Die Ukrainerin Alla Oliynik © Ronny Blaschke

ZEIT ONLINE: Frau Oliynik, Mitte Mai sollte in Kiew die erste Gay Parade stattfinden. Warum sind Sie dem Projekt ferngeblieben?

Alla Oliynik: Leider ist unsere Gesellschaft nicht bereit für eine solche Parade. Ich habe Ärger erwartet, aber dass es so schlimm wird, habe ich nicht befürchtet. Der Organisator der Gay Parade wurde in einem Hinterhalt mit Pfefferspray angegriffen und krankenhausreif geprügelt. Polizisten waren in der Nähe, aber sie haben tatenlos zugeschaut. Die Angreifer haben das ausgelebt, was eine breite Mehrheit der Gesellschaft denkt: Homosexuelle stehen für sie auf der gleichen Stufe wie Mörder und Vergewaltiger. Je offener sich Lesben und Schwule in der Ukraine zeigen, desto gefährlicher leben sie. So sind wir gezwungen, uns zu isolieren.

ZEIT ONLINE: Es gibt keine bekannten Schwulen- oder Lesbenmagazine in der Ukraine und nur wenig Kneipen für Homosexuelle. Wer hat Sie bestärkt?

Oliynik: Erst einmal musste ich mich selbst finden. Ich habe mit Anfang zwanzig gemerkt, dass ich auf Frauen stehe. Bei einem Trinkspiel sollte ich eine Freundin aus der Uni küssen. Ich habe erst gezögert, aber dann gemerkt, dass es dieser Kuss war, den ich unbedingt wollte, es war wunderbar. Ich habe danach die krampfhaften Beziehungen zu Männern sein lassen.

ZEIT ONLINE: Wie hat Ihr Umfeld reagiert?

Oliynik: Meine Eltern akzeptieren es. Stillschweigend. Bekannten von mir ergeht es schlechter, sie werden zu Hause einfach rausgeschmissen. Meine Freundin, mit der ich seit sieben Jahren zusammen bin, hat ihren Eltern nichts erzählt. In meinem Büro weiß nur eine Kollegin, dass ich lesbisch bin. Wir können als schwullesbische Gemeinschaft nicht offen für unsere Rechte eintreten, das wäre zu gefährlich. Es gibt einige Kneipen, wo wir unter uns sind, aber sie werden nicht offensiv beworben wie in Berlin oder London.

ZEIT ONLINE: Sie haben 2005 den Verein Energy gegründet. Warum?

Oliynik: Unser Verein ist eine Rückzugszone. Wir organisieren Fußball- oder Volleyball-Turniere, alles ehrenamtlich. Wenn wir die Behörden um eine Halle oder ein Spielfeld bitten, können wir nicht sagen, dass wir lesbisch sind. Sie würden uns rausschmeißen und sich danach die Hände waschen, für die meisten Ukrainer sind wir eine Gefahr für die nationale Sicherheit. Wir wollen uns mit dem Verein nicht auflehnen, wir wollen niemanden provozieren. Wir möchten unter uns sein und uns wohlfühlen, also kicken wir im Untergrund.

ZEIT ONLINE: Wie machen Sie auf Ihren Verein aufmerksam?

Oliynik: Wir können keine Flyer verteilen, Plakate drucken oder Anzeigen schalten. Viele Medien schüren Homophobie. Zeitungen, die Schwule und Lesben als normal beschreiben, bekommen Ärger. Von ihren Chefs, von der Politik, aber vor allem: von ihren Lesern. Wir organisieren uns über ein geschütztes Internetforum, so spricht sich unser Angebot herum. Manchmal erhalte ich E-Mails von Künstlerinnen, die kein Interesse am Sport haben, aber sie wollen Teil unseres Netzwerkes werden. Viele Frauen, die sich unverstanden und ausgegrenzt fühlen, sehen erst bei uns: Sie sind nicht allein auf der Welt.

ZEIT ONLINE: Was erhoffen Sie sich von der Europameisterschaft?

Oliynik: Nicht viel. Es gibt viele Anlässe in der Ukraine, um über Menschenrechte zu diskutieren, nicht nur wegen der Inhaftierung von Julija Timoschenko. 2011 reichten Parlamentsabgeordnete einen Gesetzesentwurf ein, der die "Propaganda von Homosexualität" unter Strafe stellen soll. Es gibt einen Rechtspopulisten namens Ruslan Kuchartschuk, dem laufen die Menschen in Scharen zu. Seine Kampagne hat den Titel: "Liebe gegen Homosexualität".