London 2012Luftgewehrschießen im achten Monat

Nur Suryani Mohamed Taibi trat hochschwanger zum Luftgewehrschießen an. Sie sieht sich als Vorbild für alle Frauen. 2016 will sie wieder zu Olympia. von 

Die Schützin Nur Suryani Mohamed Taibi bei ihrem olympischen Wettkampf

Die Schützin Nur Suryani Mohamed Taibi bei ihrem olympischen Wettkampf  |  © Peter Kneffel/picture alliance/dpa

In der 34. Woche, so steht es in Schwangerschaftsratgebern , sollten werdende Eltern anfangen, mit ihrem Baby zu sprechen. Weil das Kind sich schon einmal an die Stimme der Eltern gewöhnen soll. Die Schützin Nur Suryani Mohamed Taibi ist schwanger, 34. Woche, und auch sie hat am Samstagvormittag mit ihrem Kind gesprochen. Nicht aus frühpädagogischen Gründen, sondern weil das Kind im Bauch zappelte, als die künftige Mama ein Luftgewehr in der Hand hielt, eine olympische Startnummer auf dem Rücken trug und vor dem Höhepunkt ihrer Sportkarriere stand.

"Drei- oder viermal hat sie sich bemerkbar gemacht", sagte die Malaiin nach ihrem Wettkampf. "Sie", das ist ihre künftige Tochter Dayene Widyan, Geburtstermin 2. September.

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Taibi ist schwanger, wie es schwangerer kaum geht. Was an sich ja eine schöne Sache, beim olympischen 10-Meter-Luftgewehrschießen aber unter Umständen ungünstig ist. Der mittlere Ring, der zehn Punkte bringt, und deswegen so gut wie immer getroffen werden sollte, hat nur einen Durchmesser von einem halben Milimeter. Um zu treffen, könnte man sich Besseres vorstellen, als ein Baby im Bauch, das macht, was Babys im Bauch machen: Unruhe stiften.

London 2012

Vom 27. Juli bis zum 12. August 2012 richtet London die größte Sportveranstaltung der Welt aus. Bei den Sommerspielen der 30. Olympiade wird es in 26 Sportarten 302 Entscheidungen geben. Insgesamt werden mehr als 10.000 Sportler aus mehr als 200 Ländern in England erwartet. Außerdem werden ungefähr 30.000 Journalisten aus aller Welt aus London von den Spielen berichten. Insgesamt stehen 6,6 Millionen Tickets zum Verkauf.

Olympia auf ZEIT ONLINE

In unserem Ticker verpassen Sie keinen olympischen Wettkampf, keine Medaille und keinen Termin der Sommerspiele in London. Den an jedem Olympiatag spannendsten Wettkampf stellen wir in der Serie "Mein Olympia" vor. Alle Interviews, Reportagen und Essays der Redaktion finden Sie auf der Olympia-Seite. Die englische Hauptstadt London ist nach 1908 und 1948 die erste Metropole, die zum dritten Mal Gastgeber der Spiele ist. Für ZEIT ONLINE berichten Christian Spiller und Christof Siemes aus London. Im Blog der Sportredaktion lesen Sie die Erfahrungen der Olympiareporter.

Es ist nicht das erste Mal, dass bei den Olympischen Spielen eine schwangere Athletin antritt. Die Deutsche Diana Sartor rodelte 2004 im dritten Monat kopfüber auf einem Skeleton-Schlitten die Eisrinne hinunter. 2004 ging die deutsche Bogenschützin Cornelia Pfohl im siebten Monat an den Start. Die schwedische Eiskunstläuferin Magda Julin gewann 1920 im dritten Monat gar eine Goldmedaille. So nah dran an der Geburt wie Nur Suryani Mohamed Taibi war aber noch keine Olympionikin.

Bei der ersten Entscheidung dieser Olympischen Spiele stand Taibi deshalb im Blickpunkt. Ging es auch weniger darum, wie viele Ringe sie denn nun schießen würde, sondern um die Frage, ob sportlicher Ehrgeiz in diesen besonderen, anderen Umständen nicht etwas unangebracht ist.

Taibi hat darauf eine klare Antwort. Die 29-Jährige, die nach ihrem Wettkampf mit einem hellen Kopftuch, freundlichen Lächeln und schier unglaublicher Geduld vor den zahlreichen Journalisten steht, hat vielleicht sogar so etwas wie eine Mission entwickelt: "Es gibt keinen großen Unterschied zwischen schwanger und nichtschwanger, außer dass Schwangere einen dickeren Bauch haben. Es ist nur eine Frage des Denkens", sagt sie.

