EM-FinaleItaliens Männer weinen öffentlich und stolz

Im Fußball gewinnt ein Team. So simpel ist das. Doch Italiens Spieler verzweifeln nach der höchsten Niederlage aller EM-Finals. Einzig ihr Trainer nicht. von 

Der italienische Coach Cesare Prandelli und sein Stürmer Mario Balotelli im Moment der Siegerehrung

Der italienische Coach Cesare Prandelli und sein Stürmer Mario Balotelli im Moment der Siegerehrung  |  © Michael Steele/Getty Images

Einige Minuten nach Abpfiff des EM-Finals, im Moment des Höhepunktes, als die Gewinner auf dem Podest hoch über dem Spielfeld stehen, den Pokal in den Mondhimmel recken und vor Ekstase schreien, liegt ein Mann am Boden. Es ist Mario Balotelli.

Sein Trainer Cesare Prandelli läuft zu ihm herüber, ignoriert die Siegerehrung, hockt sich hin und umklammert mit beiden Händen die Finger seines Stürmers. Die Männer reden, dann geht der Trainer. Balotelli schaut ihm nach und beginnt zu weinen, mehrere Minuten lang.

Anzeige

Die Definition ist einfach: Eine Niederlage ist der Gegensatz des Sieges. Ein Fußballspiel kennt nur einen Gewinner. 4:0 gewinnt Spanien gegen Italien . Und wer die Helden und wer die Verlierer dieses Abends sind, steht schon lange vor Abpfiff fest. Doch die Trauer überwältigt die Spieler unkontrolliert.

Ein paar Meter neben Balotelli stehen Giorgio Chiellini und Leonardo Bonucci, der linke Innen- und der linke Außenverteidiger des italienischen Teams. Über die linke Seite haben die Spanier das 1:0 erzielt, es war eines der schönsten Tore dieser EM. Keine Viertelstunde war da gespielt. Chiellini und Bonucci sind beide große, breite Kerle; auch sie können ihre Tränen nach Abpfiff nicht stoppen.

Der Fußball befreit die Emotionen

Andrea Pirlo läuft an allen vorbei. Der zweitälteste Feldspieler der Italiener verschwindet als einer der ersten mit der Medaille für den zweiten Platz in der Hand in den Katakomben des Kiewer Olympiastadions. Auf dem gleichen Rasen hatte er noch im Viertelfinale den Triumph verkörpert. Pirlo hatte einen entscheidenden Elfmeter gegen England nicht ins Tor geschossen. Er hatte den Ball hineingestubst und danach, als Bewunderung, Begeisterung und Erleichterung Tausende Fans durchdrang, keine Regung in seinen kantigen Gesichtszügen erkennen lassen.

Steffen Dobbert
Steffen Dobbert

Steffen Dobbert arbeitet als Redakteur für ZEIT ONLINE. Seine Profilseite finden Sie hier.

Für viele ist Pirlo seit dem Viertelfinalsieg der coolste Spieler dieser EM. Einige nennen ihn ein wandelndes Fußball-Monument, der seine langen Haare wie eine Tarnkappe trägt. Pirlo will auch jetzt nicht erkannt werden. Er ist einer der wenigen, dem es scheinbar nicht egal ist, dass Millionen Menschen am Fernseher und Zehntausende im Stadion seine Emotionen sehen. Verstecken kann er seine Tränen nicht.

"Wir haben gegeben, was wir konnten, aber es ist im Leben so, dass man manchmal einem Stärkeren begegnet", sagt Italiens Kapitän Gianluigi Buffon wenige Minuten später in ein Reportermikrofon. "Die Jungs haben Außergewöhnliches geleistet", lässt Italiens Premierminister Mario Monti mitteilen. Sein Sportminister, Piero Gnudi, sagt: "Dass die Spieler jetzt weinend vom Platz gehen, hat mich sehr getroffen."

Wenn es um ungehemmte Emotionen geht, sind Männer nirgends so frei wie im Fußball. Womöglich ist das ein Grund für die Beliebtheit dieses schlichten Sports. Die Spieler dürfen schluchzen und heulen. Sie machen es. Und Millionen Menschen schauen zu, fühlen mit.

Leserkommentare
  1. Ich find es toll, wenn echte Kerle auch mal heulen können wie die Schlosshunde. Gut geheult ist besser als schlecht gespielt. Wer keine Gefühle zeigen kann, ist nur ein halber Mann. Und wenn die Tränchen trocknen, wird Italiens Sonne auch wieder strahlen. Die nächste WM kommt bestimmt.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Da freuen sich doch die Fernseh-Macher: ganz große Emotionen, man ist "ganz nah dran"; das bringt Quote, das macht Auflage - und zwar exklusiv

    Und wenn's denn mal keine solchen Bilder gibt, dann greift man in die Trick-Kiste und schneidet einfach mal ein paar alte Bilder mit rein...

    • fennek
    • 02. Juli 2012 13:19 Uhr

    da bin ich anderer Meinung. Und das trifft auch für andere Mannschaften zu. Heulende Männer à la Thomas Müller unterm Handtuch? Balotelli in heute Muskelpose und wenn er morgen nicht kriegt was er will, dann heult er halt? Bitte, liebe Fussballer geht dazu lieber in die Kabine. Pirlo ist da wieder ein Vorbild. Tränen schon, aber heulend auf dem Rasen? Das ist doch unwürdig und infantil.

