Jewgenija Timoschenko"Meine Mutter hat alles gegeben"

Jewginija Timoschenkos Mission ist es, Aufmerksamkeit für ihre Mutter Julija zu erzeugen. Für kritische Nachfragen hat sie im Interview in Kiew wenig Verständnis. von 

Jewgenija Timoschenko (rechts) mit ihrer Pressesprecherin Natalia Lysowa im Interview

Jewgenija Timoschenko (rechts) mit ihrer Pressesprecherin Natalia Lysowa im Interview  |  © Daria Ignatenko

Block Julija Timoschenko, BJuT, heißt die Partei, mit der Julija Timoschenko vor zehn Jahren erstmals bei Wahlen in der Ukraine antrat. 2004 war Timoschenko eines der Gesichter der Orangenen Revolution, später wurde sie zweimal zur Ministerpräsidentin gewählt.

Der Raum, in dem ihre Tochter Jewgenija jetzt, am 18. Juni 2012, sitzt, ist das ehemalige Arbeitszimmer ihrer Mutter in der Parteizentrale der BJuT. Neben Jewgenija am großen Besprechungstisch hat ihre Pressesprecherin Platz genommen. Daneben der Schreibtisch Julijas, darauf ein Bild Jewgenijas. Die 32-Jährige hat vor Beginn der Fußball-Europameisterschaft einige Interviews in Deutschland gegeben, Talkshows besucht und auf Menschenrechtsverletzungen der ukrainischen Regierung hingewiesen.

ZEIT ONLINE: Frau Timoschenko, im Krankenhaus, in dem Ihre Mutter inhaftiert ist, hieß es, Sie besuchten sie jeden Montag, heute nicht?

Jewgenija Timoschenko: Nein, weil ich heute mit Ihnen spreche. Morgen kann ich zu meiner Mutter fahren. Ich kann sie momentan an jedem Tag der Woche besuchen. 

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ZEIT ONLINE: Sie engagieren sich seit Monaten sehr für die Rechtsstaatlichkeit in der Ukraine. Stehen Sie vor einem Wechsel, von der Geschäftsfrau zur Politikerin – ähnlich wie es Ihre Mutter tat?

Timoschenko: Ihre Frage ist eine Provokation. Nein, ich bin eine Geschäftsfrau, ich habe in England an der London School of Economics and Political Science studiert. Ich betreibe unter anderem ein Restaurant. Meine Mission ist keine politische, meine Mission ist es, jeden Tag eine message meiner Mutter in die Welt zu senden. Um meine Mutter zu verteidigen, will ich exakt erklären, wie das Regime versucht, jede politische Opposition zu zerstören.

Jewgenija Timoschenkos Pressesprecherin, eine ehemalige Journalistin, unterbricht nach den ersten Fragen das Gespräch. Fragen, die nichts mit der Inhaftierung von Jewgenijas Mutter zu tun haben, möchte sie nicht zulassen. Jewgenija müsse den Menschen in Deutschland und der ganzen Welt zeigen, was mit ihrer Mutter geschieht.

ZEIT ONLINE: Frau Timoschenko, viele Menschen werfen Ihrer Mutter vor, sie sei selbst eine Oligarchin.

Timoschenko: Meine Mutter war eine Geschäftsfrau, die Geld verdient hat, legal! Dann ist sie Politikerin geworden und hat ihre Geschäfte beendet. Besaß sie jemals TV-Sender? Hat sie ihre Macht ausgenutzt? Hat sie mit anderen Präsidenten zusammengearbeitet, um Geld zu verdienen? Sie müssen doch wissen, dass meine Mutter wegen der politischen Repressionen illegal im Gefängnis ist. Die ganze Welt weiß das. Das ist ein Fakt. Das Regime hat sie dort eingesperrt und sie werden sie dort für immer behalten. Aber momentan ist meine Mutter in der Ukraine populärer als Janukowitsch und seine Partei.

