Fifa-SchmiergeldSportfreunde, empört Euch!

Doping bei der Tour, Schmiergeld bei der Fifa – diese harten Sportthemen lassen viele kalt. Dabei bedrohen sie die Integrität des Sportes, kommentiert Christian Spiller. von 

Joseph Blatter, Fifa-Präsident

Joseph Blatter, Fifa-Präsident  |  © AFP/Getty Images

"In China fällt ein Sack Reis um – die Fifa ist korrupt", so begann bei den Kollegen von sueddeutsche.de ein Text über die neuen Enthüllungen beim Fußball-Weltverband . Die Reis-Sache haben sie später wieder rausgestrichen. In den Leserkommentaren von ZEIT ONLINE war Ähnliches zu lesen. "Ich bin schockiert! Wie jetzt, da sind Schmiergelder geflossen? Unfassbar. Damit hätte ich jetzt wirklich nicht gerechnet", schreibt User Furzl und gibt sich nicht einmal Mühe, seinen Zynismus zu verbergen. Gleich vier Usern gefiel das.

Solche Meinungen sind in diesen Tagen öfter zu lesen. In das Sommerloch zwischen Fußball-EM und Olympischen Spielen drängen jene unschönen Nachrichten, die man schon viel zu oft irgendwo gelesen zu haben glaubt: die Fifa – ein Selbstbedienungsladen , ein Tour-de-France-Profi unter Dopingverdacht und Lance Armstrong, der in immer größere Bedrängnis gerät , auch wegen Dopings. Im Fall Armstrong wurde nun sogar ein Arzt lebenslang gesperrt, der auch spanische Tennis- und Fußballstars betreut haben will. Doch der große Aufschrei, die öffentliche Empörung bleibt aus. Stattdessen: Wissen wir, tausendmal gehört, lasst mich doch damit in Ruhe.

Anzeige

Das ist bequem, aber gefährlich. Denn diese Haltung führt dazu, dass langfristig niemand mehr genau hinschaut, wenn Betrüger den Sport kaputt machen. Ist der Ruf erst ruiniert, lässt man ihnen alles durchgehen, weil Gauner nun mal so sind, Hauptsache die Fußbälle oder Fahrräder rollen. Olé! Das wäre so, als ob man Karl-Theodor zu Guttenberg nach dem fünften entdeckten plagiierten Satz in Frieden gelassen hätte. Nach dem Motto: So ist er halt, der Karl-Theodor, reden wir weiter über seine Frisur.

Dabei geht es um die Grundpfeiler des Sports. Es bedarf gerade jetzt, zwei Wochen vor Beginn der Olympischen Spiele, einer interessierten Öffentlichkeit, die sich nicht nur schwarz-rot-goldene Hawaiiketten um den Hals hängt oder Olympia-Bettwäsche kauft, sondern Druck auf die großen Verbände ausübt. Mittlerweile klingt es fast naiv, aber es gab eine Zeit, als es im Sport nicht ums Geldverdienen ging, sondern um Fairness und Völkerverständigung. Jesse Owens freundete sich bei Olympia 1936 zum Schrecken der Nazis mit dem Deutschen Luz Long an , und gewann eine Goldmedaille nach der anderen. Solche Sachen, erinnert sich da jemand dran? Die großen Sportverbände schon lange nicht mehr. Sie kommerzialisieren und korrumpieren den Sport bis zur Unkenntlichkeit. Er wird zum Event, zum Zirkus, zur Farce.

Das kollektive Schulterzucken ist auch ein Schlag ins Gesicht jener, die sich um Aufklärung bemühen. Zum Beispiel der Journalisten, die erreicht haben , dass die die Fifa belastenden ISL-Dokumente veröffentlicht wurden. Es waren die Dopingjäger aus Frankreich und den USA , die den Radprofi Di Gregorio – und wohl auch bald Lance Armstrong – entlarvten, respektive entlarven. Für das große Sportbusiness sind sie schon die Spielverderber, da sollte wenigstens die Öffentlichkeit ihnen mehr als Resignation entgegen bringen.

Zudem ist eine solche Haltung all jenen nicht vermittelbar, die trotzdem versuchen, sauberen Sport zu betreiben; den Tausenden ungedopten Sportlern, die wegen ihrer kriminellen Kollegen unter Generalverdacht stehen – und dennoch für Olympia trainieren.

