Schweden - England: Retro-Fußball in Reinkultur
Vergesst all die taktisch klugen Spanier, Italiener und Deutschen! Bei England gegen Schweden freut sich unser EM-Pate Eike Kühl über herrlich niveaulosen Holzfußball.
Etwas peinlich ist es schon. Da bin ich Pate der schwedischen Mannschaft und schaffe es nicht, auch nur einen Schweden zum Fußballgucken in Berlin zu treffen. Die Nachfrage bei einem Bekannten mit Schweden-Kontakten bleibt unbeantwortet. Eine kleine Netz-Recherche? Vergeblich. Ein Anruf in der Botschaft, freitags, nach 17 Uhr? Guter Witz. Selbst mein Hilferuf auf Twitter war letztlich umsonst.
Es schien, als seien sämtliche Schweden nach Kiew gefahren, um auf der Insel Truchanow in blaugelber Glückseligkeit unter Gleichgesinnten zu campen.
Mein persönliches Sweden Camp musste ich demnach vor dem heimischen Bildschirm einrichten. Und ich war nervös vor dem Duell gegen England. Nicht etwa wegen der Gefährlichkeit der Insulaner. Die spielten zwar gegen Frankreich ganz ordentlich, aber glanzlos. Die Schweden beunruhigten mich mehr: Bei der Niederlage gegen die Gastgeber aus der Ukraine wurden ihre Schwächen offenbar: Eine wackelige Defensive und wenig flexible Offensive. Es könnte also schwer werden, mit einem Überraschungserfolg. Und das, obwohl die Schweden im Zuge psychologischer Spielführung vorab den Big Ben in London kaperten.

Eike Kühl ist Producer, Autor und Blogger bei ZEIT ONLINE. Als bekennender BVB-Fan fühlt er sich den Schweden schon durch ihre Trikots verbunden. Seine Profilseite finden Sie hier.
Das Spiel in Kiew beginnt mit unmotiviertem Ballgeschiebe. Kaum Torszenen. Zlatan Ibrahimović, Star und Diva der Schweden, hat sich entschlossen, in dieser Partie keinen Ball abzuspielen und allen Engländern blaue Flecken zu verpassen. Auf der anderen Seite des Feldes kraftmeiert Andy Carroll, der "40-Millionen-Öcken-Mann aus Liverpool" (Reinhold Beckmann), der nicht nur in Sachen Frisur Ibrahimović erstaunlich ähnelt. Modischer als die Beiden ist nur noch Erik Hamrén, der Trainer der Schweden und bestangezogene Mann dieses Turniers, trotz Jogi Löw.
Es dauert bis zur 23. Minute, als Gerrard eine Flanke aus dem Halbfeld schlägt. Carroll steht im Sechzehner der Schweden in der Luft, fast einen Meter überragt er die von Natur aus auch nicht gerade kleingewachsenen schwedischen Verteidiger. Die Wucht seines Kopfballs muss selbst die Queen geweckt haben, 1:0.
Halbzeit. Auf Truchanow zweifeln die ersten der "besten Fans der Welt“ an ihrer Mannschaft. In Kiew macht Mehmet Scholl, spätestens seit dem letzten Deutschlandspiel Experte im Motivationsstänkern, seinem Ruf alle Ehre: "Auf dem Platz sind lauter gute Spieler, aber keine Superspieler", trotzt er in die Kamera, und tritt noch einmal nach: "Es fehlen die technischen Fertigkeiten." Ich denke mir: Wenn seine Einschätzung ähnlich falsch ist wie im Fall Gomez, müssten wir in der zweiten Hälfte ein spektakuläres Spiel zu sehen bekommen.
So ist es.
Kurz nach Wiederanpfiff tritt Ibrahimović zum Freistoß an. Sein Schuss geht in die Mauer, sein folgender Scherenschlag aber landet bei Olof Mellberg, der den Ball dank seines prächtigen Bartes und unter reichlich Nachhilfe von Englands Glen Johnson irgendwie ins Tor befördert. Kurz darauf findet ein weiterer Freistoß wieder den wuchtigen Mellberg in der Mitte. Bei seinem Kopfball bleibt Joe Hart im Tor der Engländer staunend stehen, wie die Touristen vor dem Buckingham Palace – 2:1 für Schweden.
Was nun folgt, darf gut und gerne als das Beste gelten, was diese Europameisterschaft bis dato zu bieten hatte. Retro-Fußball in Reinkultur, wallend wie Carrolls Haarpracht: Lange Bälle nach vorne, Flanken aus dem Halb- und Mittelfeld, wahnwitzige Fernschüsse und energische Grätschen. Es ist ein Spiel ohne Visier, weil die Helme in der Kabine blieben. Ein Spiel, das sämtliche taktische Einschränkungen über Bord wirft, weil die Spieler sie entweder nicht einhalten wollen oder nicht einhalten können. Kurz, es ist Fußball, wie man ihn in diesem Turnier noch nicht gesehen hat und der zwischen all den durchdacht-analytischen Spielweisen in seiner Holzigkeit herrlich erfrischend wirkt.
Inmitten der schwedischen Druckphase hat England-Trainer Hodgson einen Geistesblitz. Er wechselt den jungen Gunner Theo Walcott ein, Englands Antwort auf David Odonkor. Nur kann Walcott auch passabel kicken. Kaum auf dem Feld, zieht er aus knapp 18 Metern – Ausgleich für England! Und noch fast 30 Minuten zu spielen.
