EM 2020 : Platinis mutige Idee für Europas Fußball-Einheit

Der Uefa-Präsident schlägt eine EM ohne festes Gastgeberland vor. Das ist gewagt, kreativ und gut für die europäische Idee, kommentiert Steffen Dobbert.
Michel Platini neben Angela Merkel im EM-Spiel Deutschland gegen Griechenland © F. Coffeini/AFP/GettyImages

Natürlich haben jene recht, die einer Neuerung mit dem Ewiggestrigen entgegnen , dass das Alte nicht schlecht war. Mag sein. Doch das Neue muss oft erst anders sein, um dann besser als das Alte zu werden. Wer innovativ sein will, braucht Fantasie und Mut. Beides hat Michel Platini , der Präsident des Europäischen Fußballverbandes, mit seiner Idee bewiesen.

Man denke nur an die praktischen Vorteile einer EM, die in mehr als zwei Ländern ausgespielt wird. Erstens: eine geringere finanzielle Last für jedes einzelne Veranstaltungsland. Zweitens: eine effizientere Organisation, die sich nicht nach Staatsgrenzen, sondern nach Sinnhaftigkeit richten kann. Drittens: eine Chance für kleinere Nationen, Teil des Ganzen zu werden.

Es gibt ein viertes Argument. Es ist komplexer, es wird Zeit brauchen, bis 2020 könnte es an Gewicht gewonnen haben. Wenn eine Fußball-Europameisterschaft mit all ihren Fanmeilen, Festivals, Konzerten erst organisatorisch durch mehrere Nationen Europas verbunden wird, wird sie auch kulturell für mehr Verknüpfungen sorgen.

Das Fest wird größer und bunter

Wenn es nicht einen oder zwei, sondern acht oder zwölf Gastgeber einer Party gibt, wird das Fest größer und bunter. Es wird mehr getrunken, mehr gelacht, mehr ausgetauscht. Die Gäste werden nach dem letzten Bier beschwipst und glücklich nach Hause gehen. Kann sein, dass sie dann gar nicht mehr wissen, wer genau die Party geschmissen hat. Frankreich ? Luxemburg ? Schweiz ? Deutschland? Belgien ? Egal.

Vielleicht sagen sie dann einfach: Wir waren zu Gast bei Freunden – in Europa.

Steffen Dobbert

Steffen Dobbert arbeitet als Redakteur für ZEIT ONLINE. Seine Profilseite finden Sie hier.

Platini ist bisher nicht als Verfechter der europäischen Idee aufgefallen. Doch es fällt auf, zu welch einem Zeitpunkt er mit seiner Idee des multinationalen Fußballfestes kommt. Wirtschaftlich und politisch durchlebt Europa eine Zerreißprobe. Nicht nur in Deutschland ist die Bevölkerung gespalten, eine Hälfte ist für die Vereinigten Staaten Europas , die andere dagegen. Doch während viele noch nach Orientierung suchen, geschieht der Wandel.

Womöglich werden wir in dreißig oder vierzig Jahren auf dieses Jahrzehnt zurückschauen und uns wundern. Wir werden uns fragen: Wieso haben wir nicht bemerkt, welch Veränderung sich vollzog? Der Umbruch von Deutschland zu Europa geschieht. Er kann ein Segen sein, auch beim Feiern von Fußballfesten.

Mehr Gemeinschaft, weniger Nationalismus – die Idee vom sozial vereinten Europa wird Wirklichkeit werden. Sie wird politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Veränderungen mit sich bringen. Es wird noch dauern, bis das alles zusammen passt. Und in diesem großen europäischen Puzzle ist noch Platz. Allemal für Platinis mutige und fantasiereiche EM-Idee.

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Kommentare

40 Kommentare Seite 1 von 6 Kommentieren

Wieso nicht gleich eine Länderliga

Da kann man ja gleich die Freundschaftsspiele weglassen und eine europäische Länderliga machen. Das ist zumindest dann kein Turnier mehr. Turnier wird immer in einem begrenzten Rahmen ausgetragen. In ganz Europa wären die Wege sehr weit und das ist das Gegenteil zu einem Turnier. Man könnte ja dann die Mannschaft im einem Superfrachter transportieren....sonst könnten die ja gar nicht mehr zwischendrin trainieren.

Lange Wege

Gegenfrage: Wieso muss der Vorschlag Platinis darin enden, dass viele tausende Kilometer zwischen den Spielorten liegen (so war es übrigens bei der aktuellen EM)? Ich sehe darin vielmehr die Option, Wege sogar zu verkürzen. Bsp: Eine EM in Nordwesteuropa könnte alle Stadien in Norwegen, Schweden, Finnland, GB und Dänemark verbinden - vielleicht könnte Hamburg auch noch mitmachen. Mir gefällt die Idee.
Gruß aus Kiew
Steffen Dobbert

Wieso denn lange Wege?

Als ob bei so einem bodenständigen Sport wie Fussball die Fans wirklich das Geld hätten bei mehr als einem Spiel zuzusehen und von Land zu Land zu reisen:D

Ich sehe es nicht kommen dass der Vosrsitzende des TSV Otterstadt, der sich mit Müh und Not die Karten für ein Spiel zusammenspart von Metropole zu Metropole hetzt um alle Spiele zu verfolgen und dann von den Städten "nur den Flughafen und die U-Bahn sieht"

Wahrscheinlicher wäre es das Franzosen nach Deutschland reisen, Deutsche in die Ukraine und Ukrainer nach Schweden, und jeder eben in der jeweiligen Stadt ein paar tage verweilt, wie jetzt ja auch.
Eine schöne Idee!

Und so viel Geld wie bei der EM fließt werden die Reisekosten der Teams für die UEFA nicht so einen riesigen Posten darstellen.

neue Wege

sind grundsätzlich zu begrüßen. Auch deswegen, um sich Vor- und Nachteile anzuschauen, die vielleicht in ganz neue und umsetzbare Ideen/ Konzepte münden.
Zu Platinis Idee sei gesagt: Ich befürchte dass eben nicht mehr der Raum dafür gegeben ist, dass sich Länder vorstellen, ein Bild von sich inszenieren, wenn nur eins, zwei Spiele dort stattfinden (vielleicht noch von unerheblichen Teams). Die Distanzüberwindung wird auch den Tourismus ausbremsen. Auf Ihre Gegenfrage eingehend: Sie wollen doch nicht ernsthaft die Distanzüberwindung von Polen/Ukraine mit der von ganz Europa (eben auch inklusive dieser beiden) vergleichen! In Ihrem Argument zonieren sie ja auch wiederum Europa- Die Teams würden nur noch im Flieger sitzen...ich kann kein Vorteil dieser Idee erkennen. Der europäische Gedanke ist mit dem aktuellen Konzept der Gastgeberländer viel schärfer umrissen als ein diffuses Überall. Platinis Idee trägt aber im Keim kein Europa, sondern das Eurozeichen einer Banknote.
Dennoch wiederhole ich gern: Eine Idee ansich kann nicht schlecht sein, es muss drüber diskutiert werden, ob sie als Konzept eine Chance hat!