Er hat in diesem Match mehr Chancen ausgelassen als ich – in der neunten Partie, als er mir erlaubte, die Dame zu opfern, vielleicht auch in der elften.

ZEIT ONLINE: Warum haben Sie die siebte Partie verloren ?

Anand: Es geschieht manchmal, dass man in einem großen Eröffnungskomplex einen Ausschnitt ignoriert. Und er hat diesen Ausschnitt getroffen. Wir hatten uns das angesehen, aber nicht gründlich genug. Während der Partie entdeckte ich einige Schwachstellen in dieser so unschuldig aussehenden Position. Sein schwarzfeldriger Läufer wurde plötzlich sehr stark. Gut, da waren wir etwas zu sorglos gewesen. Wir hätten dem mehr Beachtung schenken sollen. Aber man kann nicht alles im Griff haben.

ZEIT ONLINE: Vom früheren Weltmeister Anatoli Karpow stammt der Rat, nach einer Niederlage kalt zu duschen und dann frisch ans Werk zu gehen. Was haben Sie getan?

Anand: Ich habe jeden Tag kalt geduscht. Ich mache das immer, erst warm, dann kalt.

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Kommentare

7 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Danke

Lieber Herr Stock,
ich möchte die Gelegenheit noch mal ergreifen, um ihnen ganz herzlich für die Berichterstattung während der gesamten WM zu danken. Sie haben es immer wieder geschafft, die Komplexität des Spiels in spannende Worte zu kleiden und pointiert besondere Situationen hervorzuheben. Es war jedes Mal eine Freude ihre hervorragenden Analysen und Nachberichterstattungen zu lesen. Vielen Dank dafür.

Nachahmenswert!

Wie diese beiden Spieler miteinander umgegangen sind, verdient höchsten Respekt! Wir freuen uns auf weitere spannende "Brettschlachten" in weiterer Zukunft! Gelfand sollte unbedingt wieder eine Chance erhalten. Das Ergebnis war ja so knapp! However:es war eine tolle Weltmeisterschaft!