Fußball-WeltverbandDas schmutzige Königreich von Joseph Blatter

Joseph Blatter ist der König des Fifa-Reichs. Doch Korruptionsvorwürfe überschatten seinen Fußball. "So viel Lug und Trug", sagt einer, "das geht an die Substanz". von Robert Ide

Fifa-Präsident Joseph Blatter

Fifa-Präsident Joseph Blatter  |  © Fabrice Coffrini/AFP/Getty Images

Ob er einsam ist? Ob er in seinem Büro sitzt am mit Nappaleder bezogenen Schreibtisch und beim Unterschreiben auf prägniertem Briefpapier mal aus dem Fenster schaut – mit einem sehnenden Blick nach der weiten Welt, die er repräsentieren soll und die doch bei näherem Hinsehen nur die kleine schmierige Welt ist, in der er sich trickreich zu bewegen weiß wie der wendige Mittelstürmer, der er als Kind war? Ob er heute einmal hinunterfährt in die extra für ihn eingerichtete Kapelle – der Fahrstuhl in seiner Konzernzentrale erkennt seinen Fingerabdruck – und dann da unten sitzt, ein leises Lied singt und dabei sein Echo hört, immer nur sein eigenes Echo? Und ob es ihm dann so ergeht wie den anderen um ihn herum?

Hunderte arbeiten hier in diesem mit Stahlnetzgittern eingefassten Marmor- und Granitpalast auf dem Zürichberg, dessen höchster Punkt sein Büro ist. Und alle hören allein auf ihn, hängen an seinen Lippen, die sechs Sprachen fließend sprechen, und an seinen Händen, die mit einem Füllfederstrich Millionenbeträge bewegen. Sie alle warten auf das, was er als Nächstes tut. Und wenn er sich dann auf die Couch setzt und Kreuzworträtsel löst – Fußball-Weltverband mit vier Buchstaben: Fifa –, so dauert dieses Warten eine kleine Ewigkeit.

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Auf den Fluren unter seinem Büro flirren sie hektisch umher und rühren wartend Zucker, auf dessen Päckchen das Fifa-Emblem eingedruckt ist, mit Löffeln, in dessen Metall das Fifa-Emblem eingraviert ist, in ihren Kaffee, der in einer Fifa-Tasse schwimmt. Hier in der protzigen kleinen Fifa-Welt in der einzigen Fifa-Straße der großen weiten Welt.

Und während die Limousinen im Parkhaus herunterkühlen und von draußen nur das Quietschen der Straßenbahn zu hören ist, die hier oben ihre Wendeschleife dreht, könnte einem dieser unerhörte Gedanke kommen: Wie wäre das, wenn er mal nichts täte, nichts schriebe, gar nichts sagte? Wie wäre das, wenn er nicht mehr hier wäre? Dann wäre einer der mächtigsten Menschen der Welt womöglich der einsamste. Denn Joseph S. Blatter , 76, sich selbst immer wieder beerbender Fifa-Präsident – teure Uhr, teure Brille, schweres Parfüm, manchmal zitternde Hände – hat keine Freunde. Das sagen alle, die es mal versucht haben.

Blatters Verlobte Fifa

Er hat seine Gefährten alle verloren an seine Verlobte, wie er sie nennt – mit einem Hauch zarter Hingabe und einem maliziösen Lächeln, das ihm innerlich weh tun müsste. Denn seine Verlobte ist bloß die 108 Jahre alte Oma Fifa. Drei Ehen sind darüber zerbrochen. Aber das ist gerade sein geringstes Problem .

Sein Lebenswerk steht öffentlich zur Verhandlung – 14 Jahre Fifa-Präsidentschaft; basieren sie nur auf schmierigem Geld und einem manchmal ins Schmierige abgleitenden Lächeln? Er hebt abwehrend die Arme auf einer dieser Pressekonferenzen, auf denen er sich nur selbst hören kann, und beteuert, er habe selbst niemals Geld genommen. Außer die Aufwandsentschädigung natürlich, die ihm zusteht: eine Million im Jahr, "die Währung können Sie sich aussuchen“.

Sein Reich ist käuflich . Das ist jetzt gerichtsfest festgestellt und aktenkundig. Mit mehr als Hundert Millionen – sie suchten sich die Währung Schweizer Franken aus – ließen sich die höchsten Funktionäre des Weltsports vom inzwischen bankrotten Fifa-Vermarkter ISL schmieren. Das war Mitte der 90er Jahre, und dass erst jetzt bewiesen worden ist, was draußen in der Nicht-Fifa-Welt sowieso alle zu wissen meinten, zeigt schon, wie hartleibig Blatter die Aufklärung zu verhindern vermocht hat.

Leserkommentare
    • hairy
    • 21. Juli 2012 11:57 Uhr

    wer sich diese Art Fussball noch anschaut, hat offenbar mit Blatter kein Problem. Die Fussballverweigerung der "Massen" wäre wohl das Einzige, was B. in Bedrängnis bringen könnte. Oder außerdem noch das sog. Zeitliche.

