Italien : Elf Querköpfe sind auch ein Team

Revolution geglückt: Italiens Trainer Cesare Prandelli hat eine erfolgreiche Mannschaft geformt – aus Spielern, die entgegen jeder Logik zusammenpassen.
Trainer Cesare Prandelli mit seinen Spielern Cassano (l), Balotelli und Motta © Claudio Villa/Getty Images

Die Trophäe der Europameister ist ein Wanderpokal. Behalten darf jeder Champion eine Kopie, die mindestens ein Fünftel kleiner sein muss als das Original. Es gehört nicht viel Fantasie dazu, sich auszumalen, dass die Italiener im Falle eines Finalsieges trotzdem eine massive 1:1-Kopie des Pokals schmieden lassen. Als Krönung ihrer durch anarchistische Frechheit ermöglichten Erfolgsgeschichte – die Uefa-Funktionäre wären weit weg, die Krise vergessen, der Sommer ein Traum aus Sonne und gutem Essen.

Dass Italien überhaupt so kurz vor dem Gewinn dieses Pokals steht, ist ihrem Trainer Cesare Prandelli zu verdanken. Zu seinem Amtsantritt vor zwei Jahren standen die kümmerlichen Reste einer Weltmeister-Mannschaft vor ihm, die gerade krachend in der Gruppenphase gescheitert war. Die Nation war in Aufruhr. Vom " Waterloo der Azzurri" schrieb La Repubblica , und dass Italiens Fußball wieder bei Null anfangen müsse.

Das tat Prandelli nicht. Statt eines radikalen Neuaufbaus fuhr er zweigleisig. Einerseits vertraute er dem erfahrenen Duo aus Mittelfeldregisseur Andrea Pirlo und Torwart Gianluigi Buffon . Auch Daniele De Rossi, dessen katastrophaler Fehlpass die Niederlage im letzten Gruppenspiel eingeleitet hatte, baute er wieder auf. Zugleich holte er junge, rohe Spieler wie Mario Balotelli und setzte den Catenaccio auf den Index. Die unansehnliche Defensivtaktik, jahrzehntelang Teil der italienischen Identität, gemeuchelt von einem Mann, dem keine legendäre Spielerkarriere Autorität verleiht.

Die Revolution des italienischen Spiels

Arrigo Sacchi weiß, wie schwer dieser Paradigmenwechsel seinen Landsleuten fällt. Der heute 66-Jährige hatte in den späten Achtzigern mit einem ähnlich offensiven Fokus den AC Milan zur besten Mannschaft der Welt gemacht. Als Nationaltrainer scheiterte er damit und wurde 1996 nach fünf Jahren gefeuert. "Italien flüchtet vor der Innovation, ja man fürchtet sich sogar davor", sagte er jüngst der Neuen Zürcher Zeitung .

Als Prandelli die Offensive kultivierte, begab er sich in die gefährliche Rolle des Spielkulturrevolutionärs – und siegte. Der überraschende Vorwärtsdrang der aktuellen italienischen Elf ist daraus geboren, dass die Spieler keinen gemeinsamen Nenner haben außer den Bolzplatz-Instinkten, die ihnen trotz aller Taktik-Drills niemand austreiben konnte. Anders als die Spanier (alle ballbesitzverliebt) oder die Deutschen (alle glattgeschliffen) ziehen sie ihre Stärke gerade aus der unterschiedlichen Spiel- und Charakteranlage ihrer Spieler.

Da wäre etwa Regisseur Andrea Pirlo, der meist aufreizend langsam über den Platz watschelt, aber das Spiel liest wie kaum ein Zweiter. Sein größtmöglicher optischer Gegensatz ist Riccardo Montolivo, der ästhetische Dauersprinter. Im Tor steht Gianluigi Buffon – schillernder Entertainer und, wenn es darauf ankommt, die Ruhe selbst . Im Sturm arbeitet Antonio Cassano , der homophobe Proll mit Sinn für das Spiel ohne Ball. Im defensiven Mittelfeld holzt Daniele De Rossi, der der rechtsextremen Partei Forza Nuova nahesteht. Und Flanken schlägt Mario Balotelli, der aus dieser Ecke sonst nur Affengebrüll und ähnliche rassistische Anfeindungen gewohnt ist.

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Kommentare

35 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Italien hat versagt.

Tja, da hat man mal gesehen, was für ein Luftikus dieser Prandelli ist. Statt jungen, hochmotivierten und hochtalentierten Spielern von seiner Bank eine Chance zu geben, hat er stur an seinen Lieblingsspielern festgehalten und ist mit ihnen sang- und klanglos untergegangen. Da bejubeln alle den ach so tollen Umbruch in der italienischen Mannschaft, aber Umbrüche und angeblich frischeres Spiel gewinnen keine Titel. 2006 hat man einen Titel gewonnen. Und an dem muss Prandelli sich messen lassen. Hier hat er einfach nur versagt. Italien muss sich jetzt Gedanken darüber machen, wie man darauf reagiert. Weitermachen wie bisher? Na dann gute Nacht.

Ich habe mich gestern abend richtig fremdgeschämt. 4:0, so eine Blamage! Bei allen Fehlern von Prandelli, eigentlich Ist so ein Debakel gegen Spanien ja auch kein Wunder, da lässt man die Italiener unmittelbar vor dem Spiel einen völlig lächerlichen Text singen, und natürlich spielen die dann nicht so gut wie die Spanier, deren hochwertige und textlose Hymne sie auf ein ganz anderes Level katapultiert.

Italien kocht auch nur mit Wasser . . .

...und Spanien ist nach dem Spiel gegen Deutschland gewarnt. Balotelli wir nun auf Ramos treffen und seinen Meister finden. Der Spanier ist von anderem Kalliber als Badstuber. Wenigstens muss Balotelli dann nicht nackt auf dem Spielfeld possieren und den Exhibitionisten markieren.
Solche Räume wie gegen Deutschland wird er auf dem spanischen Spielfeld nicht finden. Und vorn ist Spanien für ein Tor immer gut.

Spanien wirds richten. Da helfen auch keine Pilgergänge.