Frage: Herr Bach, wir haben diesmal kein Organisationschaos wie vor den Olympischen Spielen 2004 in Athen , keinen Tibetkonflikt und keinen missbrauchten Fackellauf wie vor den Spielen 2008 in Peking . Ist Ihre Vorfreude auf die Spiele in London so groß wie zuletzt auf Sydney 2000?

Thomas Bach: Vor Ereignissen dieser Größenordnung gibt es immer Diskussionen. Aber diesmal ist meine Vorfreude riesig und ungetrübt und vielleicht noch einen Tick größer als sonst. Weil man auf eine sportbegeisterte Bevölkerung trifft, die auch im Feiern nicht schlecht ist.

Frage: Also anders als in Peking.

Bach: Es ist eine andere Art. Mein Credo ist, dass die Faszination der Spiele auch davon lebt, dass sie immer wieder unterschiedlich organisiert und gefeiert werden. Wenn es jedes Mal die gleiche Herangehensweise gäbe, wäre es langweilig. Die Idee der Spiele ist Globalität und dass sich jeder auf seine Art wiederfindet. Die Einheit liegt in der Vielfalt.

Frage: Was erwarten Sie denn in London?

Bach: Ich erwarte brillante Spiele. Auch organisatorisch werden sie hervorragend , aber am Ende werden Sie sich durch wirklich olympische Atmosphäre auszeichnen. Man darf ja nicht vergessen, dass die Briten die Mehrzahl der Sportarten erfunden oder die Regeln dafür geschrieben haben, um sicherzustellen, dass sie selbst nicht zu schlecht abschneiden (lacht).

Frage: Was meinen Sie mit olympischer Atmosphäre?

Bach: Es gibt ein tolles olympisches Dorf und somit beste Voraussetzungen, damit die Stimmung vom Dorf auf die Stadt überschwappt und umgekehrt. Im Übrigen glaube ich, dass die Atmosphäre aus dieser kosmopolitischen, faszinierenden Stadt wachsen wird, auch aus den Gegensätzen zwischen dem ultramodernen Olympic Park und den klassischen Sportstätten Greenwich, Wimbledon, Henley.

Frage: Und wie gut ist die deutsche Olympiamannschaft?

Bach: Da bin ich sehr zuversichtlich. Man sieht in vielen Sportarten und Disziplinen starke Verbesserungen, insbesondere gegenüber Peking.

Frage: Wo genau?

Bach: Dass in der Leichtathletik die berechtigte Chance besteht, mehr als eine Bronzemedaille wie in Peking zu gewinnen, leuchtet jedem Sportfan ein. Auch die Ruderer haben sich nach Peking stark verbessert, etwa der Achter. Im Kanu ist das extrem hohe Niveau gehalten worden. Wir sind unter den Ländern unserer Größe wie Frankreich, Australien , Japan , Südkorea , selbst Großbritannien wahrscheinlich diejenigen, die am breitesten aufgestellt sind und in den meisten Sportarten auch Medaillenchancen haben. Da kommt die Stärke unserer Sportkultur zum Tragen.