In der 34. Woche, so steht es in Schwangerschaftsratgebern , sollten werdende Eltern anfangen, mit ihrem Baby zu sprechen. Weil das Kind sich schon einmal an die Stimme der Eltern gewöhnen soll. Die Schützin Nur Suryani Mohamed Taibi ist schwanger, 34. Woche, und auch sie hat am Samstagvormittag mit ihrem Kind gesprochen. Nicht aus frühpädagogischen Gründen, sondern weil das Kind im Bauch zappelte, als die künftige Mama ein Luftgewehr in der Hand hielt, eine olympische Startnummer auf dem Rücken trug und vor dem Höhepunkt ihrer Sportkarriere stand.

"Drei- oder viermal hat sie sich bemerkbar gemacht", sagte die Malaiin nach ihrem Wettkampf. "Sie", das ist ihre künftige Tochter Dayene Widyan, Geburtstermin 2. September.

Taibi ist schwanger, wie es schwangerer kaum geht. Was an sich ja eine schöne Sache, beim olympischen 10-Meter-Luftgewehrschießen aber unter Umständen ungünstig ist. Der mittlere Ring, der zehn Punkte bringt, und deswegen so gut wie immer getroffen werden sollte, hat nur einen Durchmesser von einem halben Milimeter. Um zu treffen, könnte man sich Besseres vorstellen, als ein Baby im Bauch, das macht, was Babys im Bauch machen: Unruhe stiften.

Es ist nicht das erste Mal, dass bei den Olympischen Spielen eine schwangere Athletin antritt. Die Deutsche Diana Sartor rodelte 2004 im dritten Monat kopfüber auf einem Skeleton-Schlitten die Eisrinne hinunter. 2004 ging die deutsche Bogenschützin Cornelia Pfohl im siebten Monat an den Start. Die schwedische Eiskunstläuferin Magda Julin gewann 1920 im dritten Monat gar eine Goldmedaille. So nah dran an der Geburt wie Nur Suryani Mohamed Taibi war aber noch keine Olympionikin.

Bei der ersten Entscheidung dieser Olympischen Spiele stand Taibi deshalb im Blickpunkt. Ging es auch weniger darum, wie viele Ringe sie denn nun schießen würde, sondern um die Frage, ob sportlicher Ehrgeiz in diesen besonderen, anderen Umständen nicht etwas unangebracht ist.

Taibi hat darauf eine klare Antwort. Die 29-Jährige, die nach ihrem Wettkampf mit einem hellen Kopftuch, freundlichen Lächeln und schier unglaublicher Geduld vor den zahlreichen Journalisten steht, hat vielleicht sogar so etwas wie eine Mission entwickelt: "Es gibt keinen großen Unterschied zwischen schwanger und nichtschwanger, außer dass Schwangere einen dickeren Bauch haben. Es ist nur eine Frage des Denkens", sagt sie.

Seit sie 14 Jahre alt ist, schießt Taibi. Wie jeder Sportler träumt sie von Olympia. Ein paar Tage, nachdem sie sich zum ersten Mal einen Startplatz bei den Spielen sichern konnte, fand sie heraus, dass sie schwanger ist. An eine Absage hat sie nie gedacht.

Schwerer als sich selbst war es für sie, ihre Umwelt zu überzeugen. Zum Beispiel ihren Ehemann, dem Malaysias Verband extra ein Ticket nach London zahlte. "Er ist im Gegensatz zu mir total aufgeregt", sagt Taibi. Auch Malaysias Sportfunktionäre waren zunächst skeptisch, überlegten, sie durch eine andere Athletin zu ersetzen. Weil sie die Gesundheit, die ihres Babys und die Medaillenchancen ihres Landes aufs Spiel setze. Die Schützin war nicht einverstanden: "Ich sagte: Hey, ich habe die Qualifikation geschafft, dann fahre ich auch."