Jewgenija Timoschenko"Meine Mutter hat alles gegeben"
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"Meine Mutter ist ein Opfer der Medien"

Ein Bild von Jewgenija Timoschenko auf dem Schreibtisch Julija Timoschenkos in der Zentrale der BJuT-Partei

Ein Bild von Jewgenija Timoschenko auf dem Schreibtisch Julija Timoschenkos in der Zentrale der BJuT-Partei  |  © Daria Ignatenko

Timoschenko: Das heißt, Sie sind kein Journalist. Sie haben keine Vorrecherche betrieben, Sie haben sich anscheinend nicht mit den EU-Parlamentariern getroffen, die sich angeschaut haben, was mit meiner Mutter geschieht, die sie als politische Führerin kennen, respektieren und wissen, dass sie nichts Falsches getan hat. Meine Mutter war 15 Jahre politisch aktiv. Vielleicht hätten einige Dinge noch besser gemacht werden können, aber sie hat alles gegeben, was sie konnte.

Seit der pro-russische Präsident Wiktor Janukowitsch im Frühjahr 2010 zum zweiten Mal zum Präsidenten gewählt wurde, ist von demokratischen Reformen in der Ukraine keine Rede mehr. Laut Transparency International steht das Land im Korruptionsindex auf dem 152. von 183 Rängen. Kritiker beklagen, dass die Justiz von der Regierung abhängig ist und die Presse nicht frei arbeiten kann. Janukowitsch regiert mit einem autoritären Führungsverständnis. Falls es im Oktober nicht zum Sieg reicht, trauen viele Beobachter der Regierung Janukowitsch Wahlfälschung zu. Jewgenija kritisiert den Präsidenten der Ukraine und verteidigt die Menschenrechte, leidenschaftlich. Dafür kann man sie nur bewundern. Ihre Mutter Julija gehört in diesem Jahr zu den Nominierten für den Friedensnobelpreis.

ZEIT ONLINE: Frau Timoschenko, Ihre Mutter wurde vor zwei Jahren abgewählt, bekommt aber – auch durch Sie – immer noch eine Menge Aufmerksamkeit.

Timoschenko: Menschen werden in diesem Land bestraft, obwohl sie unschuldig sind. Meine Mutter ist ein strahlendes Beispiel dafür, das stellvertretend für viele andere steht – deshalb bekommt sie diese Aufmerksamkeit. Es gibt weitere Opfer, die vom Regime belangt werden. Da sind mindestens drei ehemalige Kollegen meiner Mutter, die in der gewählten Regierung waren und jetzt im Gefängnis sitzen. Oder sprechen Sie mit einem beliebigen Geschäftsmann, er wird Ihnen sagen, dass er keine Chance in diesem Land hat, weil die Regierung die Steuergesetze geändert hat, weil das Justizsystem nicht funktioniert.

ZEIT ONLINE:  Haben Sie Angst, dass Ihrer Mutter im Krankenhaus etwas zustößt?

Timoschenko: Nein. Aber Ihre Fragen sind befremdlich. Ich will nicht antworten.

ZEIT ONLINE: Frau Timoschenko ...

Timoschenko: Die Medien werden mit falschen Informationen manipuliert. Ein Beispiel: Vor drei Monaten hieß es hier, meine Mutter sei gesund, sie bräuchte keine medizinische Behandlung. Dann kam der deutsche Arzt aus Berlin und bescheinigte, dass sie ernsthaft krank ist, nicht laufen kann. Bis dahin hatte die Regierung ihr sieben Monate lang eine medizinische Behandlung verweigert. Das ist kein Scherz! Aber dieses Krankenhaus ist wie ein Gefängnis. Wissen Sie, niemand, sogar die Leute auf der Straße würden nicht in so ein Krankenhaus wollen. Meine Mutter kann sich ihre medizinische Behandlung dort nicht aussuchen, sie würde lieber in Kiew behandelt werden. Können Sie das nicht verstehen?

Die Pressesprecherin unterbricht das Gespräch erneut. Dieses Interview sei kein Interview, wie sie es kennt, sagt sie. Auf den Einwurf, es gebe durchaus Menschen, die sich gern in dem Krankenhaus, in dem Julija Timoschenko liegt, behandeln lassen würden, gibt es keine Antwort. Aus ihrer Tasche holt sie dafür einen Stapel internationaler Zeitungsartikel. "Timoschenko nach Prügel im Hungerstreik" oder "Staatsanwalt nennt Vorwürfe gegen Timoschenko unglaubwürdig" lauten einige der Überschriften. Sie sagt, bevor man ein Interview führt, sollte man diese Texte kennen.

ZEIT ONLINE: Frau Timoschenko, noch eine letzte Frage. Wie wichtig ist Ihnen die Unterstützung aus Deutschland?

Timoschenko: All jene, die uns unterstützen, in Deutschland, in Europa, in der ganzen Welt, sind für demokratische Veränderungen – sie wissen, dass dieses Land ansonsten zu einer Diktatur wird. Dieser Gedanke entspricht exakt dem Statement von Angela Merkel. Hoffentlich wird die deutsche Regierung den Druck auf die ukrainische Regierung nicht verringern – solange bis die politischen Gefangenen frei sind und in der Ukraine wieder Gerechtigkeit hergestellt ist.

Timoschenko verlässt sofort nach dem letzten Wort des Interviews mit ihrer Pressesprecherin das ehemalige Arbeitszimmer ihrer Mutter. Das Gespräch, das für eine Stunde vereinbart war, endet nach einer knappen halben.

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Leserkommentare
  1. wie sie mir gefällt.

    Schade, aber vorhersehbar, dass solche Antowrten auf die gestellten Fragen kommen.

    Zeigt aber mal wieder, dass es nur um Einfluss und Macht geht und da gibt es dann keine Grenze, die man nicht überschreitet.

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  2. da war ich zu schnell auf dem Abschicken Knopf ...

    Vielen Dank für ein eher untypische Interview, dass hier sehr genau zeigt, mit welchen Mitteln in der Ukraine gearbeitet wird. Und auch die Beleidigungen in Richtung des Journalisten zeigen, dass SOCLHE Fragen überhaupt nicht gemocht werden.

    Dafür ein dickes LOB!!!

    13 Leserempfehlungen
  3. Die Leute in der Ukr. sind es nicht gewohnt auf kritische Fragen gelassen zu reagieren. Das trifft man häufig in der Welt. Das wird dann mit Gezicke beantwortet oder "unter Männern geklärt" wie das der ukra. Nationaltrainer ausdrücken würde.

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  4. 4. [...]

    Entfernt. Bitte äußern Sie Kritik respektvoll. Danke, die Redaktion/mk

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  5. 5. [...]

    Kritik an der Moderation richten Sie gerne an community@zeit.de. Danke, die Redaktion/au.

    Antwort auf "[...]"
  6. Ich finde da zunächst erst einmal keine Kritik seitens des Befragenden, sondern lediglich die nüchterne Nachfrage, wie dies und jenes empfunden wird. Was dachte Frau Timoschenko denn, worum es in dem Gespräch gehen wird? Timoschenko selbst spricht von Provokation, ihre Pressesprecherin von einem untypischen Interview. Sollen Sie doch nächstes Mal einen Katalog mit erlaubten Fragen vorlegen. Das passt so schön zu einem Staat, in dem Korruption herrscht.

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  7. ... von Frau. Dank an den Interviewer, der dem standgehalten hat.

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