Fett wie ein TurnschuhWir sind alle fit, dünn, schön, sexy, politisch korrekt

Unser Kolumnist Tuvia Tenenbom besucht Kalifornien. Er will über Syrien, rituelle Beschneidung reden. Aber Gewichtsprobleme sind in L.A. die einzige Realität, die zählt. von Tuvia Tenenbom

Tuvia Tenenbom verkleidet in L. A.

Tuvia Tenenbom verkleidet in L. A.  |  © Isi Tenenbom

Sie wollen absolut alles über Gesundheit und Fitness wissen? Kommen Sie nach Los Angeles , allseits bekannt als L.A. Hier sind alle fit, dünn, schön, sexy, politisch korrekt, engagiert in Menschenrechtsdingen, für eine saubere Umwelt und naturbelassenes Bio-Essen. Hier, meine Freunde, ist das Wort Diät heiliger als Gott. Wenn man in L.A. ins Restaurant geht, hört man am Nebentisch solche Sachen:

"Er sieht wirklich gut aus. Wow! Für sein Diätrezept würde ich töten!"
"Hast du den 'Noch 'ne Mama für Obama'-Aufkleber auf meinem Auto gesehen? Obama ist irre attraktiv."

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In L.A. sitzt man vor riesigen Tellern und verschlingt jeden kleinsten Bissen, als hätte man seit Generationen nichts mehr gegessen. Die Teller sind randvoll mit Blättern. Großen Blättern. Riesigen Blättern. Eine wunderschöne Dame neben mir, die ungefähr vierzig ist, aber wie zwanzig aussieht, bestellt aus Versehen zwei Scheiben Brot. "Wollen Sie sie haben?" Sie will mich verführen. Sie selbst kann das Brot nicht essen, weil sie in Eile ist. Termine, Termine.

"Termine", so finde ich schnell heraus, sagt man hier zu Yoga, Pilates, Kampfsport-Kursen, Boxen, Jogging, Thai Massagen, Hundewäsche, chinesischer Meditation oder – für die Ärmeren unter uns – zum Fitnessclub. Der Freund, bei dem ich wohne, ist TV-Schauspieler und veranstaltet in seinem Haus einen "Gesundheitsgospel". Die Leute kommen rein, stehen im Kreis herum und konzentrieren sich auf die Kommandos einer Asiatin, die fast kein Englisch spricht. Sie sagt Sätze, die ich beim allerbesten Willen nicht wiedergeben kann. Sie gehen in die Knie, als würden sie sich setzen wollen, stehen dann aber wieder auf. Klingt einfach, oder? Weit gefehlt. Sie machen das eine Dreiviertelstunde non-stop. Die Asiatin murmelt ihre New-Age-Kommandos, die Leute murmeln zurück.

Ich sehe ihnen verschreckt zu und verlasse das Haus.
Ich entdecke ein Restaurant namens Buddha’s Belly.
Würden Sie in so einem Laden essen?
Ich nicht. Nichts gegen Buddha, aber ich würde auch nicht von Moses' Bauch speisen.

Tuvia Tenenbom
Tuvia Tenenbom

ist Autor, Essayist und Dramatiker. Er ist Artistic Director des Jewish Theater in New York und Autor des Buches Allein unter Deutschen: Eine Entdeckungsreise. Für ZEIT ONLINE schreibt er seit Dezember 2011 die Fitnesskolumne "Fett wie ein Turnschuh". Im November erscheint sein neues Buch Allein unter Juden: Eine Entdeckungsreise durch Israel.

Ich laufe eine Straße mit vielen teuren Läden entlang – Obdachlose, christliche Missionare und 1.000 Einkäufer. Ich zünde mir eine Kippe an. Nach einem Gospel geht nichts über eine gute Zigarette. Allerdings währt mein Vergnügen nicht lang. Eine Gesetzeshüterin kommt auf mich zu, wahrscheinlich gehört sie zur Sittenpolizei. "Sie dürfen hier nicht rauchen", sagt sie. Glücklicherweise scheint sie mich zu mögen und ich kann eine Gefängnisstrafe, eine öffentliche Hinrichtung, eine Millionen-Dollar-Strafe oder sonst eine gnädige Bestrafung vermeiden.

Die Leute hier sind keine schlechten Menschen, nein; tatsächlich sind sie gut. L.A. ist ein Filmland, und jeder hier ist Aschenputtel. Jeder Mensch ist außergewöhnlich talentiert, sagt man in L.A., und jede Kreatur kann höchste Formen der Spiritualität erreichen. Mit Kreatur sind natürlich nicht nur Menschen gemeint: Tiere sind ebenfalls Kreaturen und haben daher auch die gleichen Rechte. Tatsächlich sind die kreatürlichen Rechte der Tiere fast so wichtig wie die Blätter auf den Tellern. Der Immobilienmakler Aaron Leider kämpft seit Jahren vor Gericht gegen das Elefantengehege im Zoo von L.A. – dessen Bau schon 42 Millionen Dollar gekostet hat. "Billy (so heißt der Elefant) hat Gewichtsprobleme", erklärt Aarons Anwalt.

Leserkommentare
  1. dass ich im Bildhintergrund mindestens zwei übergewichtige Personen sehe.

  2. ... dass in Deutschland so heiß die Beschneidung debattiert wird, während in den USA aus einer ganz anderen Motivation heraus (Gesundheit!) die Beschneidung Gang und Gäbe ist - ohne dass von 'Verstümmelung' oder sonstigen Sachen die Rede ist. Vielleicht kocht man hier zu heiß und ausnahmsweise würde uns amerikanische Gelassenheit gut tun!

