Charkiw: Im Krankenhaus von Julija Timoschenko
Julija Timoschenko wurde von Millionen Ukrainern bewundert. Doch die ehemalige Ministerpräsidentin hat die Unterstützung des Volkes verloren. Von Steffen Dobbert, Charkiw
27. Dezember 2004. Tausende Menschen haben in Kiew wochenlang auf dem Platz der Unabhängigkeit kampiert. Sie haben im Stadtzentrum geschlafen, gefroren, getanzt, demonstriert, Neuwahlen gefordert und all ihre Energie einer Idee geschenkt. Julija Timoschenko tritt vor die Mikrofone, sie trägt ihren schwarzen Pullover mit dem orangenen Revolutionsaufdruck. Sie kennt die Wahlergebnisse. Sie lacht. Und fragt, ob Wladimir Putin dem unterlegenen Präsidenten Viktor Janukowitsch schon zur Niederlage gratuliert habe.
Für diesen selbstbewussten Spruch wird sie bewundert. Millionen Menschen wollen mit ihr einen Traum verwirklichen. Einige nennen sie die Jeanne d'Arc der Ukraine.
Siebeneinhalb Jahre sind vergangen. In dieser Zeit hat sich das Schicksal dieser Frau gedreht. Es ist der Tag nach dem ersten EM-Spiel der Ukraine und Oleg zuckt mit den Schultern. "Gefängnis? Keine Ahnung!" Er ist heiser, sein gelbes Ukraine-Trikot von der durchfeierten Nacht befleckt. Oleg sagt, er wisse nicht, dass Timoschenko erst im Gefängnis in Charkiw war und jetzt seit Wochen im Krankenhaus hier. Oleg kommt aus Charkiw, er steht neben der Fanmeile, und das Thema Timoschenko nervt ihn. Oleg will lieber über Fußball reden.
Timoschenko war erst Oligarchin, dann zwei Mal Ministerpräsidentin der Ukraine, bis sie im Frühjahr 2010 abgewählt und ein gutes Jahr danach ins Gefängnis gebracht wurde. Vor einigen Wochen hatte sie es noch einmal auf die internationalen Titelseiten geschafft. Sie hatte aufgehört zu essen, um zu protestieren: gegen ihre Verurteilung und gegen ihre unmenschliche Behandlung im Gefängnis. Ihre Tochter war damals nach Deutschland geflogen, hatte Interviews gegeben und gesagt, jeder in der Ukraine wisse, was ihrer Mutter im Gefängnis angetan werde.
Oleg winkt ab und zeigt mit dem Finger auf die Haltestelle. Wer das Gefängnis und das Krankenhaus, in dem Julija Timoschenko liegt, sehen wolle, müsse hier weg, sagt er.
Fast eine Stunde fährt der Bus bis zu Kachaniwka. Monatelang war Timoschenko hier eine von Hunderten Häftlingen. Der Frauen-Knast Kachaniwka im Südwesten Charkiws gilt als eines der komfortabelsten der 20 Gefängnisse der Stadt. Die Ziegelsteine seiner Gefängnismauern bröckeln, dahinter langweilen sich die Wachhunde. An eine Betonwand hat jemand mit rotem Graffiti eine Adresse gesprüht und den Hinweis, dass es dort weiche Drogen zu kaufen gibt.

Steffen Dobbert ist verantwortlicher Redakteur im Ressort Sport bei ZEIT ONLINE. Während der EM ist er in der Ukraine unterwegs. Seine Profilseite finden Sie hier.
Journalisten werden am Gefängnistor von einem jungen Beamten empfangen. Gefragt nach einem Rundgang in Kachaniwka, redet er lange, um zu sagen, dass so etwas nur die oberste Gefängnisverwaltungsbehörde erlauben darf. Fragt man ihn nach Julija Timoschenko, verdreht er kurz die Augen und erzählt, dass es ihretwegen doch schon Dutzende Pressekonferenzen gegeben hat.
Seit die ehemalige Oppositionsführerin von hier in ein Krankenhaus verlegt wurde, ist es ruhiger geworden. Es laufen keine Demonstranten mehr über die Straße. Die Mechaniker, die nebenan Autos reparieren, freut das. Fragt man sie nach Timoschenko, sagen sie: Geh zur Hölle.
