Chinas Olympia-Team : Das System hinter der Sportgroßmacht

China könnte erneut die Medaillenwertung gewinnen. Doch ist unklar, inwiefern es sich von seiner Vergangenheit des Dopings und des Drills gelöst hat. Von Grit Hartmann
Eine junge chinesische Turnerin © Stringer/Reuters

Eindrucksvoll hat sich die Sportgroßmacht China in London am Auftaktwochenende der Londoner Spiele bereit gemeldet: mit der Führung im Medaillenspiegel (6-4-2), mit der ersten Goldenen Medaille überhaupt (Luftgewehr, Frauen), mit der ersten am Sonntag (Pistole, Frauen) und, natürlich, mit dem Superlativ, dem Auftritt der sechzehnjährigen Ye Shiwen über 400 Meter Lagen im Aquatics Centre. "Ich habe zuletzt sehr hart trainiert", beantwortete Ye nach ihrem Weltrekordrennen brav die Reporterfragen. "Seit meiner Kindheit trainiere ich nach wissenschaftlicher Trainingsmethodik."

Ye durchbrach eine Schallmauer. Sie stellte in 4:28,42 Minuten nicht nur den ersten Rekord nach Abschaffung der Ganzkörperanzüge auf, sie sprengte auch Geschlechtergrenzen. Die letzten 100 Meter der kraftraubenden Strecke kraulte sie schneller als der US-Star Michael Phelps und die letzte 50-Meter-Bahn sogar schneller als Ryan Lochte bei seinem Olympiasieg. Lochte ging entspannt mit dem chinesischen Endspurtphänomen um: "Wenn sie mit mir da draußen gewesen wäre, hätte sie mich vielleicht auch geschlagen."

Unbehagen über chinesische Sensationsrekorde

Mit allzu nahe liegenden Mutmaßungen halten sich zwar auch Kritiker zurück, schließlich ist Ye nicht die erste schnelle Sechzehnjährige. "Ungewöhnlich, auffällig und überprüfungswürdig, aber physiologisch nicht unmöglich", befand etwa der Heidelberger Molekularbiologe Werner Franke . Dennoch steckt Olympia wieder ziemlich tief drin in den üblichen China-Fragen, die vor den Spielen in Peking die Sportgemeinde ausgiebig bewegten, diesmal bis zur Vorstellung von Ye aber kaum interessierten: Systemdoping. Staatliche Muskelmast. Aufzucht junger Nationalhelden. War das die Botschaft, die Ye übermittelte?

Die Schülerin aus Huangzhou ist ganz Produkt der alten chinesischen Schule. Die lässt inzwischen zwar einige Ausnahmen zu, der 400-Meter-Freistil Olympiasieger Sun Yang ist eine, die French-Open-Siegerin Li Na auch. Die beiden "Sportler des Jahres 2011" trainieren abseits des Staatssportsystems. Das Schwimmwunder Ye hingegen steht für den Großteil der 396 Athleten starken London-Delegation. Von klein auf trainierte sie in einem der landestypischen Drillcamps, ausgewählt wurde sie, man kennt das aus der DDR, aufgrund ihrer Körpermaße. Mit Fünf habe sie angefangen, erzählte Ye: "Meinem Lehrer sind meine großen Hände aufgefallen."

Auch wenn offiziell nichts dergleichen verkündet wird, die "glorreiche Mission" (Liu Peng 2008) fürs chinesische Team ist dieselbe wie vor vier Jahren. Wie bei den Heimspielen, wo ein Riesenaufgebot von mehr als 600 Athleten einundfünfzig Olympiasiege eingesackt hatte, soll es auch in London Platz 1 in der Nationenwertung werden. Die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua ließ keinen Zweifel am goldenen Parteiauftrag: "Das aufstrebende China tritt an, um die US-Dominanz im Becken zu brechen", stimmte sie Anfang Juli zum Beispiel auf die Schwimmwettbewerbe ein.

In 23 Sportarten treten die Chinesen an. Selbst vorsichtigere wissenschaftliche Prognosen rechnen mit Medaillen in 18 Sportarten. Im Turnen (elf Medaillen), Wasserspringen (elf), Badminton (neun), Tischtennis (sechs) – klassische chinesische Stärken, eher wenig dopingverdächtig. Ganz vorn aber steht eine harte Dopingsparte: Gewichtheben. Da feierte China in Peking acht Olympiasieger, zwölf Medaillen könnten es diesmal werden.

Fern der Realität ist das Unbehagen über chinesische Sensationsrekorde deshalb nicht. Befördert wurde es zuletzt durch einen Dopingfall im Schwimmen: Die Antidoping-Agentur Chinada erwischte die Freistilsprinterin Li Zhesi, Staffelweltmeisterin 2009. Xinhua ordnete das rasch ein – mithilfe von höchster Stelle. "Ich glaube nicht, dass China zu der Sorte von Rekorden zurückgeht, die es vor einem Jahrzehnt gab", zitierte die Agentur John Fahey, den Präsidenten der Weltantidoping-Agentur.

 

Einerseits leuchtet das ein, im vergangenen Herbst zum Beispiel schaffte die Chinada den Anschluss ans weltweite Meldesystem ADAMS; seither wissen auch internationale Kontrolleure, wo im Riesenreich chinesische Athleten trainieren. "Schwierigkeiten bei der Einreise wie noch vor Peking machen sie uns nicht mehr", sagt ein deutscher Fachmann, der ungenannt bleiben möchte. 3.000 Trainingstests hat die Chinada nach eigenen Angaben vor den Spielen beim Olympiakader durchgeführt – deutlich mehr als etwa die deutsche Nada.