Seit Mittwoch steht fest, dass Sepp Blatter von den Millionen an Schmiergeld in seinem Laden gewusst haben muss. Eigentlich müsste er zurücktreten, die Medien seinen Kopf fordern. Doch auch hier: Resignation. Es reagiere niemand mehr überrascht, "wenn Meldungen über Korruption im Weltverband auftauchen", schreibt Spiegel Online . Und: "Es fällt schwer, sich noch darüber zu erregen."

Gerade deshalb sollte man es tun: Sportfreunde, empört Euch!

Zur Startseite
 
Leserkommentare
  1. "Dabei bedrohen sie die Integrität des Sportes"

    Als ob etwas nicht mehr vorhandenes bedroht sein könnte.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • joG
    • 12. Juli 2012 22:00 Uhr

    .... Großen Worte, wie man sie hier so sehr mag. Aber kaput kann man die Integrität des Sports nur in sehr verschlafenen Gehirnen.

    aber der Artikel ist nicht hilfreich. Hier sind die Verbände, wie bspw. der DFB gefragt. Die Fifa kriegt doch ihre Macht durch die Verbände. Würden sich die Zehngrößten Fussballnationen zusammentun und aus der FIFA austreten wär der Weltverband Schnee von Gestern. Warum machen sie das nicht ? Aus meiner Sicht, weil es bei ihnen nicht besser aussieht.

    Das auf die Fans ab zu wälzen halte ich für schwachsinnig. Die Spieler, die Vereine , die nationalen Verbände und die Medien sind gefragt.
    Investigativ recherchieren. Funktionäre versteckt aufnehmen wenn sie die Wahrheit über die Verkommenheit des Profisports sprechen.

    Glauben sie Texeira wird einen Tag im Knast sitzen? Natürlich nicht. Selbst wenn er das Geld zurückgeben muss, hat er Jahre Zeit gehabt es zu vervielfachen. Geben sie mir heute 10 Millionen und in 10 Jahren machen ich da auch was draus. Alleine die Anlage auf einem Festgeldkonto würde reichen.

    Gefragt sind die nationalen Verbände und vor allem die Spieler. Wer 250.000 die Woche verdient kann auch mal den Mund aufmachen. Die Korruption der FIFA ist doch nun wirklich das offenste aller Geheimnisse.

  2. Im Sport läuft es wie in der Politik und in der Wirtschaft.
    Alles läuft auf dasselbe hinaus. Geldgier und Macht. So läuft das System nun mal. Und das in jeder Sparte.

  3. Gerade im Fußball, aber bei allen Sportarten die beliebt sin, geht es doch nicht um Sport oder Spiel.

    Es geht ums Gewinnen.
    Das kann jeder Fan bestätigen. Und auch die Medien, wie bspw. auch diese Zeitung hier. Es gibt kein Spiel, schon gar kein Gutes Spiel.
    Es gibt nur noch Gewinner und Verlierer. Mehr kennt man bei Fußball, Radfahren, Basketball, etc. doch gar nicht mehr.

    Siehe das Ende der Deutschen in der EM.
    Im ersten Moment "Die Besten", nach dem Spiel "Die größten Loser aller Zeiten."
    Nirgendwo, weder in den Medien noch auf der Straße, hieß es "Toll, das die so weit gekommen sind. Haben die meisten Spiele ja wirklich gut gespielt."

    Und auch die Gegenseite: Da wird nicht gesagt "Gutes SPiel", wer verliert ist ein Oberloser.
    Spiel? Sport?

    Es ist ein Wettkampf, es geht darum der Sieger zu werden.
    Und dafür ist in den Mannschaften, den Organisationen und den Fans jedes Mittel recht.

    • FranL.
    • 12. Juli 2012 19:29 Uhr

    "Dem Sport ist zu aller Zeit und vor allem von allen Regierungen aus gutem Grund immer die größte Bedeutung beigemessen worden: er unterhält und benebelt und verdummt die Massen; und vor allem die Diktatoren wissen, warum sie immer und in jedem Fall für den Sport sind."

    Leider nicht von mir, sondern von Thomas Bernhard.

  4. diesmal im Hauptquartier der FIFA, des IOC, der FIA oder im Berliner Wirtschaftsministerium. Und nun?