In der 78. Minute kam dann der große Auftritt von Danny Welbeck, dieses Riesentalent aus dem früheren Manchester Gang-Viertel Longsight: Walcott sticht durch zwei Schweden durch, passt quer in den Fünfmeterraum, wo Welbeck den Ball mit der Hacke aus der Drehung zur 3:2 Führung ins Tor schiebt. Ein Treffer für die Galerie - Geniestreich oder pures Glück? Die Engländer auf den Rängen in Kiew feiern, als hätten sie die EM schon gewonnen. Die Schweden werfen Inbusschlüssel auf den Rasen und alle Spieler nach vorne.
Doch es reicht nicht mehr für die tapfere "Blagult". Nach 94 Minuten findet auch dieser Krimi sein Ende und Schweden ist nach Irland als zweites Team vorzeitig aus dem Turnier ausgeschieden. Am Ende hatten beide Teams jeweils 50 Prozent Ballbesitz, je 13 Torschüsse, eine Passquote von 81 zu 83 Prozent und einige Fans mehr. Am Besten fasst es der User stadtneurotikr auf Twitter zusammen: "Unterhaltungsfaktor: 99,89%. Niveau: weit darunter."








Hat Danny Welbeck sich gedreht und den Ball an die Hacke gekriegt
ODER
den Ball mit der Hacke reingemacht?
Ich glaub da eher an Zufall - schön war es allemal.
zu erst wollte ich in alter fussball-fan-manier pöbeln, wie man einen so packenden kampf der schweden und engländer als niveaulos bezeichnet, zwischen all den wenig beeindruckenden auftritten anderer teams bei dieser em.
leider war dieser artikel aber doch ziemlich witzig und erfrischend, hier kann man auf pöbeln also getrost verzichten. :)
Man muss Mehmet Scholl zu Gute halten, dass er in der Halbzeitpause die Fans "bei der Stange" zu halten und so die Grotte zu liften hatte ("Gute Spieler - keine Superspieler!").
Ich kann mir auch vorstellen, dass die Spieler beider Teams Freude am Retro-Kick hatten: keine kleinkarierten taktischen Vorgaben, kein Zwang zum Kurzpassspiel, das einen schlecht aussehen lassen kann, wenn die technischen Möglichkeiten lediglich grenzwertig ausgebildet sind. Das war eben ein Nordmännerspiel: zwischen Rugby und Wikingerüberfall.
Das Turnier zeigt aber und wird zeigen, dass man so keinen Blumentopf gewinnen kann. Allerdings wird man auch das andere Extrem nicht zum Titel führen können: ohne Stürmer fehlen taktische Möglichkeiten.
Eins würde mich noch interessieren: wie viele Kilometer hat wohl die schwedische Diva abgerissen - dem Augenschein nach weniger als ein halber Spanier.
der das Spiel trifft. War eines der Sehenswertesten bisher, wenn man auf "Holzfussball" steht. Auch Scholl ist ein erfrischender Kommentator im Gegensatz zum farblosen Kahn, obwohl man den Eindruck hat das er sich nach der Gomez Wahrheit etwas zurückhalten muss .
Nur sollte sich der Autor an den ZEIT Sprech gewöhnen Longsight ist kein Gangviertel sondern ein sozialer Brennpunkt mit multikulturellem Charakter.
Ja, wobei dieser Stil "typisch" England und Skandinavien ist. Beide Trainer haben sich auf die physische Überlegenheit ihrer Spieler verlassen. Das ist auf Dauer langweilig anzusehen. Meistens gewinnt dann der "Noch-Stärkere" oder derjenige mit dem längerem Atem.
Beide Strategien waren überhaupt garnicht gegenerspezifisch ausgelegt. Keiner nutzte (systematisch!) die Schwachstellen des anderen aus. Individuelle Fehler haben dieses Spiel bewegt.
Schlussendlich hatte ich trotzdem meinen Spass beim zusehen! ;-)
Stimmt nicht, Hodgsons Aufstellung war sehr wohl gegnerspezifisch. Der hat gesehen, dass die Schweden mit hohen Bällen nicht zu Rande kommen und hat deshalb den vielgescholtenen Carroll aufgestellt. Taktisch sehr klug IMHO.
Stimmt nicht, Hodgsons Aufstellung war sehr wohl gegnerspezifisch. Der hat gesehen, dass die Schweden mit hohen Bällen nicht zu Rande kommen und hat deshalb den vielgescholtenen Carroll aufgestellt. Taktisch sehr klug IMHO.
das technich und strategisch perfekte , bis zum Zeitpunkt des tödlichen Passes aber meistens langweilige Ballgeschiebe der Spanier oder das gestrige einem passablen Niveau vergeblich hinterherlaufende Rauf-Und-Runter dieser Begegnung ? Ich entscheide mich für das Letztere,denn da wurde wenigstens Action mit Unterhaltungswert geboten.
Hallo Voce,
aus vollem Fußballliebhaberherzen.....
.....entscheide ich mich auch für das Letztere,denn da wurde wenigstens Action mit Unterhaltungswert geboten.
Gruß
B.B.
Hallo Voce,
aus vollem Fußballliebhaberherzen.....
.....entscheide ich mich auch für das Letztere,denn da wurde wenigstens Action mit Unterhaltungswert geboten.
Gruß
B.B.
Nach der ersten Halbzeit hatte ich keine Lust mehr und habe mir damit wohl Einiges entgehen lassen.
Als ich die schwedische Schnarch10 so durch die Gegend spazieren sah, dachte ich, den Abend verbringe ich sinnvoller.
War wohl falsch gedacht. :-(
Hallo Voce,
aus vollem Fußballliebhaberherzen.....
.....entscheide ich mich auch für das Letztere,denn da wurde wenigstens Action mit Unterhaltungswert geboten.
Gruß
B.B.
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