Unter dem Befehl der Medaillenmacherin

Auch wenn kein Kenner den Chinesen staatlich organisiertes Doping wie in den neunziger Jahren unterstellt – die Frage lautet andererseits: Wie viel Toleranz lässt die Pekinger Zentrale gegenüber den Umtrieben in den Provinzteams walten?

Der Fall von Li Zhesi liefert Fingerzeige. Li kommt aus Liaoning, der Provinz mit der dunkelsten Doping-Historie. Hier formte der berüchtigte Coach Ma Junren mit Epo und mit vielen Schlägen seine "Familien-Armee". In den Neunzigern knackten Mas Läuferinnen serienweise Weltrekorde auf den Mittel- und Langstrecken. Die Schwimmerin Li, kaum älter als die aktuelle Sensation Ye, fiel ebenfalls mit Epo auf. Die Einzeltäterthese verbietet sich bei Chinas goldenen Schwimmkindern bis heute. Der scheinen die Funktionäre aber anzuhängen, denn drei aus Lis Club sind trotzdem in London dabei.

Fast pikanter ist eine Trainerpersonalie: Zur offiziellen Delegation gehört Feng Zhen, oft ehrfürchtig "Medaillenmacherin" genannt. Sie befehligt das Schwimmteam der Provinz Hunan und war schon zu Zeiten des staatlichen Dopingprogramms dabei. Ihren Zöglingen mutet Feng ein enormes Pensum zu. Vor den Pekinger Spielen fragte ein Blatt, ob sie die Ma-Armee des Schwimmens befehlige. "Wir sind am Anfang, wir bewegen uns aber auf Mas Level zu", antwortete Feng. "Egal, wie hart das wird."

Mit London ist sie, wie es scheint, dort angekommen: Ihr Schützling Li Xuanxu holte Bronze. Im Sensationsrennen, das Ye Shiwen gewann.

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Kommentare

56 Kommentare Seite 1 von 8 Kommentieren

Jämmerliche Figuren, diese Sportler

Im Grunde genommen machen die Chinesen nichts anderes als hierzulande. Nur eine Spur härter und konsequenter und darum auch "Erfolgreicher".

Allerdings ist m.E. von Menschen, welche seit Ihrer frühen Kindheit nicht anderes tun (zu tun haben) als Ihre Leistungsfähigkeit zu verbessern, um dann in der Blüte ihres Lebens für sich und ihre jew. Nationen "Leistungsabzeichen" abzustauben, nicht all zu viel zu halten.

Für mich die Fleisch gewordene Metapher zum Kapitalismus: schneller, besser, stärker als der andere zu sein, nur das Zählt. Allesamt traurige, jämmerliche Figuren einer jämmerlichen Veranstaltung, egal welcher Nationalität angehörig.

Bitte wie?

Ich habe lange nicht mehr so etwas haltloses gelesen. Offensichtlich haben sie kein Interesse an jeglichem Sport, denn unabhängig von den Disziplinen, ob nun Leichtathletik oder aber Teamsport, letzten Endes streben alle Sportler, nach Leistung. Das ist unabhängig von jedem Druck und jedem kommerziellen Denken sondern stützt sich alleine auf den Willen der Sportler. Ich bin selbst seit meiner Kindheit sportlich tätig und tue dies allein aus Begeisterung für den Sport und nicht aus irgendwelchen anderen Beweggründen. In China mag das vielleicht anders aussehen, aber das einfach zu pauschalisieren zeugt eher von einer voreingenommen Einstellung gegenüber dem Sport.

Der Grund für die Medaillen

Der Grund für die vielen Medaillen an China wird nicht das Doping sein. Eher würde ich folgende Faktoren dafür verantwortlich machen.

- 1,344 Milliarden Einwohner (für viele davon ist Sport die einzige Chance)

- Hoher Stellenwert des Sportes (kommt vom Kommunismus und wird in jeder Hinsicht gefördert)

Es könnte auch die Kombination sein,

aus der Masse der Bevölkerung, Ausnahmekönnern, Scouting schon im kleinen Kindesalter, Drill und Doping, aber den Faktor der Gesamtbevölkerung sollte man da wirklich nicht vernachlässigen. Jedoch stellt sich dann die Frage, warum es (ich hoffe ich tue da niemanden unrecht und lasse mich gern eines besseren belehren) es so wenige indische Spitzensportler gibt?
Wie sehr wissenschaftliches Training Einfluss nehmen kann, zeigt doch z.B. auch die Entwicklung im Fußball und Basketball. Spiele die immer dynamischer und schneller werden. Auch bei den Klitschkos wird dieses Argument gern ins Feld geführt.

@lxththf

so wenige indische Spitzensportler

Na wie Sie schon angemerkt habe ist es die Kombination aus unerschöpflichem "Humankapital" (ich liebe es diesen verhasste Begriff provokant einzusetzen) und der kommunistischen Ideologie.

Sport hat im Kommunismus einen sehr hohen Stellenwert und das zieht sich durch alle Lebensbereiche.

Indien ist deutlich ärmer (wer nix zu futtern hat macht auch keinen Sport) und hat kaum sportliche Tradition.