Als die spanischen Spieler erst 2008 und dann 2010 die bedeutendsten Pokale des Weltfußballs in den Himmel reckten, waren sich viele einig: Hier spielte eine der besten Nationalmannschaften, die es jemals gab. Die Spanier waren ballsicher und abgeklärt, wendig und trickreich, immer angetrieben von einem unnachahmlichen Kurzpassspiel, das als Krönung erfolgreichen Kombinationsfußballs galt. Experten und Zuschauer schwärmten vom Tiki-Taka.

Zwei Jahre später haben sich die Meinungen geändert. Auf einmal gilt Tiki-Taka nur noch als dröges Effizienzgekicke. Technisch noch immer brillant, sicher, aber unter spielerischen Gesichtspunkten kaum mehr als vertikales Ballgeschubse, das die Gegner müde macht. Und zwangsweise auch die Zuschauer. Fußball kurz vor klinisch tot. Spanien langweilt, Spanien nervt , heißt es. Was ist passiert?

Eigentlich nichts. Acht der Spieler, die im WM-Finale in der Startelf standen, tun es auch heute Abend gegen Italien . Hinten halten weiterhin die Recken von Real Madrid die Abwehr dicht, vorne machen die Offensivkünstler des FC Barcelona , was sie am besten können: Passen, Laufen, Passen, und wenn sie mal den Ball verlieren, ihn schnell zurückerobern, also Gegenpressen.

Es ist ein Spiel, das seit jeher auf Ballbesitz- und Kontrolle angelegt ist, nicht auf Tore. Schon bei der WM gewannen sie nach der Vorrunde jedes Spiel 1:0. Bei dieser EM sind sie sogar torgefährlicher: Bis jetzt haben sie acht Treffer erzielt und damit genauso viele wie in Südafrika – mit zwei Spielen und einem David Villa weniger.

Spanien ist nicht Barcelona

Spanien bleibt sich also treu. Dass trotzdem viele Zuschauer das spanische Spiel als langweiliger empfinden als noch vor zwei Jahren, liegt an ihrer gestiegenen Erwartung. Daran ist auch der FC Barcelona Schuld.

Das spanische Spiel gilt als Synonym für das Spiel der Katalanen. Das sei der vollendete Fußball , sagen die Experten. Seit die Mannschaft unter Trainer Josep Guardiola zwischen 2009 und 2012 fast jeden möglichen Titel gewannen, steht der Name Barça stellvertretend für die Kunst des schönen und modernen Spiels, für Spielintelligenz statt Kraftmeierei. Klar, dass dieser Fußball auch von der spanischen Nationalmannschaft erwartet wird – es spielt schließlich fast das gleiche Personal.

Doch diese Rechnung geht nicht auf. Spanien mag ähnlich spielen wie Barcelona, aber nicht identisch. Den Spaniern fehlen Spieler wie Lionel Messi oder Alexis Sánchez. Sie laufen in die Räume, die Xavi und Iniesta eröffnen. Sie schießen, wenn es sonst keiner tut. Sie sind es, die regelmäßig ins Tor treffen, Messi unglaubliche 73 Mal in der vergangenen Saison. Sicher, auch Barça übertreibt es zeitweilen mit dem stoischen Kombinationsspiel. Und doch: Bei Barcelona garantiert das Tiki-Taka meist auch Spektakel, Tore, hohe Siege. Genau das, was dieser EM fehlt .