ZEIT ONLINE: Die ukrainische Schriftstellerin Oksana Sabuschko schrieb in einem Gastbeitrag für die Süddeutsche Zeitung vor wenigen Tagen, nur noch zehn Prozent der Ukrainer unterstützten Timoschenko, aber 20 Prozent Janukowitsch. 

Timoschenko: In der ukrainischen Presse, sogar in der vom Regime kontrollierten, steht, dass meine Mutter beliebter ist als Janukowitsch, der Vorsprung beträgt vier Prozent. 64 Prozent der Ukrainer trauen Janukowitsch nicht. Sogar Thinktanks, die loyal gegenüber Janukowitsch sind, bescheinigen meiner Mutter höhere Umfragewerte als ihm.

ZEIT ONLINE: Patienten, die im gleichen Krankenhaus liegen wie Ihre Mutter, Femen-Aktivistinnen, Taxifahrer, Fußballfans,Angler, Journalisten – viele Menschen, die ich getroffen habe, äußeren sich nicht gerade positiv über Ihre Mutter.

Leserkommentare
    • ThorHa
    • 25. Juni 2012 15:08 Uhr

    um Ihre Mutter macht, die (noch) kein Medienprofi und kein Politiker ist, hat für "objektive" wie für sie persönlich betreffende Fragen nichts übrig. Wer das ernsthaft kritisiert ist schon zu lange Bestandteil des westlichen Medienzirkus. Eine ehemalige Regierungschefin sitzt im Gefängnis, weil ihr Nachfolger wollte, dass sie dort sitzt. Ihr "Verbrechen" war der Abschluss eines für die Ukraine lebenswichtigen Gaslifervertrages mit einem Monopollieferanten zu ungünstigeren Konditionen, als die von moskau subventionierten Vorgänger erlangten. Für diese Frau, die ihre Mutter ist, ist die junge Timoschenko angetreten. Ich wünsche allen Menschen ähnlich engagierte Kinder, wenn sie selbst bedroht werden. Den Medien- und Persönlichkeitsauthentizitätszirkus werden sie von selbst lernen. Zwangsweise.

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    ... eine unzulässige Vereinfachung. Da sitzt keine junge, naive Frau, die sich Sorgen um ihre Mutter macht. Da sitzt eine, wie sie selbst sagt, Geschäftsfrau mit Eigeninteressen und einem durchaus sowjetischen Bewusstsein dahingehend, dass sie jede von ihrer eigenen Meinung abweichende als "irritierend" empfindet. Dass sie sich trotzdem Sorgen um ihre Mutter macht, sei ihr unbenommen.

    ... Sorgen um ein ergaunertes Vermögen und der Nutzniesserin macht. Das trifft es wohl eher.

  1. ... eine unzulässige Vereinfachung. Da sitzt keine junge, naive Frau, die sich Sorgen um ihre Mutter macht. Da sitzt eine, wie sie selbst sagt, Geschäftsfrau mit Eigeninteressen und einem durchaus sowjetischen Bewusstsein dahingehend, dass sie jede von ihrer eigenen Meinung abweichende als "irritierend" empfindet. Dass sie sich trotzdem Sorgen um ihre Mutter macht, sei ihr unbenommen.

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  2. Zumindest erscheint es so, wenn man dieses Interview mit der Tochter der Friedensnobelpreisnominierten liest. Auch der Zeitinterviewer darf keine unbequemen Fragen stellen. Das Opfer der Medien muss geschützt werden. - Timoschenko hat alles "gegeben", aber wurde dennoch in Haft "genommen". Sie, die doch nie etwas "nahm" und in Ihrer Unschuld ein Symbol für alle Entrechteten sein sollte. ........Besser so? Aua.