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    dass in Amerika schon viel länger über Beschneidung debatiert wird als bei uns und dort die Raten zurück gehen, das aber in Deutschland keiner mitbekommt.

    Schauen Sie sich bitte das Lehrvideo von Ryan McAllister an(Dr. der Medizin und Forscher an der Georgetown University): http://www.youtube.com/wa...

    Der Forscher erklärt dort sehr gut und allgemein verständlich, warum Beschneidung nicht trivial ist und auch wie es zur starken Verbreitung dieser Praxis in den USA kam.

    Erst recht nicht, wenn wir von Kalifornien reden, denn hier gab es immerhin eine Initiative, die ein Referendum über rituelle Beschneidung einbringen wollte.

    Das Thema wird in den USA - gerade anläßlich des Kölner Urteils - heiß diskutiert. Viele Amerikaner, mit denen ich im Zuge der Debatte Kontakt hatte, begrüßen die Kölner Initiative ausdrücklich (und etwas wehmütig) als ausgesprochen fortschrittlich.

    Dass in den USA (zumindest früher einmal) die männliche Beschneidung aus modischen oder vorgeblich hygienischen Gründen angesagt war, mag zwar stimmen. Aber man sollte den kleinen Unterschied zwischen einem erwachsenen Mann, der sich dazu, aus welchen Gründe auch immer, entschließt, und einem Säugling im Alter von 8 Tagen, dem das einfach angetan wird, nicht vergessen. Mit meinem Körper kann ich machen, was ich will. Aber kein anderer!

    • dacapo
    • 05. August 2012 0:23 Uhr

    ...... Ihr Hinweis, dass in den USA viele Beschnittene gibt, kann man mit Beschneidungen an Kindern nicht vergleichen. Es gibt ja nun einen Unterschied zu den angesprochenen Beschneidungen. Wer sich als Erwachsener beschneiden lässt, weiß was er will.

    Und wieso beteilige ich mich überhaupt an der Diskussion über Beschneidungen auf Grund der Kolumne, ich glaub, ich steh auch auf einem Schlauch.

  3. der urspruengliche Verfasser dieses wirren Konstrukts ist ein New Yorker. Die haben noch verschrobenere Zwangsvorstellungen von Kalifornien und besonders LA, als der Durchschnittsdeutsche.

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    Was ja angesichts der für deutsche Verhältnisse bereits in NYC schwer erträglichen Benimmregeln (jede Menge Verbote bzw. exakte Definitionen, was an Ort X überhaupt noch erlaubt ist) einer gewissen Ironie nicht entbehrt.

    Ich fand New York als Besucher sehr spannend aber wer Berliner Liberalität zu schätzen weiß, fühlt sich dort schon ziemlich gegängelt. Wenn LA noch rigoroser ist, dann gute Nacht!

    Die Dame in gelb ist schwanger, für Übergewicht sind ihre Beine zu zierlich, der Mann in blau ist im Normalbereich und hat wohl nur ein paar Schwangerschaftspfunde draufgesetzt und die gespiegelte Frau im Schaufenster ist nicht gut genug erkennbar und verzerrt, als dass man sie eindeutig als übergewichtig identifizieren könnte

  4. dass in Amerika schon viel länger über Beschneidung debatiert wird als bei uns und dort die Raten zurück gehen, das aber in Deutschland keiner mitbekommt.

    Schauen Sie sich bitte das Lehrvideo von Ryan McAllister an(Dr. der Medizin und Forscher an der Georgetown University): http://www.youtube.com/wa...

    Der Forscher erklärt dort sehr gut und allgemein verständlich, warum Beschneidung nicht trivial ist und auch wie es zur starken Verbreitung dieser Praxis in den USA kam.

  5. Erst recht nicht, wenn wir von Kalifornien reden, denn hier gab es immerhin eine Initiative, die ein Referendum über rituelle Beschneidung einbringen wollte.

    Das Thema wird in den USA - gerade anläßlich des Kölner Urteils - heiß diskutiert. Viele Amerikaner, mit denen ich im Zuge der Debatte Kontakt hatte, begrüßen die Kölner Initiative ausdrücklich (und etwas wehmütig) als ausgesprochen fortschrittlich.

  6. Was ja angesichts der für deutsche Verhältnisse bereits in NYC schwer erträglichen Benimmregeln (jede Menge Verbote bzw. exakte Definitionen, was an Ort X überhaupt noch erlaubt ist) einer gewissen Ironie nicht entbehrt.

    Ich fand New York als Besucher sehr spannend aber wer Berliner Liberalität zu schätzen weiß, fühlt sich dort schon ziemlich gegängelt. Wenn LA noch rigoroser ist, dann gute Nacht!

    Antwort auf "Ich nehme mal an"
  7. wie man politische Korrektheit definiert. In den USA scheinbar anders, als hierzulande. Jedenfalls wurde zum Beispiel in einem von der US-Außenministerin Hillary Clinton herausgegebenen offiziellen Menschenrechtsbericht der Regierung auch Deutschland erwähnt und gerügt. Beanstandet wurde dabei die Verhinderung einer Wahlversammlung der Bürgerbewegung pro Deutschland in Berlin-Kreuzberg im Mai 2011. Das Recht auf Durchführung der Veranstaltung mußte zunächst vor dem Verwaltungsgericht erstritten werden, wurde dann aber dennoch nicht gewährt. Wer es mir nicht glaubt, möge googeln.

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