EM-Schnack"Optische Zensur bringt nichts"

Der Regisseur Volker Weicker hat den Torfall von Madrid und das WM-Finale 2002 begleitet. Im Interview spricht er über die Kontrolle der Uefa und Löws Balljungenstreich. von 

Italiens Torhüter Gianluigi Buffon steht im Rauch der Feuerwerkskörper.

Italiens Torhüter Gianluigi Buffon steht im Rauch der Feuerwerkskörper.  |  © Jamie McDonald/Getty Images

ZEIT ONLINE: Herr Weicker, seit dem Torfall von Madrid kennen Sie sich mit ungewöhnlichen Szenen in Fußballspielen aus. Wie hätten Sie auf den Regenfall in Donezk reagiert?

Volker Weicker: Man kann sich helfen, indem man gezielt auf die Situation eingeht. In Madrid hatten wir drei Kameras im Stadion. Wir haben angefangen, die skurrilen Sachen auf dem Platz einzufangen, weil die Rhetorik der Kommentatoren Günther Jauch und Marcel Reif dazu passte.

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ZEIT ONLINE : Béla Réthy wirkte in Donezk nicht ganz so souverän. Kann man das mit Bildern retten?

Weicker : Sich eine Stunde lang ernsthaft über den Regen unterhalten zu wollen ist natürlich Quatsch. Es hätte bestimmt Bilder gegeben, die nicht so neutral waren wie jene, die ich gesehen habe. Man braucht letztlich zwei Dinge: Die Bereitschaft des Kommentators, sich auf die Komik der Situation einzulassen, und einen Regisseur, der das bebildert. Da sich aber bei großen Turnieren der internationale Regisseur und der Kommentator nicht gegenseitig hören, gibt es kein direktes Zusammenspiel.

ZEIT ONLINE : Sie waren 2002 im Endspiel der WM im Einsatz. Wie viel Kontrolle über die Bildregie üben die Verbände tatsächlich aus?

Weicker : Es gibt eine klare Ansage, was gezeigt werden darf und was nicht. Die Kollegen und Regie-Teams treffen sich im Vorfeld und sprechen sich ab, wie man dem Ganzen einen einheitlichen Look verpassen könnte. Natürlich kann ein Regisseur immer der Situation angemessen reagieren, aber die Erfahrung lehrt mich, dass man sich eher zurückhält und ein vorsichtiges Feed liefert.

ZEIT ONLINE : Gibt die Uefa ein Regelwerk aus an alle Regisseure mit Dingen, die sie nicht zeigen möchte?

Volker Weicker
Volker Weicker

Volker Weicker, geboren 1957 in Darmstadt, ist freier Regisseur. Seit fast 30 Jahren führt er Live-Regie, seit 2001 unterrichtet er dieses Fach an der Kunsthochschule für Medien in Köln. Für seine Arbeiten von TV-Duellen zwischen Kanzlerkandidaten über den 11. September 2011 bis hin zu Skispringen und Boxen wurde Weicker vielfach ausgezeichnet.

Weicker : Im Idealfall werden die Anforderungen gemeinsam erarbeitet. Einige Sachen sind klar definiert: Die Uefa möchte sich nicht in politische Ränkespiele verstricken, keine bengalischen Feuer und Flitzer zeigen, sondern sich nur auf das Sportliche konzentrieren. Sie hat Angst davor, dass Flitzer oder ähnliche Aktionen Nachahmer finden könnten. Das ist aber hoffnungslos, denn es findet sich bei jedem Turnier jemand, der sich inszenieren möchte.

ZEIT ONLINE : Haben die Zuschauer nicht auch ein Recht, diese Sachen zu sehen?

Weicker : Ich bin der Meinung, dass man es nicht verschweigen sollte. Man muss es nicht in epischer Breite zeigen, aber man sollte es kurz einspielen. Optische Zensur bringt nichts, weil der Kommentator es ohnehin erwähnt und es am nächsten Tag in der Zeitung steht. Durch die neuen Kommunikationsmittel ist der Flitzer schon auf Facebook oder Twitter zu sehen, bevor er überhaupt eingefangen ist.

ZEIT ONLINE : Was sagen sie zur Szene mit Joachim Löw und dem Balljungen ?

Weicker : Es wurde ja niemand reingeschnitten, der gerade eine Hose in einem Kaufhaus kauft, sondern der Trainer der deutschen Mannschaft im Umfeld des Spiels. Es ist legitim, das nachträglich zu zeigen. Das ist bei anderen Veranstaltungen wie der Leichtathletik völlig normal. Etwas unglücklich war es, dass Béla Réthy gerade von der Ernsthaftigkeit des Bundestrainers sprach, was natürlich überhaupt nicht zur Szene passte. Dafür konnte der Regisseur aber nichts, denn wie gesagt hört er den Kommentator nicht. Meiner Meinung nach haben die Medien bei diesem Bild überreagiert. Es wird am Ende sicherlich eines der Bilder dieser EM sein.

ZEIT ONLINE : Wie finden Sie generell die Leistung der Regie bei diesem Turnier?

Weicker : Im Vergleich zur Weltmeisterschaft finde ich die Übertragung deutlich besser. Phasenweise sind mir einige Zuschaueraufnahmen in der Zeitlupe zu übertrieben, oft weiß man nicht, wo man sie einordnen soll. Aber technisch ist einiges aufgefahren: Die High-Speed-Kamera etwa: Das Tor von Ibrahimovic gestern war eine Sensation, nicht nur das Tor an sich, sondern auch die Einstellung, wirklich großartig. Das Problem an den High-Speed-Aufnahmen ist gerade bei Fouls, dass sie der Brutalität etwas Ästhetisches verleihen. Da muss der Regisseur die richtige Mischung finden.

ZEIT ONLINE : Und wer wird Europameister?

Weicker : Deutschland. Ich glaube, dass die Mannschaft die mentale Stärke hat und die Bayern-Spieler sich von ihrem Frust gelöst haben.

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Leserkommentare
    • meditz
    • 20. Juni 2012 23:48 Uhr

    Beim Balljungenstreich verstehe ich die Aussage Hrn.Weickers nicht. Als Regisseur muss er doch die Liveschnitt-Sprache kennen. Diese enthielt eben bisher keine Bilder vom Trainer am Spielfeldrand, die vor oder nach dem Spiel aufgezeichnet wurden. Wenn die Sprache so drastisch geändert wird, ist es keine Überraschung, dass das Publikum sie nicht oder miss-versteht. Und es ist ja wohl klar, dass es semantisch ein riesiger Unterschied ist, ob ein Trainer während oder nicht während des Spiels faxen macht. Wenn ein Regisseur das nicht durchschaut, dann zweifle ich an seiner Kompetenz.

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  • Serie EM-Schnack
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Joachim Löw | Günther Jauch | Weltmeisterschaft | Bundestrainer | Facebook | Leichtathletik
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