    Profisport ist Kommerz für die Aktiven (Werbeeinnahmen), die Industrie (Werbung mit Sportikonen verkauft sich gut), die Tourismusindustrie (volle Betten und Gaststätten in den Austragungsorten, die Medien (Sportereignisse erhöhen die Auflage/Zuschaltquoten), die Politiker (die Nähe zu erfolgreichen Sportler erhöhen die Wählergunst)

    Im Sport geht es um Fairness und Völkerverständigung. Bei der EU und der Euro-Rettung geht es nur um das Wohl der Bürger. In den Medien geht es um die Wahrheit und nichts als die Wahrheit.

    Vielen Dank auch, Herr Spiller. Aber vera...albern kann ich mich selbst.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    um" - und das stelle ich mir vor, wenn tausende, ja eine Million sich empören - immer ein Sack Reis und die Schmierfinken ersticken! - also, weiter so ....

  5. Spitzensport ist eben auch nur ein Geschäft und damit den Spielregeln des Kapitalismus (aka Profitmaximierung um jeden Preis) unterworfen. Wer glaubt, dass daran die "Empörung" einiger "Sportfreunde" etwas ändern kann, der ist einfach nur beschämend naiv.

    Die einzige Option zur Veränderung wäre, dass die möglichen Gewinnspannen des Gewerbes extrem sinken, d.h. dass deutlich weniger Leute an diesen Wettkämpfen interessiert sein müssten. Ich leiste da ganz persönlich mein Möglichstes ;-)

    Ansonsten gibt es nun wahrlich kritikwürdigere & unmenschlichere Auswirkungen unseres Wirtschaftssystems als die, daß sich hochbezahlte Radfahrer oder Fußballer leistungssteigernde Substanzen spritzen lassen.

  6. In einer Zeit, in der, wie ich neulich so schön komprimiert auf Twitter lesen durfte, "Mitmenschen zu einer anonymen Masse verkommen, die es primär zu überholen und hinter sich zu lassen gilt." trennt sich die Gesellschaft in diejenigen, die bereit sind das momentane Spiel um jeden Preis mitzuspielen und andererseits in die, die früher oder später resignieren. Das ließ sich wunderbar in der "zu Guttenberg-Debatte" verfolgen, der von Teilen der Bürger immer noch verteidigt wurde, als schon längst klar war, dass sämtliche Vorwürfe gegen ihn berechtigt waren.

    Investigativer Journalismus stößt spätestens da an seine (Aufmerksamkeits-)Grenzen, wo selbst ein echter Scoop auf maximales Desinteresse stößt, weil es der einen Gruppe egal ist, da sie nichts Verwerfliches an den aufgedeckten Geheimnissen erkennen kann und der anderen Seite, weil sie sowieso nichts anderes erwartet hätte.

    Man muss gewisse moralische Werte auch einfach (vor-)leben, sei es im Sport oder sonstwo im Leben.

    Vielleicht braucht es z.Zt. weniger investigative Journalisten, sondern solche, die klar darstellen, dass Rücksichtslosigkeit und übergroße Egoismen grundsätzlich verwerflich sind und es da auch nichts zu relativeren gibt.

  7. kann auch freier und unabhängiger Sport nicht existieren wenn sich privatiserte profitorientierte "Vereine" um den Sport kümmern... im laufe der Jahre sind da Korrupte, Gierige und masslose Entitäten entstanden die schon lange Steuern bezahlen müssten und etlichen ethischen und moralischen fragen Antwort stehen müssten.
    Uebel auch die gesammte Lizenzierung, urhebrrechte, der Handel mit Sportlern, Uebertragungsrechte usw.
    Besser, viel besser für alle anderen wäre, die Sportvereine kompensationslos zu verstaatlichen und diese zurück in die öffentliche hand zu geben.der Handel mit Sprotlern, Lizenzen und Uebrtragunsgrechte gehört regelmentert und gestoppt. Auch die WErbekunden haben viel zu viel mitzureden und sind im laufe der Jahre immer frecher geworden mit ihren forderungen... Mafiöse Strukturen in der einer nach dem anderen die Hand aufhält oder bezahlt, haben sich da rausgebildet...

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Fifa | Karl-Theodor zu Guttenberg | Doping | Dopingverdacht | Fußball-EM | Jesse Owens
Service