Die Trophäe der Europameister ist ein Wanderpokal. Behalten darf jeder Champion eine Kopie, die mindestens ein Fünftel kleiner sein muss als das Original. Es gehört nicht viel Fantasie dazu, sich auszumalen, dass die Italiener im Falle eines Finalsieges trotzdem eine massive 1:1-Kopie des Pokals schmieden lassen. Als Krönung ihrer durch anarchistische Frechheit ermöglichten Erfolgsgeschichte – die Uefa-Funktionäre wären weit weg, die Krise vergessen, der Sommer ein Traum aus Sonne und gutem Essen.

Dass Italien überhaupt so kurz vor dem Gewinn dieses Pokals steht, ist ihrem Trainer Cesare Prandelli zu verdanken. Zu seinem Amtsantritt vor zwei Jahren standen die kümmerlichen Reste einer Weltmeister-Mannschaft vor ihm, die gerade krachend in der Gruppenphase gescheitert war. Die Nation war in Aufruhr. Vom " Waterloo der Azzurri" schrieb La Repubblica , und dass Italiens Fußball wieder bei Null anfangen müsse.

Das tat Prandelli nicht. Statt eines radikalen Neuaufbaus fuhr er zweigleisig. Einerseits vertraute er dem erfahrenen Duo aus Mittelfeldregisseur Andrea Pirlo und Torwart Gianluigi Buffon . Auch Daniele De Rossi, dessen katastrophaler Fehlpass die Niederlage im letzten Gruppenspiel eingeleitet hatte, baute er wieder auf. Zugleich holte er junge, rohe Spieler wie Mario Balotelli und setzte den Catenaccio auf den Index. Die unansehnliche Defensivtaktik, jahrzehntelang Teil der italienischen Identität, gemeuchelt von einem Mann, dem keine legendäre Spielerkarriere Autorität verleiht.

Die Revolution des italienischen Spiels

Arrigo Sacchi weiß, wie schwer dieser Paradigmenwechsel seinen Landsleuten fällt. Der heute 66-Jährige hatte in den späten Achtzigern mit einem ähnlich offensiven Fokus den AC Milan zur besten Mannschaft der Welt gemacht. Als Nationaltrainer scheiterte er damit und wurde 1996 nach fünf Jahren gefeuert. "Italien flüchtet vor der Innovation, ja man fürchtet sich sogar davor", sagte er jüngst der Neuen Zürcher Zeitung .

Als Prandelli die Offensive kultivierte, begab er sich in die gefährliche Rolle des Spielkulturrevolutionärs – und siegte. Der überraschende Vorwärtsdrang der aktuellen italienischen Elf ist daraus geboren, dass die Spieler keinen gemeinsamen Nenner haben außer den Bolzplatz-Instinkten, die ihnen trotz aller Taktik-Drills niemand austreiben konnte. Anders als die Spanier (alle ballbesitzverliebt) oder die Deutschen (alle glattgeschliffen) ziehen sie ihre Stärke gerade aus der unterschiedlichen Spiel- und Charakteranlage ihrer Spieler.

Da wäre etwa Regisseur Andrea Pirlo, der meist aufreizend langsam über den Platz watschelt, aber das Spiel liest wie kaum ein Zweiter. Sein größtmöglicher optischer Gegensatz ist Riccardo Montolivo, der ästhetische Dauersprinter. Im Tor steht Gianluigi Buffon – schillernder Entertainer und, wenn es darauf ankommt, die Ruhe selbst . Im Sturm arbeitet Antonio Cassano , der homophobe Proll mit Sinn für das Spiel ohne Ball. Im defensiven Mittelfeld holzt Daniele De Rossi, der der rechtsextremen Partei Forza Nuova nahesteht. Und Flanken schlägt Mario Balotelli, der aus dieser Ecke sonst nur Affengebrüll und ähnliche rassistische Anfeindungen gewohnt ist.