Die Fernsehjournalistin Anna Teslenko © Steffen Dobbert

ZEIT ONLINE: Frau Teslenko, sind Sie aufgeregt wegen der EM?

Anna Teslenko: Ja, natürlich, diese EM ist ein großer Schritt für die Ukraine und ein großes Fest für viele Menschen. Bei all den politischen Problemen , mit denen wir zu kämpfen haben, kommt einem die EM wie eine Brise voller frischer, unverbrauchter Luft vorbei. Das ist gut für die Menschen, für mich auch.

ZEIT ONLINE: Sie arbeiten als Sportjournalistin, das soll in der Ukraine nicht leicht sein?

Teslenko: Es ist doch überall nicht leicht. Wissen Sie, ich habe lange überlegt, ob ich mit Ihnen spreche. Mit ausländischen Journalisten habe ich fürchterliche Erfahrungen gemacht. Aber versuchen wir es, ich mag das deutsche Team.

ZEIT ONLINE: Was hat Sie verärgert?

Teslenko: Eine BBC-Reportage , die Kollegen vor der EM gedreht und veröffentlicht haben. Ich habe den Kollegen aus England sehr, sehr viel geholfen, habe ihnen Treffen mit Ultras, Antifa-Gruppierungen ermöglicht, selbst ein Interview gegeben und war dabei, als sie mit den Ultras sprachen. Das Resultat ist eine Frechheit. Sie haben viele Fakten und Aussagen, die nicht zu ihrer reißerischen These passten, einfach weggelassen. Ich bat Ihnen an, sich mit schwarzen Fußballfans zu treffen, die gibt es hier nämlich. Doch im Beitrag kommt das nicht vor. Stattdessen wird eine Szene gezeigt, in der Fans den rechten Arm heben, das war kein Hitlergruß, doch im Film wird es so dargestellt. Rassismus gibt es überall, auch hier, aber es ist bei Weitem nicht so schlimm, wie es in dem Film gezeigt wird. Natürlich können Sie als Schwarzer hier in ein Fußballstadion gehen. Das passiert sehr oft, ohne Probleme.

ZEIT ONLINE: Der Chefredakteur der großen ukrainischen Fußballzeitschrift Futbol sagte, er arbeite nicht gern mit Frauen zusammen, und wenn doch, müssten sie sich wie Männer verhalten. Müssen Sie das auch?

Teslenko: Ich kann mir vorstellen, von wem Sie sprechen. Ich kenne Artem Frankow. Vor etwa sechs Jahren habe ich ihm einige Ideen für sein wöchentliches Magazin angeboten. Wir kamen damals nicht zusammen, aber viele von diesen Ideen hat er heute umgesetzt. Dieser Chefredakteur ist ein Mann aus der Sowjetzeit, wir haben noch einige wie ihn. Für diese Männer steht fest, dass keine Frau im Fußballteil einer Zeitung arbeiten darf. Dieser Unsinn begann in der Zeit des Trainers Walerij Lobanowskyj. Er sagte: Wenn eine Frau auf dem Schiff ist, wird etwas Schlimmes passieren.

ZEIT ONLINE: Was bedeutet das für Ihren beruflichen Alltag?

Teslenko: Wenn unser Nationalteam eine Reise zum Auswärtsspiel oder ins Trainingslager hat, darf keine Frau im Bus oder im Flugzeug mitfahren. Die Männer denken, das würde Unglück bringen. Unsere Fußballer glauben, mit einer Frau verliert das Team. Bei allen Nationalmannschaftsreisen nimmt der Fußballverband keine Journalistin mit. Wenn du als Frau da mit willst, musst du dir deinen eigenen Bus chartern.

ZEIT ONLINE: Das ist Ihr Ernst?

Teslenko: Ja, dazu gibt es eine schöne Geschichte mit einer Busfahrerin. Ein ukrainisches Team wollte zur Auswärtsfahrt aufbrechen. Als die Spieler und Betreuer bemerkten, dass eine Frau am Steuer sitzt, sagten alle: Nein. Die Busfahrerin musste gegen einen Busfahrer getauscht werden. Etwas anderes, positiveres habe ich vor etwa eineinhalb Jahren erlebt: Dynamo Kiew sollte in der Europa League gegen Besiktas Istanbul in der Türkei spielen. Mein Sender hatte die Übertragungsrechte für das Spiel und wollte mich als Reporterin schicken. Aber die Offiziellen des Klubs haben mit mir gestritten, gezankt bis aufs Äußerste. Ich dachte, der Pressesprecher hasst mich. Niemand wollte mich im Flugzeug dabei haben. Ich habe aber darauf bestanden. Dann gewann Kiew auch noch, obwohl ich mitgereist war. Der Trainer rannte nach dem Spiel völlig fertig, verschwitzt an meinem Mikrofon vorbei und sagte, dass ich ihnen wohl Glück statt Pech gebracht hätte. Das war in etwa so revolutionär wie der erste Weltraumflug einer Frau. Seitdem bin ich so etwas wie ein Glücksbringer, darf sogar bei verschiedenen Teams mit ins Trainingslager.