Timoschenko gilt in Deutschland als ein Symbol der Freiheit und Rechtsstaatlichkeit. Auch in der Ukraine verkörperte sie die Hoffnung auf ein demokratischeres und besseres Leben. Doch sie enttäuschte, konnte fast keine ihrer Wahlversprechen einlösen und stritt sich jahrelang mit ihrem einstigen Partner Wiktor Juschtschenko um die Macht. Es scheint, als habe im Sommer 2012 der prorussische alte und neue Präsident Janukowitsch über die Ikone der Revolution gesiegt. Laut Umfragen unterstützen etwa 19 Prozent der Bevölkerung Janukowitsch, nur noch zehn Prozent die inhaftierte Julija Timoschenko. Im Ausland hat sie inzwischen mehr Unterstützer als im eigenen Volk.
Das Zentral-Eisenbahn-Krankenhaus steht am Stadtrand Charkiws vor einem Waldgebiet. Bis zur russischen Grenze sind es keine hundert Kilometer. Einige Fenster im neunten Stock sind mit Gittern bedeckt. Am Eingang des Krankenhausgeländes wachen Polizisten. Timoschenkos Tochter kommt jeden Montag aus Kiew und darf ihre Mutter besuchen.







Hat die Aufmerksamkeit auf Timoschenkos Lage in Deutschland durch die Absage des Besuchs von BP Gauck angefangen? oder durch Medien?
Ich glaube, das ist so eine Henne-Ei-Problematik. Medien und Boykott-Ankündigungen haben sich da gegenseitig Hochgeschaukelt.
Ist aber nur meine Einschätzung, was genau dahinter steckt wird wohl niemand mit Sicherheit sagen können.
Ich glaube, das ist so eine Henne-Ei-Problematik. Medien und Boykott-Ankündigungen haben sich da gegenseitig Hochgeschaukelt.
Ist aber nur meine Einschätzung, was genau dahinter steckt wird wohl niemand mit Sicherheit sagen können.
Der ganze Blog, aber auch viele andere Deutsche Beitraege, erwecken den Eindruck, bei der Orangenen Revolution habe es sich um eine Revolution fuer Juschenko und fuer Timoschenko gehandelt. Die ganzen Leute, die damals im Dezember bei Sch... Kaelte auf dem Maydan waren, haben dies aber nicht fuer Timoschenko getan sondern gegen Kutschma, gegen eine brutale Faelschung der Wahlergebnisse, gegen den Mord an Journalisten und sonst noch eine ganze Reihe von Gruenden. Einer der wichtigsten Gruende wofuer die Menschen aber auf die Strasse gegangen sind (und dort 4 Wochen ausharrten und dies obwohl niemand wusste, ob nicht doch vielleicht die Panzer kommen) war das die Menschen eine freie Zukunft wollten, und hier war Europa ganz klar eines der Ziele.
Sicher Juschenko und Timoschenko haben viele der Hoffnungen enttaeuscht - mit Sicherheit hat Europa aber noch viel mehr davon enttaeuscht (und bitte keine Angst, niemand in der Ukraine will Euch Euer sauer erspartes Geld nehmen). Und wenn Heute Europa protestiert finde ich das Richtig - nicht nur wegen Timoschenko sondern auch den anderen Mitgliedern Ihres Kabinetts (Der ehemalige Innenminister z.B. hat 4 Jahre bekommen, weil er seinem Fahrer eine Wohnung in Kiew und eine Rente besorgt hat).
Tja, währe die Dame ein älterer Mann mit Bauch und Glatze, unsere Medien hätten sich nicht dafür interessiert. Ich kann in den Tenor meiner Vorredner nur einstimmen: Wer sich informiert hatte wußte das diese Dame ein Speil mit den Medien spiel, welches diese nur alzugerne mitspielten.
Man sollte die Sache differneziert sehen.
Auf der einen Seite macht die Jusitz und Politik der alten Garde einen wenig vertrauenerweckenden Eindruck. Juschtschenko, dessen Gesicht entstellt ist, kann ein Lied davon singen und sicherlich wollte man auch Rache üben an Timoschenko.
Auf der anderen Seite versteht es Timoschenko meisterhaft sich in Szene zu setzen. Allein ihre Frisur ist ein Propagandacoup. Ihr Haarkranz erinnert an einen Heilgenschein, und damit punktet sie bei religiösen Menschen, auf der anderen Seite inszeniert sie sich im Westen als Pop-Ikone.
