Natürlich haben jene recht, die einer Neuerung mit dem Ewiggestrigen entgegnen , dass das Alte nicht schlecht war. Mag sein. Doch das Neue muss oft erst anders sein, um dann besser als das Alte zu werden. Wer innovativ sein will, braucht Fantasie und Mut. Beides hat Michel Platini , der Präsident des Europäischen Fußballverbandes, mit seiner Idee bewiesen.

Man denke nur an die praktischen Vorteile einer EM, die in mehr als zwei Ländern ausgespielt wird. Erstens: eine geringere finanzielle Last für jedes einzelne Veranstaltungsland. Zweitens: eine effizientere Organisation, die sich nicht nach Staatsgrenzen, sondern nach Sinnhaftigkeit richten kann. Drittens: eine Chance für kleinere Nationen, Teil des Ganzen zu werden.

Es gibt ein viertes Argument. Es ist komplexer, es wird Zeit brauchen, bis 2020 könnte es an Gewicht gewonnen haben. Wenn eine Fußball-Europameisterschaft mit all ihren Fanmeilen, Festivals, Konzerten erst organisatorisch durch mehrere Nationen Europas verbunden wird, wird sie auch kulturell für mehr Verknüpfungen sorgen.

Das Fest wird größer und bunter

Wenn es nicht einen oder zwei, sondern acht oder zwölf Gastgeber einer Party gibt, wird das Fest größer und bunter. Es wird mehr getrunken, mehr gelacht, mehr ausgetauscht. Die Gäste werden nach dem letzten Bier beschwipst und glücklich nach Hause gehen. Kann sein, dass sie dann gar nicht mehr wissen, wer genau die Party geschmissen hat. Frankreich ? Luxemburg ? Schweiz ? Deutschland? Belgien ? Egal.

Vielleicht sagen sie dann einfach: Wir waren zu Gast bei Freunden – in Europa.

Platini ist bisher nicht als Verfechter der europäischen Idee aufgefallen. Doch es fällt auf, zu welch einem Zeitpunkt er mit seiner Idee des multinationalen Fußballfestes kommt. Wirtschaftlich und politisch durchlebt Europa eine Zerreißprobe. Nicht nur in Deutschland ist die Bevölkerung gespalten, eine Hälfte ist für die Vereinigten Staaten Europas , die andere dagegen. Doch während viele noch nach Orientierung suchen, geschieht der Wandel.

Womöglich werden wir in dreißig oder vierzig Jahren auf dieses Jahrzehnt zurückschauen und uns wundern. Wir werden uns fragen: Wieso haben wir nicht bemerkt, welch Veränderung sich vollzog? Der Umbruch von Deutschland zu Europa geschieht. Er kann ein Segen sein, auch beim Feiern von Fußballfesten.

Mehr Gemeinschaft, weniger Nationalismus – die Idee vom sozial vereinten Europa wird Wirklichkeit werden. Sie wird politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Veränderungen mit sich bringen. Es wird noch dauern, bis das alles zusammen passt. Und in diesem großen europäischen Puzzle ist noch Platz. Allemal für Platinis mutige und fantasiereiche EM-Idee.

Lesen Sie hier die Gegenmeinung von Christian Spiller!