Seit sie 14 Jahre alt ist, schießt Taibi. Wie jeder Sportler träumt sie von Olympia. Ein paar Tage, nachdem sie sich zum ersten Mal einen Startplatz bei den Spielen sichern konnte, fand sie heraus, dass sie schwanger ist. An eine Absage hat sie nie gedacht.

Schwerer als sich selbst war es für sie, ihre Umwelt zu überzeugen. Zum Beispiel ihren Ehemann, dem Malaysias Verband extra ein Ticket nach London zahlte. "Er ist im Gegensatz zu mir total aufgeregt", sagt Taibi. Auch Malaysias Sportfunktionäre waren zunächst skeptisch, überlegten, sie durch eine andere Athletin zu ersetzen. Weil sie die Gesundheit, die ihres Babys und die Medaillenchancen ihres Landes aufs Spiel setze. Die Schützin war nicht einverstanden: "Ich sagte: Hey, ich habe die Qualifikation geschafft, dann fahre ich auch."

Leserkommentare
  1. Bin gespannt wann der erste Feministinnenkommentar auftaucht, der meint echte Frauen sollten gar keine Kinder bekommen, weshalb dieser Artikel auch voll doof sei.
    Ich sage nur: Respekt vor dieser Leistung!

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ..sollten niemals eine Waffe in die Hand nehmen" :-)
    Meinen Respekt.

  2. Zitat 3. Absatz:"Der mittlere Ring, der zehn Punkte bringt, und deswegen so gut wie immer getroffen werden sollte, hat nur einen Durchmesser von einem halben Millimeter." Es muss heissen Centimeter. 5mm sind auf dieser Distanz schon schwer zu treffen wenn bereits das Projektil mit ähnlich großen Durchmesser auf die Scheibe trifft. Vor dem Schreiben nachdenken ? Danke.

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    Redaktion

    Liebe Chrissy63,

    entweder ich habe einen ganz miesen Mathe-Lapsus und die Sache mit Millimetern und Zentimetern nicht umrissen, oder Sie irren sich doch.

    Hier steht auf jeden Fall was 0,5 Millimetern, und die müssen es ja wissen.

    http://www.dsb.de/sport/d...

    Viele Grüße aus London
    Christian Spiller

  3. ..sollten niemals eine Waffe in die Hand nehmen" :-)
    Meinen Respekt.

    Antwort auf "Find ich cool"
  4. Frauenboxen ist nun auch Olympisch und schwangere Frauen schießen mit Luftgewehr..

    Ich will das alles nicht sehen und verzichte gerne darauf.
    Das ist mein Beitrag dazu.

  5. Redaktion

    Liebe Chrissy63,

    entweder ich habe einen ganz miesen Mathe-Lapsus und die Sache mit Millimetern und Zentimetern nicht umrissen, oder Sie irren sich doch.

    Hier steht auf jeden Fall was 0,5 Millimetern, und die müssen es ja wissen.

    http://www.dsb.de/sport/d...

    Viele Grüße aus London
    Christian Spiller

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    das Zitat fehlerfrei ist? Das müsste sich doch recherchieren lassen in London.

    • Nest
    • 29. Juli 2012 9:49 Uhr

    Die müssen ein 4,5 mm Diablo in einem 0,5 mm Kreis unterbringen.
    Mein Respekt vor den Sportschützen ist soeben ins Unermessliche gewachsen.

    • kyon
    • 28. Juli 2012 22:05 Uhr

    Irgendwie habe ich Zweifel, ob die allgemeinen Olympia-Umstände und die persönliche unvermeidliche Wettbewerbsanspannung für eine hochschwangere Frau und das Kind in ihrem Leib das Richtige ist.

  6. niemals am eigenen Leib erfahren werde, verstehe ich nicht, was so besonders daran sein sollte, schwanger mit Gewehr oder Bogen zu schießen und warum es dafür kein Ok von irgendwelchen Seiten geben könnte.

    Während dieser Zeit mit einem Bobschlitten einen Eiskanal hinunterzufahren halte ich jetzt persönlich für verantwortungslos.

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    an Nummer 6 - es scheint ein Problem zu sein. Für Nichtbetroffene ;-)

  7. an Nummer 6 - es scheint ein Problem zu sein. Für Nichtbetroffene ;-)

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    Im Grunde hab ich ja zuerst mal geschrieben, es eben nicht für ein Problem zu halten.

    Im zweiten Satz kommt die Ausnahme - und meine schon, dass in diesem Fall jemand drittes betroffen sein könnte.

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  • Schlagworte London | Baby | Frauenbeauftragte | Sportfunktionär | Sportler | Weltcup
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