Einige im Westen witterten nun die Chance, den Fall zu instrumentalisieren und gerade während der EM ihren Fuß in die Ukraine zu setzen. Vollkommen zu Recht empfanden viele Ukrainer dies als eine unangebrachte Einmischung in ihre Angelgenheiten und als Demütigung. Es ist das gute Recht der Ukrainer sich über die EM zu freuen und darauf stolz zu sein. Es ist allein Sache des ukrainischen Volkes, ihre Regierung zu bestellen. Timoschenko wurde abgewählt. Wenn man etwas erreichen will, dann sollte man eine stille Diplomatie bevorzugen und nicht dermaßen schrill vorgehen.
Man sollte die Sache differneziert sehen.
Auf der einen Seite macht die Jusitz und Politik der alten Garde einen wenig vertrauenerweckenden Eindruck. Juschtschenko, dessen Gesicht entstellt ist, kann ein Lied davon singen und sicherlich wollte man auch Rache üben an Timoschenko.
Auf der anderen Seite versteht es Timoschenko meisterhaft sich in Szene zu setzen. Allein ihre Frisur ist ein Propagandacoup. Ihr Haarkranz erinnert an einen Heilgenschein, und damit punktet sie bei religiösen Menschen, auf der anderen Seite inszeniert sie sich im Westen als Pop-Ikone.
Einige im Westen witterten nun die Chance, den Fall zu instrumentalisieren und gerade während der EM ihren Fuß in die Ukraine zu setzen. Vollkommen zu Recht empfanden viele Ukrainer dies als eine unangebrachte Einmischung in ihre Angelgenheiten und als Demütigung. Es ist das gute Recht der Ukrainer sich über die EM zu freuen und darauf stolz zu sein. Es ist allein Sache des ukrainischen Volkes, ihre Regierung zu bestellen. Timoschenko wurde abgewählt. Wenn man etwas erreichen will, dann sollte man eine stille Diplomatie bevorzugen und nicht dermaßen schrill vorgehen.
""Timoschenko gilt in Deutschland als ein Symbol der Freiheit und Rechtsstaatlichkeit."
So eine Ansicht scheint sich irgendwie medial zu replizieren.
Wenn das die Ansicht der breiten Bevölkerung in Deutschland wäre, dann würde mich das außerordentlich wundern."
Mich würde es nicht wundern, da für Julia Timoschenko schwere mediale Geschütze aufgefahren wurden.
Und um die These zu untermauern:
Glauben Sie im Ernst, dass der Durchschnitts-Michel auf der Straße mehr weiß, als dass die Timoschenko eine schöne blonde Oppositionelle ist, die im Gefängnis angeblich misshandelt wurde ?...
Ich nicht.
Ich kann mir scho gut vorstellen, dass ein breiter Teil der Bevölkerung wirklich dieser Ansicht ist. Und das kann man niemandem wirklich vorwerfen, nach der Berichterstattung der letzten Monate.
Wer da kein großes Interesse an dem Thema hat, recherchiert auch nicht weiter, und nimmt die Berichte als gegeben hin. Hab ich auch sehr lange gemacht, bis mir dieses übertriebene Ausreizen und die sturköpfige Verweigerung von ärztlicher Behandlung einfach zu konfus erschien. Wer sich informiert, ohne zu hinterfragen, kann schnell fehlgeleitet werden. Leider kann man sich auch nicht immer zu sämtlichen Themen tiefgründig genug informieren, um sich seiner Sache sicher zu sein - da beschränkt man sich zurecht auf seine Interessengebiete.
Ich glaube, das ist so eine Henne-Ei-Problematik. Medien und Boykott-Ankündigungen haben sich da gegenseitig Hochgeschaukelt.
Ist aber nur meine Einschätzung, was genau dahinter steckt wird wohl niemand mit Sicherheit sagen können.
die berichterstattung hat ja fast parallel stündlich mit Spiegel geklappt!
ich finde das gut!
so wird man gut informiert!?
Es streiten sich einfach ein paar Oligarchen um die Macht. Mit unfeinen Mitteln, jede Seite. Immerhin Frau Timoschenko lebt noch.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren