"Ich habe einmal ein Fußballspiel gesehen und es nicht verstanden. Man rennt hinter einem Ball her, will ihn wirklich kriegen, man kämpft um den Ball, man riskiert Verletzungen auf der Jagd, und dann hat man ihn – und was tut man? Behält man den Ball? Nein. Man wirft ihn wieder weg. Ich verstehe das nicht: Warum hinterherrennen, wenn man den Ball nicht will? Oder wenn man ihn will, warum ihn dann wegwerfen? Fußball ist eindeutig ein gewaltsames Spiel, und wer es spielt, kommt nicht ins Paradies."

Das waren die Worte meines Rabbis als ich ein kleiner Junge war, vor vielen Jahren. Ich glaubte ihm. Ich wollte ins Paradies und spielte deshalb nicht Fußball. Nie.

In einer Methodistenkirche in Anguilla muss ich an meinen Rabbi denken. Nein, ich bin nicht zum Christentum konvertiert. Weit gefehlt. Aber ich bin in Anguilla, einem karibischen Juwel mitten im Meer; und nachdem ich eine Weile von einem exzellenten Restaurant ins nächste unglaublich gute Restaurant gehüpft bin, brauche ich eine Pause.

Gleich links neben der Kirche gibt es einen Friedhof. Und direkt dahinter hat man einen erstaunlichen Ausblick ins Grüne und auf einen Strand mit Wasser in großartigstem Türkis. Ich sitze am Fenster, genieße den Ausblick auf die Landschaft und höre dem Pastor zu, der gegen Gewalt predigt. Welche Gewalt?, frage ich mich. Spielt hier jemand Fußball?

Auch wenn es nur einen kurzen Flug von New York entfernt ist, liegt Anguilla auf einem völlig anderen Planeten.

Hier, zwischen den Villen der mächtigsten Menschen der Welt, laufen Hühner, Schafe und Ziegen so entspannt herum, als wären diese Villen ihr natürlicher Lebensraum. Das ist nicht die einzige Besonderheit von Anguilla. Anguilla, britisches Hoheitsgebiet, hat kein einziges Theater, ist aber Heimat zweier Regierungsstellen, die ständig aneinander geraten. Auf der einen Seite ist da der britische Gouverneur, der ehrwürdige Alistair Harrison, der feinstes Diplomaten-Englisch spricht. Auf der anderen Seite haben wir einen Anguillaner: den ehrwürdigen Ministerpräsidenten Hubert Hughes, einen Mann, der keine gerade Presseerklärung formulieren kann. Ich sitze zwischen den beiden neben dem Friedhof und frage mich, ob ich ins Paradies komme.

Der Pastor predigt und wettert gegen die Gewalt der verschiedenen örtlichen Gangs. Seine Gemeinde scheint ihm zuzustimmen. " Yo man ", nicken sie, was ich als "Ja" interpretiere.

Gangs? Wie kann es in einem 15.000-Seelen-Land Gangs geben? Sehr wahrscheinlich sind hier alle miteinander verheiratet – gegen wen kämpfen sie dann? "Im Westen von Anguilla sind die Blauen, im Osten die Roten. Wenn ich als Süd-Westlerin in einem roten Hemd in den Osten gehe, werde ich erschossen", erklärt mir eine Frau. "Erst Samstagnacht wurde ein junger Mann erschossen. Tot, ohne Grund."

Weil mir ein Streben nach spiritueller Verwirklichung anerzogen ist, entscheide ich mich spontan, den Menschen von Anguilla bei der Ausrottung ihrer Gewaltprobleme zu helfen. Der erste Schritt: Fußball ausrotten.

Ich treffe Haydn Hughes, den Juniorminister für Tourismus und Enkelsohn von Ministerpräsidenten Hubert Hughes. Ich nehme an, dass es Haydns Aufgabe ist, die Touristen zufrieden zu stellen, also wird er der richtige Ansprechpartner für mich sein. Wir treffen uns in einem feinen Restaurant, ich esse Tigerkrebse, während Euer Ehren zu mir spricht: "Die britische Regierung hat mehr Macht als Putin in Russland . Damit können Sie mich zitieren."

Er hätte gern ein Referendum, um zu entscheiden, ob das Volk unter britischer Herrschaft bleiben oder unabhängig werden will. Die Briten allerdings, so sagt er, erlauben so ein Referendum nicht. Ich lasse ihn ausreden und frage dann: "Herr Minister, kennen sie jemanden im Ort, der mir Fußball beibringen kann?" Ja, sage ich zu mir selbst, ich kann den Frieden in Anguilla wieder herstellen. Ich bitte die Leute, mir Fußball beizubringen – und zeige ihnen damit gleichzeitig, wie bescheuert Fußball ist.