Fett wie ein TurnschuhWer Fußball spielt, kommt nicht ins Paradies

Unser Fitnesskolumnist Tuvia Tenenbom hegt eine tiefe Abneigung gegen Fußball. Er hält den Sport für gewalttätig – und entwickelt, passend zur EM, einen perfiden Plan. von Tuvia Tenenbom

"Ich habe einmal ein Fußballspiel gesehen und es nicht verstanden. Man rennt hinter einem Ball her, will ihn wirklich kriegen, man kämpft um den Ball, man riskiert Verletzungen auf der Jagd, und dann hat man ihn – und was tut man? Behält man den Ball? Nein. Man wirft ihn wieder weg. Ich verstehe das nicht: Warum hinterherrennen, wenn man den Ball nicht will? Oder wenn man ihn will, warum ihn dann wegwerfen? Fußball ist eindeutig ein gewaltsames Spiel, und wer es spielt, kommt nicht ins Paradies."

Das waren die Worte meines Rabbis als ich ein kleiner Junge war, vor vielen Jahren. Ich glaubte ihm. Ich wollte ins Paradies und spielte deshalb nicht Fußball. Nie.

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In einer Methodistenkirche in Anguilla muss ich an meinen Rabbi denken. Nein, ich bin nicht zum Christentum konvertiert. Weit gefehlt. Aber ich bin in Anguilla, einem karibischen Juwel mitten im Meer; und nachdem ich eine Weile von einem exzellenten Restaurant ins nächste unglaublich gute Restaurant gehüpft bin, brauche ich eine Pause.

Tuvia Tenenbom
Tuvia Tenenbom

ist Autor, Essayist und Dramatiker. Er ist Artistic Director des Jewish Theater in New York und Autor des Buches Allein unter Deutschen: Eine Entdeckungsreise. Für ZEIT ONLINE schreibt er seit Dezember 2011 die Fitnesskolumne "Fett wie ein Turnschuh". Im November erscheint sein neues Buch Allein unter Juden: Eine Entdeckungsreise durch Israel.

Gleich links neben der Kirche gibt es einen Friedhof. Und direkt dahinter hat man einen erstaunlichen Ausblick ins Grüne und auf einen Strand mit Wasser in großartigstem Türkis. Ich sitze am Fenster, genieße den Ausblick auf die Landschaft und höre dem Pastor zu, der gegen Gewalt predigt. Welche Gewalt?, frage ich mich. Spielt hier jemand Fußball?

Auch wenn es nur einen kurzen Flug von New York entfernt ist, liegt Anguilla auf einem völlig anderen Planeten.

Hier, zwischen den Villen der mächtigsten Menschen der Welt, laufen Hühner, Schafe und Ziegen so entspannt herum, als wären diese Villen ihr natürlicher Lebensraum. Das ist nicht die einzige Besonderheit von Anguilla. Anguilla, britisches Hoheitsgebiet, hat kein einziges Theater, ist aber Heimat zweier Regierungsstellen, die ständig aneinander geraten. Auf der einen Seite ist da der britische Gouverneur, der ehrwürdige Alistair Harrison, der feinstes Diplomaten-Englisch spricht. Auf der anderen Seite haben wir einen Anguillaner: den ehrwürdigen Ministerpräsidenten Hubert Hughes, einen Mann, der keine gerade Presseerklärung formulieren kann. Ich sitze zwischen den beiden neben dem Friedhof und frage mich, ob ich ins Paradies komme.

Der Pastor predigt und wettert gegen die Gewalt der verschiedenen örtlichen Gangs. Seine Gemeinde scheint ihm zuzustimmen. " Yo man ", nicken sie, was ich als "Ja" interpretiere.

