Nein, das hatten sie nicht verdient. Die 0:4-Niederlage gegen Spanien , die schon. Aber nicht das Drumherum. Die Iren spielten, kämpften und verloren wie Männer. Heillos überfordert, gründlich ausgespielt, ja, aber nicht vorgeführt, nicht abgeschlachtet. Die Niederlage war saftig, aber sie kostete die Iren nicht ihre Würde. Im Gegenteil, dass Torres, Iniesta und Kollegen bis zum Schlusspfiff zauberten und trafen, schienen sie befriedigt zur Kenntnis zu nehmen. Sie wollten keine Schonung, nicht die Schmach, zum Objekt des Mitleids degradiert zu werden. Sie wollten einen ehrlichen Wettkampf. Den bekamen sie und in dem gingen sie unter, aber einmal mehr mit Haltung.

Etwas mehr Haltung hätten auch andere nötig gehabt. Die ARD etwa hatte zunächst Moderator Matthias Opdenhövel aufgefahren für den kurzfristig ausgefallenen Gerhard Delling , der vieles ist, aber vor allem knorrig bei erfrischender Fairness, ein bisschen wie die Iren. Das Spiel kommentierte Tom Bartels anschließend gewohnt stoisch-monoton, ganz anders als die Verfasser des Livetickers der 11 Freunde : Die ätzten schon nach der frühen Führung der Spanier "Gehen Sie bitte nach Hause, hier gibt es nichts mehr zu sehen" und feixten nach dem 2:0: "Ein 12:0, das sich als 2:0 vekleidet. [sic]"  – zu diesem Zeitpunkt grober Unfug.

Den Iren und ihrem aufopfernden Spiel angemessener machte es Carl O'Malley, der Sportreporter der Irish Times . Einer der ersten Einträge seines Live-Blogs lautete sinngemäß: "Das spanische Team ist im Stadion angekommen. Unsere Chancen schwinden."

  Irlands Trainer Giovanni Trapattoni hatte den Spaniern vor dem Spiel auf seine Weise die Ehre erwiesen: Er behielt die Startaufstellung so lange wie möglich geheim. Bis dato war es ein Hauptmerkmal seiner vierjährigen Amtszeit gewesen, schon am Vorabend zu verraten, wer auflaufen würde. Zudem verwies er mit entwaffnender Offenheit auf das gute Omen, das die Berufung von Schiedsrichter Pedro Proença bedeute: Der hatte ein gewisses Champions-League-Finale geleitet, in dem das Team siegte, das ziemlich genau so unterlegen war, wie es die Eckball-Statistik von 1:20 vermuten ließ.

Irish-Times -Blogger O'Malley war sich dessen wohl bewusst, resümierte aber dennoch eine halbe Stunde vor dem Anpfiff: "Die Gründe für Optimismus finden locker auf einer Briefmarke Platz." Zum Führungstreffer durch Fernando Torres in der vierten Minute stellte er trocken fest: " It's happened again ". Im ersten Gruppenspiel hatten die Iren ebenfalls einen so frühen Treffer kassiert .

O'Malley sah ein Spiel, das viele Zuschauer vor lauter Lobpreis für die brillanten Spanier ignorierten oder, verzückt vom Gesang der nimmermüden Fans, mit Pathos überfrachteten. Anders O'Malley: "Irland kämpft. Aber so, wie es ein schwer getroffener Boxer tut, bevor er zu Boden geht." Anschließend schreibt er vom "Tiki-Taka-Albtraum rund um den irischen Strafraum". Das trifft es, der Kalauer vom " Murder on the Gdansk Floor " allerdings tut den Iren Unrecht. Sie waren nicht passiv, nur überfordert, nicht unwillig, nur unfähig. Die Irish Times analysierte treffend , dass ihre Spieler zu "Gefangenen unserer völlig übersteigerten Erwartungen" geworden waren.

Nach dem Schlusspfiff  verneigte sich Trapattoni vor einem spanischen "Orchester" auf dem Rasen. Ein zweites fand derweil auf den Rängen statt: Die irischen Fans stimmten in der 88. Minute wie aus einer Kehle Fields of Athenry an, die trotzige, traurige, stolze Hymne auf einen Getreidedieb in Hungerszeiten . Selbst Spaniens Trainer Vicente del Bosque zeigte sich beeindruckt und sagte den Journalisten: "Damit haben uns die Iren gezeigt, worum es im Sport wirklich geht." Dieses Kompliment wies die Irish Times mit einmal mehr bemerkenswerter Haltung zurück : Das sei ein charmanter Gedanke, in Wirklichkeit habe aber niemand außer Spanien diesen Beweis geführt: "Das Lied war ein Salut an sie – die Anerkennung dessen, dass in einem Stierkampf der Torero gewinnt."