Als ich am frühen Abend in der ukrainischen Stadt Charkiw gemütlich die Stufen hinab in diesen Keller steige, ist das, was dieses Fußballspiel zwischen der Ukraine und Schweden auslösen wird, undenkbar. Die Kneipe, deren Name so klingt, als würde man die Worte Karotte und Mohrrübe in einem Atemzug aussprechen, liegt irgendwo zwischen Fanmeile, Stadion, Universität, Stadtzentrum und einer großen Straße. Ein Ukrainer im Nationaltrikot, der mich in der U-Bahn aufgegabelt hatte, war mit mir hergelaufen und dann wieder gegangen. Vor dem Anpfiff fühle ich mich hier sicher.

Am Tisch gegenüber sitzen vier Frauen, sie mögen Ende dreißig sein. Alle trinken Bier. Auf den übrigen Tischen stehen autoreifengroße Teller mit Fleisch und meterhohe Bierbehältnisse, die wie riesige Wasserpfeifen aussehen und jeweils einen Tisch mit Bier versorgen. An den blanken Betonwänden, durch massive Eisenträger gehalten, hängen eine Leinwand und viele Fernseher. Der Keller erinnert an den Laden aus der zweiten Hälfte des Tarantino-Films From Dusk Till Dawn . Nur ein wenig heller.

Was kommt, ahne ich in der fünften Spielminute. Ein ukrainischer Spieler schießt aus 40 oder 50 Metern aufs Tor. Es ist der erste Torschuss, ungefähr so gefährlich wie die Babykatzen, die hier an U-Bahnhöfen verschenkt werden . Doch alle springen auf. Dann geht’s ab.

10. Minute: Der ukrainische Torwart fängt den ersten Ball. Durch den Keller fliegen Schreie.

23. Minute: Die erste echte Chance für die Ukraine . Schewtschenkos Schuss geht zwei Meter am Tor vorbei. Die meterhohen Bierbehältnisse wackeln, weil die Männer wie Männer mit ihren Händen auf den Tisch donnern.

26. Minute: In den Fernsehern ist in Großaufnahme ein Marienkäfer zu sehen, der von der Trainingsjacke eines Ersatzspielers aus losfliegt. Die vier Damen recken die Arme in die Luft, als wäre das Elfmeterschießen gewonnen.

32. Minute: Oleh Blochin, der Coach der Ukrainer, kreist mit den Armen, um sein Team anzutreiben. Im Keller startet eine Laola.

39. Minute: Der Schwede Ibrahimovi ć köpft an den Pfosten. Stille.

Halbzeit. Das Spiel ist ausgeglichen und mäßig spannend. Die Schweden hätten führen können. Schewtschenko, der 35-jährige Kapitän der Ukrainer, enttäuscht.

Die Stimmung in Kiew und Charkiw erinnerte mich in den vergangenen Tagen niemals annähernd an die WM 2006 oder die EM 2008 oder die WM 2010. Bisher war ich mir sicher, dass viele Ukrainer keinen Bock auf diese EM haben. Bisher.