Gangs? Wie kann es in einem 15.000-Seelen-Land Gangs geben? Sehr wahrscheinlich sind hier alle miteinander verheiratet – gegen wen kämpfen sie dann? "Im Westen von Anguilla sind die Blauen, im Osten die Roten. Wenn ich als Süd-Westlerin in einem roten Hemd in den Osten gehe, werde ich erschossen", erklärt mir eine Frau. "Erst Samstagnacht wurde ein junger Mann erschossen. Tot, ohne Grund."

Weil mir ein Streben nach spiritueller Verwirklichung anerzogen ist, entscheide ich mich spontan, den Menschen von Anguilla bei der Ausrottung ihrer Gewaltprobleme zu helfen. Der erste Schritt: Fußball ausrotten.

Ich treffe Haydn Hughes, den Juniorminister für Tourismus und Enkelsohn von Ministerpräsidenten Hubert Hughes. Ich nehme an, dass es Haydns Aufgabe ist, die Touristen zufrieden zu stellen, also wird er der richtige Ansprechpartner für mich sein. Wir treffen uns in einem feinen Restaurant, ich esse Tigerkrebse, während Euer Ehren zu mir spricht: "Die britische Regierung hat mehr Macht als Putin in Russland . Damit können Sie mich zitieren."

Er hätte gern ein Referendum, um zu entscheiden, ob das Volk unter britischer Herrschaft bleiben oder unabhängig werden will. Die Briten allerdings, so sagt er, erlauben so ein Referendum nicht. Ich lasse ihn ausreden und frage dann: "Herr Minister, kennen sie jemanden im Ort, der mir Fußball beibringen kann?" Ja, sage ich zu mir selbst, ich kann den Frieden in Anguilla wieder herstellen. Ich bitte die Leute, mir Fußball beizubringen – und zeige ihnen damit gleichzeitig, wie bescheuert Fußball ist.

Leserkommentare
  1. zu übersetzen hat sich gelohnt, einfach toll be- und geschrieben :-)

  2. Obwohl ich selbst das Vollkontaktkiergsersatzspiel ablehne. Aber es brachte z.B. Europa eine über 60 Jahre lange Phase von Frieden. Wozu sich die Köpfe einschlagen, wenn wir die Franzosen auf dem Platz verputzen könn(t)en.

  3. Gleich links neben der Kirche gibt es einen Friedhof. Und direkt dahinter hat man einen erstaunlichen Ausblick ins Grüne und auf einen Strand mit Wasser in großartigstem Türkis. Ich sitze am Fenster, genieße den Ausblick auf die Landschaft [...]

    Hier, zwischen den Villen der mächtigsten Menschen der Welt, laufen Hühner, Schafe und Ziegen so entspannt herum, als wären diese Villen ihr natürlicher Lebensraum. Das ist nicht die einzige Besonderheit von Anguilla. [...]

    Am nächsten Morgen miete ich mir ein kleines Badehaus im Viceroy Resort und lasse mich stundenlang mit weltbesten Wellnessprogrammen hegen und pflegen. [...]

    Das ist Anguilla, ein Traum umflossen von türkisen Wassern, eine Fantasie auf weißem Sand, ein Bild unter flammendem Himmel, ein Ort für Ziegen, Schafe und mich. Das Paradies.

    Ist das jetzt eine Tourismuswerbung für Anguilla oder geht es um Fußball? Ich bin mir nicht ganz sicher, was der Autor mit diesen Einwürfen sagen will. Ich finde es furchtbar uninteressant, ob da hübsche Frauen herumlaufen und dass der Autor in Dekadenz lebt.

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    Zum Glück habe ich gerade den Artikel über die Nützlichkeit von Trollen in Foren gelesen. Fühlen sie sich hiermit gefüttert :-)

    • dacapo
    • 19. Juni 2012 0:50 Uhr

    ....... liest man solche Kolumnen nicht, oder nie wieder. Damit hat's sich, ist doch einfach, oder?

    • dacapo
    • 19. Juni 2012 0:52 Uhr

    Nicht meckern, besser machen. Wir würden uns sehr auf Ihre Kolumnen freuen.

