Spanien - Irland: Von der Kunst des Verlierenkönnens
Irland wird nach dem EM-Aus und dem 0:4 gegen Spanien überall bemitleidet. Einzig unser EM-Pate Tobias Jochheim ist beeindruckt von Trapattoni und den irischen Medien.
© Alex Grimm/Getty Images

Geben auch in der Niederlage ein gutes Bild ab: die irischen Fans in Danzig.
Nein, das hatten sie nicht verdient. Die 0:4-Niederlage gegen Spanien, die schon. Aber nicht das Drumherum. Die Iren spielten, kämpften und verloren wie Männer. Heillos überfordert, gründlich ausgespielt, ja, aber nicht vorgeführt, nicht abgeschlachtet. Die Niederlage war saftig, aber sie kostete die Iren nicht ihre Würde. Im Gegenteil, dass Torres, Iniesta und Kollegen bis zum Schlusspfiff zauberten und trafen, schienen sie befriedigt zur Kenntnis zu nehmen. Sie wollten keine Schonung, nicht die Schmach, zum Objekt des Mitleids degradiert zu werden. Sie wollten einen ehrlichen Wettkampf. Den bekamen sie und in dem gingen sie unter, aber einmal mehr mit Haltung.
Etwas mehr Haltung hätten auch andere nötig gehabt. Die ARD etwa hatte zunächst Moderator Matthias Opdenhövel aufgefahren für den kurzfristig ausgefallenen Gerhard Delling, der vieles ist, aber vor allem knorrig bei erfrischender Fairness, ein bisschen wie die Iren. Das Spiel kommentierte Tom Bartels anschließend gewohnt stoisch-monoton, ganz anders als die Verfasser des Livetickers der 11 Freunde: Die ätzten schon nach der frühen Führung der Spanier "Gehen Sie bitte nach Hause, hier gibt es nichts mehr zu sehen" und feixten nach dem 2:0: "Ein 12:0, das sich als 2:0 vekleidet. [sic]" – zu diesem Zeitpunkt grober Unfug.
Den Iren und ihrem aufopfernden Spiel angemessener machte es Carl O'Malley, der Sportreporter der Irish Times. Einer der ersten Einträge seines Live-Blogs lautete sinngemäß: "Das spanische Team ist im Stadion angekommen. Unsere Chancen schwinden."
Irlands Trainer Giovanni Trapattoni hatte den Spaniern vor dem Spiel auf seine Weise die Ehre erwiesen: Er behielt die Startaufstellung so lange wie möglich geheim. Bis dato war es ein Hauptmerkmal seiner vierjährigen Amtszeit gewesen, schon am Vorabend zu verraten, wer auflaufen würde. Zudem verwies er mit entwaffnender Offenheit auf das gute Omen, das die Berufung von Schiedsrichter Pedro Proença bedeute: Der hatte ein gewisses Champions-League-Finale geleitet, in dem das Team siegte, das ziemlich genau so unterlegen war, wie es die Eckball-Statistik von 1:20 vermuten ließ.
Irish-Times-Blogger O'Malley war sich dessen wohl bewusst, resümierte aber dennoch eine halbe Stunde vor dem Anpfiff: "Die Gründe für Optimismus finden locker auf einer Briefmarke Platz." Zum Führungstreffer durch Fernando Torres in der vierten Minute stellte er trocken fest: "It's happened again". Im ersten Gruppenspiel hatten die Iren ebenfalls einen so frühen Treffer kassiert.

Tobias Jochheim bestach als Fußballer hauptsächlich mit Kunstwerken, per Stollen in die Ascheplätze des Niederrheins gekratzt. Daher einvernehmliche Trennung in der C-Jugend und Transfers zu Tischtennis, Basketball, Lokalzeitung. Heute: Herz für Randsportarten, aber versöhnt mit dem Fußball. Seine Profilseite finden Sie hier.
O'Malley sah ein Spiel, das viele Zuschauer vor lauter Lobpreis für die brillanten Spanier ignorierten oder, verzückt vom Gesang der nimmermüden Fans, mit Pathos überfrachteten. Anders O'Malley: "Irland kämpft. Aber so, wie es ein schwer getroffener Boxer tut, bevor er zu Boden geht." Anschließend schreibt er vom "Tiki-Taka-Albtraum rund um den irischen Strafraum". Das trifft es, der Kalauer vom "Murder on the Gdansk Floor" allerdings tut den Iren Unrecht. Sie waren nicht passiv, nur überfordert, nicht unwillig, nur unfähig. Die Irish Times analysierte treffend, dass ihre Spieler zu "Gefangenen unserer völlig übersteigerten Erwartungen" geworden waren.
Nach dem Schlusspfiff verneigte sich Trapattoni vor einem spanischen "Orchester" auf dem Rasen. Ein zweites fand derweil auf den Rängen statt: Die irischen Fans stimmten in der 88. Minute wie aus einer Kehle Fields of Athenry an, die trotzige, traurige, stolze Hymne auf einen Getreidedieb in Hungerszeiten. Selbst Spaniens Trainer Vicente del Bosque zeigte sich beeindruckt und sagte den Journalisten: "Damit haben uns die Iren gezeigt, worum es im Sport wirklich geht." Dieses Kompliment wies die Irish Times mit einmal mehr bemerkenswerter Haltung zurück: Das sei ein charmanter Gedanke, in Wirklichkeit habe aber niemand außer Spanien diesen Beweis geführt: "Das Lied war ein Salut an sie – die Anerkennung dessen, dass in einem Stierkampf der Torero gewinnt."







