Charly GrafDer Cassius Clay vom Waldhof

Sie riefen ihn "Negerkind", später wurde er Profiboxer und saß im Gefängnis. Jetzt zeigt Charly Graf Jugendlichen, worum es im Leben geht: ums Austeilen und Einstecken.

Charly Graf im Ludwigsburger Gefängnis, Juli 1984

Charly Graf im Ludwigsburger Gefängnis, Juli 1984

Wie er da so durch die muffige Sporthalle ruft, während der alte Holzboden unter seinen Füßen knackt, ist es, als sage er die Worte nicht nur zu seinen Schülern, sondern auch zu sich selbst. Sie klingen wie eine Kurzversion seines bislang 61 Jahre währenden Lebens.

"Mehr Dampf."

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"Durchhalten."

"Du sollst boxen und nicht schlagen."

"Mit Kopf."

"Weglaufen kann jeder Idiot."

"Stopp."

Charly Graf leitet seinen dritten und letzten Boxkurs an diesem Tag. Hier kann er zeigen, was er kann und was Sport kann. Zieht man die unseriösen Dinge ab, ist Boxen das Einzige, was der Mann richtig gelernt hat. Bis an die Spitze schaffte er es und sucht jetzt doch die Basis. Schon seit acht Uhr morgens tingelt er durch Mannheimer Hauptschulen und lässt es knacken.

Der Holzboden ächzt von den flinken Tippelschritten der Jugendlichen, während sie mit ihren Fäusten in den Boxhandschuhen gegen eine dicke blaue Matte trommeln, die nur einen dumpfen Knall zur Antwort gibt. Pause. Der Schweiß suppt durch die T-Shirts. Dann: weitertrommeln, Pause, weitertrommeln. Trommeln für ein besseres Leben.

Nicht weit vom Boxen zum Rotlicht

Als schwer erziehbar gelten sie, die schwitzenden Jungs und Mädchen. Einige von ihnen haben in ihren jungen Jahren kaum etwas gelernt über Disziplin und Respekt, andere wollten es einfach nicht lernen oder hätten sich andere Freunde aussuchen sollen. Und manche wachsen dazu noch in ärmlichen Verhältnissen auf, ihre Möglichkeiten sind überschaubar. Nichts Neues für den Mann, der "Mehr Dampf" ruft.

Er wurde in einem Slum groß, mitten in Deutschland. Mannheim, Stadtteil Waldhof. Hier, wo die Benzbaracken in den fünfziger und sechziger Jahren dicht an dicht standen und den schmuddeligen Teil der jungen Republik repräsentierten. Ein Bad für 60 Leute gab es, sonst nicht viel. Seine Mutter trank, und nicht selten brachte sie Männer mit nach Hause ins kleine Barackenzimmer, immer andere. "Negerkind" nannten ihn einige. Der Mann, der Charles Graf, genannt Charly, zeugte, war Besatzungssoldat und ging bald zurück in die USA. Der zurückgelassene Junge lernte schnell, wie er sich durchboxen konnte. Ein starker Oberarm zum Beispiel machte sich ganz gut bei den vielen Prügeleien und später auch bei seinem Job im Rotlichtmilieu.

Die Sache mit den Oberarmen ist geblieben. Mit der eng anliegenden beigen Leinenweste, die er heute zur Bluejeans trägt, sehen sie sogar noch ein bisschen muskulöser aus, als sie ohnehin sind. Nur den braunen Hut, seine Sonnenbrille und die dicke Silberkette hat Charly Graf abgenommen, ansonsten steht er nun in Straßenkleidung wie ein bissiger Wachhund vor der Sprossenwand und ordnet ein paar Sprints an.

Sprints und Armmuskeltraining. Wenn Coach Graf es will, wenn er "Jetzt" sagt, schieben seine Schüler Liegestütze ein. "Jetzt", sagt er und spaziert dabei in aller Ruhe durch die Halle. "Jetzt." Noch ein Liegestütze. Die technische Ausführung ist gar nicht so wichtig, es geht um Kondition, Disziplin und die Erkenntnis, dass Boxen mehr ist als ein stupider Kampfsport. "Jetzt." Die ersten Arme zittern, und der Coach ruft: "Durchhalten". Einen Moment noch, dann plumpst ein Junge vor Erschöpfung zu Boden. Er hat aufgegeben, vielleicht hat er sich auch gehen lassen. Charly Graf schüttelt kaum merklich mit dem Kopf, sagt aber nichts.

Früh fiel er mit seinem massigen Körper auf, Trainer nahmen sich seiner an, und bald wusste er zu boxen wie ein Großer. "Ali von Waldhof" nannten sie ihn in Anlehnung an Muhammad Ali, weil er sich ähnlich durch den Ring bewegte. In seinem ersten Profikampf, gerade 17 Jahre alt war er, lag der Gegner schnell am Boden. Fünf Mal ging das so weiter. Und auf einmal war Charly Graf nicht mehr nur das halbschwarze Arbeiterkind aus den Benzbaracken, sondern für manche schon ein kommender deutscher Weltmeister im Schwergewicht. Auf einmal bekam er das, was ihm in seiner Kindheit gefehlt hatte: Anerkennung, Glückwünsche, Schulterklopfer, wenn auch nicht immer von den kultiviertesten Typen.

In schummrigen Hallen wurde damals vor dubiosen Zuschauern geboxt, und da war es für Charly Graf nicht weit vom Ring zum Rotlicht. Es ging um Zuhälterei und Glücksspiel. Damit begannen seine Probleme, die nur noch größer wurden, als er anfing, im Ring zu verlieren. Als er dann immer wieder ins Gefängnis musste – mit Unterbrechungen saß er zehn Jahre –, war sein Talent schnell vergessen.

Seinen Schülern hat Graf gleich in der ersten Stunde davon erzählt. Davon, wie unglaublich das Leben manchmal laufen kann und dass es nie zu spät ist, die Kraft von Worten zu erkennen. Die Jugendlichen haben es selbst in den Händen, es besser zu machen als ihr Trainer.

Leserkommentare
  1. einfach ein toller typ!!!!!!!!!!!

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