Wer am Montagabend pünktlich um 20:40 Uhr zum Degenfinale der Frauen die Fechthalle in London betritt, der sieht das bisher bizarrste Bild dieser Olympischen Spiele. Es ist eines dieser Bilder, das bleibt. Eines, das man irgendwann mal hervorkramen wird, guck mal, wird man sagen, weißt du noch, die Koreanerin beim Fechten 2012 in London?

Eigentlich hätten um 20:40 Uhr die beiden Finalistinnen in die Halle geführt werden müssen. Diese Einläufe machen immer ziemlich was her, Puff Daddys Come with me dröhnt dann aus den Boxen, die Zuschauer johlen und klatschen, der Conferencier in der Halle brüllt in sein Mikro. Das Ganze erinnert an die Shows der Profiboxer, nur ohne die bizarren, dicken Weltmeistergürtel. Doch als am Montagabend Finalzeit ist, dudelt nur Kaffeehaus-Musik durch die Halle. Die Zuschauer tuscheln, und auf der Planche sitzt eine Fechterin. Meist hat sie die Stirn in die Hand gestützt, mit der anderen hält sie ihren Degen, so lieblos wie ein Spielzeug, dessen sie überdrüssig ist. Die Fechterin Shin Lam ist in den Sitzstreik getreten, dem ersten in der Geschichte des olympischen Fechtturniers.

Shin aus Südkorea will nicht gehen, weil sie damit das Urteil des Kampfgerichts anerkennen würde, so sagen es die Regeln. Und mit dem Urteil ist sie ganz und gar nicht einverstanden. Also bleibt sie einfach sitzen. Irgendwann legt ihr eine Helferin ein Handtuch über die Schultern, dann bringt einer eine Flasche Wasser. Das Publikum ist sowieso längst auf ihrer Seite, weil sie so viel geweint hat. Kurzzeitig muss man Angst haben, dass gleich jene Soldaten, die derzeit viele leer gebliebene Olympiasitze ausfüllen , gerufen werden, um Shin wegzutragen.

Dass die Südkoreanerin da so sitzt, hat mit ihrem Halbfinale gegen Britta Heidemann zu tun, das ist gerade beendet worden. Und damit, dass Degenfechten ein sehr komplexer Sport sein kann. Im Degenfechten gibt es sehr oft Doppeltreffer, nach denen beide Sportlerinnen einen Punkt bekommen. So auch in diesem Gefecht, weshalb es nach Ablauf der regulären drei mal drei Minuten Gefechtzeit unentschieden stand, 5:5. Es musste die Verlängerung her.

Nun gibt es beim Degenfechten eine seltsame Regel: Vor der Verlängerung wird ausgelost, wer gewinnt, falls auch die Verlängerung Unentschieden endet. Wohl weil Elfmeterfechten keinen Sinn macht. Das Los fiel auf die Südkoreanerin, weshalb Britta Heidemann unter Zugzwang war. Sie musste agieren und hatte nur eine Minute Zeit, einen Treffer zu setzen, der nur ihr gehörte. Die Uhr tickte langsam runter, bis nur noch eine Sekunde zu fechten war. Es sollte die längste in der Geschichte der Olympischen Spiele werden.

Heidemann stürmte auf ihre Gegnerin los – und traf. Weil Shin Lam sie aber gleichzeitig traf, nützte es nichts, Doppeltreffer. Aber die Zeit stoppt nach einem Treffer, womöglich war noch einmal Zeit für einen neuen Versuch. Wieder ein Treffer, wieder ein Gegentreffer, Uhrstopp. Das Ganze wiederholte sich noch einmal. Wieder ein Doppeltreffer, die Uhr war schon abgelaufen, eigentlich. Die Südkoreanerin hatte gewonnen, doch die Schiedsrichterin stellte die Uhr wieder auf 0:01. Warum, das ist auch am Morgen danach nicht zweifelsfrei zu rekonstruieren. Eine offizielle Erklärung der Schiedsrichter gab es nicht.

Eine wahrscheinliche Variante: Die Uhr hielt ausgerechnet bei diesem letzten Treffer nicht automatisch an, sodass die Schiedsrichterin diesen technischen Fehler per Hand korrigieren musste. Zumal beim Degenfechten nur in ganzen Sekunden gemessen wird. Wenn also nur noch eine Zehntelsekunde auf der Uhr bleibt, wird die für den nächsten Versuch noch einmal auf eine volle Sekunde zurückgestellt.

Die letzte Sekunde wurde also zum dritten Mal ausgefochten. Und nun klappte es tatsächlich, ein Sprungstoß, ein Treffer, was für ein Finish. Britta Heidemann jubelte, Shin fing an zu weinen.

Jetzt, als alles zu Ende ist, geht es erst richtig los. Der südkoreanische Trainer, ein gewöhnlich sehr höflicher Mann, gestikuliert lautstark in Richtung der Offiziellen. Da könne doch etwas nicht stimmen, meint er und protestiert gegen die Entscheidung. Zwanzig Minuten berät sich das Kampfgericht, bestätigt dann aber sein Urteil für Britta Heidemann. Die jubelt noch mal, Shin weint noch mehr.