Sicher, die Iren waren hoffnungslos unterlegen. Allerdings fingen sie weder an, sinnlos rumzufoulen, noch gaben sie sich vollends auf. Das schöne Wort "Kampfgeist" passt hier wohl ganz gut.
welcher ein schönes - ein anders schönes - Spiel zu honorieren weiß.
Ein Spiel zwischen Ungleichen ist die größte Herausforderung und kann nur aus echtem Sportgeist heraus zu einem würdevollen Event werden:
Der Schwächere setzt sich trotz allem, obwohl es wahrscheinlich ist, das er verlieren wird, voll ein.
Der Stärkere nimmt den Schwächeren trotzdem ernst.
Es wäre ein Vorbild für die gesamte Gesellschaft.
In Spanien habe ich allerdings auch regelmäßig das Gefühl gehabt, dass das das wichtigste ist:
Unabhängig von sozialem Rang oder ähnlichem begegnet man sich als Mensch auf gleicher Augenhöhe.
Die Iren haben gestern mehr gewonnen als sie ahnen.
100% Sympathy für Sportsmanship und Lebensfreude.
Gestern Abend haben die amtierenden Europameister im Fussball und in der der Disziplin "Make new friends" uns allen gelehrt was im Sport wirklich wichtig ist.
The Irish Times und del Bosque, beide haben recht.
Danke
Die Spanier nahmen die Iren vor allem deswegen ernst, weil sie mit einem guten Torverhältnis auch bei einem Unentschieden gegen Kroatien Gruppensieger werden können. Ob die Iren Sportsmänner sind oder Flachpfeifen, war und ist den Spaniern völlig egal.
Solche Fans gefallen mir. Fans, die trotz einer deutlichen Niederlage nicht anfangen, Papierkügelchen zu schmeißen, die trotz einer Niederlage nicht anfangen, Bengalos zu werfen, den Platz zu stürmen, die gegnerischen Fans beleidigen und zu verprügeln. Schön, dass es in Europa auch anständige Fußballfans gibt. Die trotz einer Niederlage nicht vergessen, dass es ein Spiel ist und kein Krieg, den sie verloren haben. Und die sich auch von einer Niederlage nicht die Stimmung vermiesen lassen.
Ich fand es schön, dass Tom Bartels am Ende des Spiels mehrere Minuten lang geschwiegen hat, sodass man dieses seltene Spektakel in voller Pracht genießen konnte. Ich wünschte mir, dass dieses Verhalten Nachahmer findet!
das Spiel der Iren hat mich beeindruckt. da wurde mit Leidenschaft gekickt. Auch nach dem 4:0 war da nichts von aufstecken zu sehen. Die Herren haben einfach mit voller Laune weitergekickt. Wie Herr Del Bosque sagte: Die Iren haben gezeigt worum es beim fußball geht.
Es geht genauso um Erfolg wie um den Spielspass, die Party drumherum und vor allem, das friedliche Feiern.
Alleine deswegen würde ich den irischen Fans heute gerne den Pokal für die Europameister im Feiern überreichen. Das war Gänsehaut ab der 88 Minuten.
Thank you Ireland!
... waren die letzten Minuten des Spiels, in denen die irischen Fans "Fields of Athenry" sangen, die ergreifendsten Momente dieser Europameisterschaft.
Die letzten Minuten waren für mich eine Grimme-Preis-verdächtige Sternstunde der deutschen Liveberichterstattung.
Hochbeachtlich empfand ich es ebenso, dass die spanischen Fans nahezu andächtig den Iren zugehört haben und diese nicht unterbrochen haben.
Es war ein besonderer Moment.
Die letzten Minuten waren für mich eine Grimme-Preis-verdächtige Sternstunde der deutschen Liveberichterstattung.
Hochbeachtlich empfand ich es ebenso, dass die spanischen Fans nahezu andächtig den Iren zugehört haben und diese nicht unterbrochen haben.
Es war ein besonderer Moment.
Ein Bild der Gegensätze: Auf der einen Seite das technisch brilliante Kurzpasssfeuerwerk der Spanier und auf der anderen Seite das schier endlose Chorfestival der irischen Anhänger mit „Fields of Athenry“. Beides harmonierte miteinander bis zum Schlusspfiff in einer selten erlebten Ästhetik. Dank Tom Bartels Schweigen konnte der Zuschauer diesen magischen Moment unbeschwert genießen. Das sind die Momente, an die man sich auch weit nach der EM lange wird erinnern können.
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