    Man(n) muss in Würde siegen können und in Würde verlieren. Beides ist leider bei den aktuellen Vorbildern (seit dem heulenden und zusammenbrechenden Ballack) nicht der Fall. Was kommt sonst als nächstes, Rösler heult wenn er die Wahl verliert? Sie heulen, wenn Sie eine Beförderung nicht bekommen? Allein die Absurdität dieser Vergleiche sollte Ihren und Herrn Dobberts begeisterte Kommentare doch etwas relativieren. Da war wohl ein Bier und eine Packung Chips zuviel...

  2. Wenn nichts zu machen ist, ist nichts zu machen. Gestern ist es einfach falsch gelaufen und die Spanier hatten die bessere Mannschaft. Ein Glückwunsch an beide Finalisten und der Bessere hat gewonnen.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Wer so schlecht spielt, der darf natürlich vor Scham und Erniedrigung gern mal ein bisschen weinen. Ansonsten, da haben Sie recht: Wunderbarer Artikel.

  3. Wer alle Kräfte anspannt um zu siegen und dann erkennen muss, dass er verloren hat und bei nüchterner Betrachtung auch kaum eine Siegeschance hatte, ist verständlicherweise bitter enttäuscht. Tränen können auch im Fußball nicht schaden. Trotzdem muss man die Frage stellen, ob Fußball nicht bereits zu stark emotionalisiert ist. Fußball ist eben nur Fußball und nicht mehr, und es gibt weiß Gott andere Themen über die man weinen könnte. Die übermäßige Emotionalisierung ist im Guten wie im Schlechten störend. Man denke an die Imponierpose des zweimaligen Torschützen Balotelli mit nacktem Oberkörper im Deutschland-Spiel, [...] Sie ist genau so überzeichnet wie die anschließende bodenlose Trauer nach dem Spanienspiel. Fußball ist Kampf, Leidenschaft, Show und Unterhaltung, aber er geht über den Augenblick des Sieges oder der Niederlage kaum hinaus. Also Männer, fasst Euch - es ist nur ein Spiel.

    Teil entfernt. Bitte äußern Sie sich sachlich und respektvoll. Danke, die Redaktion/lv

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • ztc77
    • 02. Juli 2012 12:18 Uhr

    Es wird inzwischen zu einer gängigen Worthülse des Rassismus, die trotz Siegtreffer verzweifelte Wut von Balotelli mit Worten zu belegen, die an Affen erinnern sollen.

    Dieser Mann war ein Mann aufgrund seines Kampfgeistes. Eines Kampfgeistes, der in direktem Zusammenhang steht mit dem unendlich großen in Italien und anderswo erlittenen Rassismus.

    Meine Hochachtung!

  4. Da freuen sich doch die Fernseh-Macher: ganz große Emotionen, man ist "ganz nah dran"; das bringt Quote, das macht Auflage - und zwar exklusiv

    Und wenn's denn mal keine solchen Bilder gibt, dann greift man in die Trick-Kiste und schneidet einfach mal ein paar alte Bilder mit rein...

    Antwort auf "Tränen lügen nicht!"
    • ztc77
    • 02. Juli 2012 12:18 Uhr

    Es wird inzwischen zu einer gängigen Worthülse des Rassismus, die trotz Siegtreffer verzweifelte Wut von Balotelli mit Worten zu belegen, die an Affen erinnern sollen.

    Dieser Mann war ein Mann aufgrund seines Kampfgeistes. Eines Kampfgeistes, der in direktem Zusammenhang steht mit dem unendlich großen in Italien und anderswo erlittenen Rassismus.

    Meine Hochachtung!

    Antwort auf "Emotionen"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Das ist wohl eher positive Diskriminierung aus ihrer Richtung. Sie kausalisieren absichtlich, wo vielleicht nur korreliert wurde. Es ist nun einmal schwer, den merkwürdigen Striptease des Super Mario nach dem 2:0 anders zu beschreiben, als mit Vergleichen aus dem Tierreich. Wenn eine solche Beschreibung explizit auf einen dunkelhäutigen Menschen nicht angewendet werden darf, diskriminiert man sie im positiven Sinne. Das erinnert an Leute, die reflexartig dunkelhäutigen Menschen ihren Platz in der Bahn anbieten.

    Denken Sie mal drüber nach.

  5. Nach großer Anspannung und Konzentration kann einem schon mal zum Heulen zumute sein. Schreiben sie auch über das stolze Weinen von Frauen?
    Vielleicht ist es nichts anderes als das Imponiergehabe des Männchen, das sogar im Schmerz sich sinnbildlich an die Brust schlägt und weint.
    Evolution schlägt Emanzipation.

    Vielleicht weinen Sie ja wegen der Deutlichkeit ihrer Niederlage und der Beschämung ihres Stolzes.
    Schreibt Tränen nicht immer hoch.

  6. "Ohne weiteren erlaubten Wechsel muss sein Team in Unterzahl verlieren. Am Ende ist es die höchste Niederlage in der Geschichte aller EM- und WM-Endspiele. Und alleine deshalb eine Erniedrigung für die Italiener".

    Genau richtig erkannt..nicht die Niederlage an sich hat Tränen gebracht sondern die Erkenntnis schon in der 61 Minute keine Chance mehr haben zu können.

    Grüße
    Pitti Griffi Della Rovere

  7. einfühlsam und mutig, sehr schön geschrieben. Sie haben Prandelli so dargestellt wie er tatsächlich ist, ein Gentleman und ein Grossartiger fairer Trainer.

    Grüße
    P.G. Della Rovere

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service