  4. 4. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen. Danke, die Redaktion/mk

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    "Außerdem hat diese Fachsimpelei noch den für Männer außerordentlich erfreulichen Aspekt, dass die Frauen damit wirksam vertrieben werden und die Männer unter sich sind.

    Man kann es natürlich auch andersrum sehen. Die Frauen haben nun einmal Zeit, ganz allein unter sich die wirklichen Probleme dieser Welt zu besprechen."

    Ja, über Germany´s next Topmodel, Sex and the City und dergleichen.
    Bitte auf dem Boden bleiben, Ladys. Ihr seid keinen Deut besser.

    "Natürlich ist Fußball gewalttätig
    Aber wo würden diese Leute ihre Gewalt abreagieren, wenn sie den Fußball nicht hätten?
    Ferner dauert so ein Fußballspiel mit allen Unterbrechungen locker 2 Stunden."

    Haha, genau. Fußballspieler sind alles brutale, hirnlose GEwalttäter, die, wenn sie kein Fußball spielen würden, mordend und raubend durch die Straßen laufen.
    Außerdem dauert ein Fußballspiel auch mit unterbrechungen keine 2 Stunden, da die Uhr, anders als beim Basketball zum Beispiel, nicht angehalten wird, wenn der Ball im Aus ist oder ein Foul begangen wurde.
    Wer sich, wie sie, mit einem Thema auseinandersetzt, von dem man offensichtlich überhaupt keine Ahnung hat, braucht sich nciht wundern, wenn man sich lächerlich macht!
    Hoffentlich informieren sie sich über Politik etwas mehr, bevor sie wählen gehen!

  5. Zum Glück habe ich gerade den Artikel über die Nützlichkeit von Trollen in Foren gelesen. Fühlen sie sich hiermit gefüttert :-)

    Antwort auf "Anguilla"
    • keibe
    • 18. Juni 2012 20:43 Uhr

    A)

    "em-finalspiel: eine anleitung zur ehekrise in 12 schritten:"

    http://swiss-lupe.blogspo...

    B)

    "Schon Fronto berichtet von Kaiser Trajan, dieser habe Massenunterhaltungen besonders gepflegt, in der festen Meinung, "dass das römische Volk insbesondere durch zwei Dinge, Getreide und Schauspiele, sich im Bann halten lasse"

    http://de.wikipedia.org/w...

    Daran hat sich bis heute wenig geändert.

    C) Und überhaupt:

    "»First of all, no sports«, soll Winston Churchill auf die Frage geantwortet haben, wie er ein so hohes Alter erreicht habe. Hat Churchill das wirklich gesagt? Iris Burk, Brackenheim"

    http://www.zeit.de/2005/2...

    Jetzt stimmt es, dank Tuvia Tenenbom.

  6. "Außerdem hat diese Fachsimpelei noch den für Männer außerordentlich erfreulichen Aspekt, dass die Frauen damit wirksam vertrieben werden und die Männer unter sich sind.

    Man kann es natürlich auch andersrum sehen. Die Frauen haben nun einmal Zeit, ganz allein unter sich die wirklichen Probleme dieser Welt zu besprechen."

    Ja, über Germany´s next Topmodel, Sex and the City und dergleichen.
    Bitte auf dem Boden bleiben, Ladys. Ihr seid keinen Deut besser.

    Antwort auf "[...]"
    • dacapo
    • 19. Juni 2012 0:50 Uhr

    ....... liest man solche Kolumnen nicht, oder nie wieder. Damit hat's sich, ist doch einfach, oder?

    Antwort auf "Anguilla"
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    in solch einem falle liest man solche Kolumnen nicht, oder nie wieder. Damit hat's sich, ist doch einfach, oder?

    Ja, wird wohl so sein. Zumal ich diesen Artikel nicht als Kolumne betrachte. Eine Kolumne ist ein eher kurzer Beitrag und nicht so ein abschweifender Text wie dieser hier.

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