    • kyon
    • 21. Juli 2012 12:00 Uhr

    "Er hat seine Gefährten alle verloren an seine Verlobte, wie er sie nennt – mit einem Hauch zarter Hingabe und einem maliziösen Lächeln, das ihm innerlich weh tun müsste. Denn seine Verlobte ist bloß die 108 Jahre alte Oma Fifa." (ZEITonline)

    Irgendwie klingt das nicht gesund.

    2 Leserempfehlungen
    • joG
    • 21. Juli 2012 12:57 Uhr

    ...wo das Sommerwunder offenbar von unseren Leuten illegitim gekauft wurde und es allgemein bekannt ist, dass das IOC nicht besser ist als die FIFA in diesen Dingen. Ich denke für inländische Medien wäre es besser, man geht den eigenen Kriminellen zuerst nach; auch wenn die Taten verjährt sind. Dann kümmert man sich um die im Ausland sind. Das hätte ein ehrlicheres Gefühl.

  1. ... und ich dachte die Zeit der Könige ist vorbei....., aber sie haben IHRE Landes-Fürsten überall sitzen, die Ihren König lobpreisen und nur des Königskleider sehen.....

    • E.Wald
    • 22. Juli 2012 5:31 Uhr

    wenn entweder Blatter stirbt und durch Zufall vernünftige Leute ans Ruder kommen, oder wenn die großen Verbände ernst machen und einen neuen Verband gründen. Eine WM ohne (z.B.) Brasilien, Spanien, Deutschland, Italien und England wäre unattraktiv; dazu müssten die ausscherenden Verbände aber ein, zwei Turniere auf "echte" Titelmöglichkeiten verzichten.

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    .
    "... dazu müssten die ausscherenden Verbände aber ein, zwei Turniere auf "echte" Titelmöglichkeiten verzichten ..."

    Sie könnten ja auch eine Zeitlang einfach nur Fussball spielen.

    Wenn sich die neue Verbandskultur auf einem finanziell wesentlich niedrigeren Level einpendelte und dabei noch den schöneren Fussball böte, wäre schon mal viel gewonnen.

    Was diese Idee hier angeht allerdings:

    "... durch Zufall vernünftige Leute ans Ruder kommen ..."

    sehe ich so schwarz wie ... so schwarz wie ... FIFA-Geld.

    Was wollen sie denn von Vorstadt Anwälten vom Kaliber eines Herrn Zwanziger erwarten?
    Der kann sich doch kaum eine Mrd. USD vorstellen, obwohl er ja mal Regierungspräsident war.

    Über diese Milliarde USD auch noch faktisch ohne Rechenschaft verfügen zu können, davon träumt solch ein Mensch wie Zwanziger nicht einmal.
    Das wäre, alös wenn man einen kleinen Dorfpolizisten gegen die große "Mafia" kämpfen läßt.

    Solange die FIFA in der Schweiz ihren Sitz hat kann man eh wenig tun.

    Auf besseres brauchen sie nicht zu hoffen, dazu müssten erstmal wirklich unabhängige Menschen in die Sportverbände.

    Blatter wird seinen Nachfolger, höchstwahrscheinlich, schon "handverlesen" "in petto haben.

  2. 6. Zitat:

    .
    "... dazu müssten die ausscherenden Verbände aber ein, zwei Turniere auf "echte" Titelmöglichkeiten verzichten ..."

    Sie könnten ja auch eine Zeitlang einfach nur Fussball spielen.

    Wenn sich die neue Verbandskultur auf einem finanziell wesentlich niedrigeren Level einpendelte und dabei noch den schöneren Fussball böte, wäre schon mal viel gewonnen.

    Was diese Idee hier angeht allerdings:

    "... durch Zufall vernünftige Leute ans Ruder kommen ..."

    sehe ich so schwarz wie ... so schwarz wie ... FIFA-Geld.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Es ändert sich erst, "
  3. Was wollen sie denn von Vorstadt Anwälten vom Kaliber eines Herrn Zwanziger erwarten?
    Der kann sich doch kaum eine Mrd. USD vorstellen, obwohl er ja mal Regierungspräsident war.

    Über diese Milliarde USD auch noch faktisch ohne Rechenschaft verfügen zu können, davon träumt solch ein Mensch wie Zwanziger nicht einmal.
    Das wäre, alös wenn man einen kleinen Dorfpolizisten gegen die große "Mafia" kämpfen läßt.

    Solange die FIFA in der Schweiz ihren Sitz hat kann man eh wenig tun.

    Auf besseres brauchen sie nicht zu hoffen, dazu müssten erstmal wirklich unabhängige Menschen in die Sportverbände.

    Blatter wird seinen Nachfolger, höchstwahrscheinlich, schon "handverlesen" "in petto haben.

    Antwort auf "Es ändert sich erst, "

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