  3. Ich finde das Bild auf Seite 1 schon sehr amüsant und passend. Die junge Timoschenko und ihre mediale Bodyguardin (schreibt man das so?) sitzen hübsch aber streng herausgeputzt in noblen Büro und halten sich für due Zarinen von sonst noch was.
    Der Zeit Reporter im Ringelshirt und den ungemachten Haaren kann sich da nur noch an den Kopf fassen. :D

    Kudos 4 that! :D

  4. Für meinen Geschmack hat Herr Dobbert es sich bei dem Interview mit Frau Timoschenko zu leicht gemacht. [...]
    Der Fall und die Person Julia Timoschenko sind extrem vielschichtig. Sicher sie ist keine Heilige, hat in den 90er Jahren, wie alle Oligarchen, die Gunst der Stunde genutzt und zugegriffen, als die UdSSR zusammengebrochen war, es aber für die neue Zeit keine Gesetze gab. Eins muss man der umstrittenen Frau aber zugestehen, sie hat sich 2004 an die Spitze der Demokratiebewegung gestellt und auch während ihrer Amtszeit näher mit Europa zusammengearbeitet als ihre Nachfolger.
    Das eine junge Frau wie Jewgenija Timoschenko derzeit mal die Nerven verliert, ist nur zu verständlich. Ohne die wachsamen Augen der westlichen Öffentlichkeit säße sie wohl selber auch bereits hinter Gittern. Ihr Vater lebt in Prag als politischer Asylbewerber, leicht ist das alles nicht, auch das muss man bei solchen Interviews beachten.

    Gekürzt. Bitte bleiben Sie respektvoll. Danke, die Redaktion/mk

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    Der Konkurrenz 'vorbeilesen', um was für einen lupenreinen Rechtsstaat es sich hier handelt, bevor man gleich reflexartig :

    http://www.faz.net/aktuel...

    • footek
    • 25. Juni 2012 15:45 Uhr

    Super Interview! Danke.
    Frau "IchhabeinLondonstudiert" Timoschenko will nur bestimmte Fragen zulassen und wirft der Ukraine Medienmanipulation vor? Schon blöd, wenn sich ein Reporter nicht vor den Karren spannen lässt - nicht wahr?

  5. ... das aus meiner Sicht die versuchte Opfer-Inszenierung, die Timoschenko und ihre Unterstützer betreiben, etwas enthüllt. An einigen Stellen meine ich auch, eine gewisse Überheblichkeit von Tochter Timoschenko wahrzunehmen.

    >> Laut Transparency International steht das Land im Korruptionsindex auf dem 152. von 183 Rängen. <<

    Für das Jahr 2009, also nachdem Frau Timoschenko schon einige Jahre Ministerpräsidentin war, ordnet Transparency International die Ukraine auf Rang 146 von 180 ein. http://www.transparency.de/uploads/media/09-11-17-CPI_2009_Pressemappe.pdf

    >> Jewgenija kritisiert den Präsidenten der Ukraine und verteidigt die Menschenrechte, leidenschaftlich. Dafür kann man sie nur bewundern. <<

    Ob Frau Timoschenkos Einsatz den Menschenrechten gilt, sei dahingestellt. Solche Wertungen sollte ein Journalist m.M.n. dem Leser überlassen. Und ich würde es begrüßen, wenn die beteiligten Personen nicht beim Vornamen genannt würden. Man könnte das als ein Gemeinmachen des Journalisten mit ihrem Anliegen verstehen. Oder man müsste folgerrichtig von Janukowitsch auch als „Wiktor“ reden.

    • deDude
    • 25. Juni 2012 16:14 Uhr

    "Timoschenko: Die Medien werden mit falschen Informationen manipuliert."

    "Die Presssprecherin unterbricht das Gespräch erneut. [...]Aus ihrer Tasche holt sie dafür einen Stapel internationaler Zeitungsartikel. "Timoschenko nach Prügel im Hungerstreik" oder "Staatsanwalt nennt Vorwürfe gegen Timoschenko unglaubwürdig" lauten einige der Überschriften. Sie sagt, bevor man ein Interview führt, sollte man diese Texte kennen."

    Ja was denn nun?

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