EM-Schnack"Dass Ihr Deutschen immer von Geschichte redet"

Die EM verbindet Leute. Wir trafen Laszek, einen Barkeeper aus Posen, im Nachtzug nach Kiew, und sprachen über Tschernobyl, Jim Beam und das deutsch-polnische Verhältnis.

Laszek, Barkeeper aus Posen und Polen-Fan, nach der Ankunft mit dem Nachtzug Warschau-Kiew

Laszek, Barkeeper aus Posen und Polen-Fan, nach der Ankunft mit dem Nachtzug Warschau-Kiew

ZEIT ONLINE: Wir sind im Nachtzug von Warschau nach Kiew. Fahren Sie zum Finale?

Laszek Tutasz: Ja, der ganze Zug ist voll mit polnischen Fußballfans. Es ist das vierte Spiel, das ich im Stadion sehen werde. Ein großartiges Turnier, ein großartiges Fest! Okay, mit den Russen gab es ein paar Prügeleien. Aber die meisten Fans waren friedlich.

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ZEIT ONLINE: Was nehmen Sie, was nimmt Polen mit von dieser EM?

Tutasz: Es war wunderbar, die besten Fußballer Europas in unserem Land zu begrüßen. Und die vielen Fans, wir hatten immer Spaß, tranken Jim Beam mit Cola und anderes Zeug. Für mich kam das nicht unerwartet, ich gehe immer auf Leute zu, egal woher sie kommen. Ich bin Barkeeper. Aber einige meiner Landsleute brauchten ein wenig, bis sie warm wurden mit den Spaniern, Italienern und Iren. Die Iren waren irre.

ZEIT ONLINE: Wir haben vor drei Stunden die Grenze passiert. Was ist anders in der Ukraine?

Laszek Tutasz

Laszek Tutasz, 33, ist Barkeeper aus Posen. Er ist Fan von Lech Posen und der polnischen Nationalmannschaft.

Tutasz: Es ist strenger. Die Schaffnerin ist schon zum dritten Mal in unser Abteil gekommen und hat uns um Ruhe gebeten, die Polizei wurde auch schon zwei Mal vorstellig. Dabei sitzen wir doch hier nur zusammen und quatschen, Polen, Ukrainerinnen und ein Deutscher, und trinken Bloody Mary. Was soll das? Können die sich nicht locker machen? Es ist doch EM! Wahrscheinlich wollen sie 20 Euro.

ZEIT ONLINE: In Polen war das anders. Ist man dort generell lockerer oder nur während der Europameisterschaft?

Tutasz: Bei uns ist das inzwischen lockerer geworden, während der Euro aber noch mal eine Stufe toleranter. Allerdings ist es noch nicht lange her, da war Polen auch so verkniffen wie die Ukraine. Wir sind halt zehn Jahre voraus, zehn Jahre westlicher. An der Grenze Polen-Ukraine standen wir eben zwei Stunden, die Räder des Zugs mussten gewechselt werden.

ZEIT ONLINE: Die Schienen sind breiter als in Europa, das hat der Zar vor über hundert Jahren entschieden, aus Angst vor fremdem Einfluss.

Tutasz: Diese Haltung hat sich in der Ukraine noch ein bisschen bewahrt, glaube ich. Aber definitiv ist der Räderwechsel eine Touristenattraktion.

ZEIT ONLINE: Was schauen Sie sich noch an in der Ukraine?

Tutasz: Mit meinen Kumpels bleibe ich ein paar Tage, schaue mir Kiew an. Am Montag besuchen wir dann Tschernobyl. Das sind Kindheitserinnerungen für uns. Als wir klein waren, mussten wir eine Zeitlang täglich Medizin schlucken, nachdem der Vorfall bekannt geworden war. Das war bestimmt ein Placebo. Erst hieß es, die radioaktive Wolke erwischt ganz Polen. Dann drehte der Wind, und nur der nordöstliche Teil war betroffen. Skandinavien bekam das meiste ab. Aber ich glaube nicht, dass die Scorpions das meinten, als sie Wind of Change sangen (pfeift).

ZEIT ONLINE: Wie ist das Verhältnis zwischen Polen und der Ukraine unter den Jüngeren?

Tutasz: Die Ukrainer meinen, wir blicken auf sie herab. Aber das stimmt nicht mehr. Für meinen Teil kann ich das jedenfalls ausschließen.

ZEIT ONLINE: Und das Verhältnis zu Deutschland? Das Verhältnis beider Länder ist historisch schwer vorbelastet.

Tutasz: Peace, Bruder. Dass Ihr Deutschen immer von Geschichte redet. (singt) "Polska ..."

ZEIT ONLINE: "... biało czerwoni!" Warum hat das mit der polnischen Mannschaft und dem Viertelfinale nicht geklappt?

Tutasz: Tja, wenn ich das wüsste. Warum hat das mit der deutschen Mannschaft und dem Finale nicht geklappt? Wir lieben die Art, wie sie spielen.

ZEIT ONLINE: Tja, wenn ich das wüsste. Irgendwie fehlte der Mumm. Ihr Tipp fürs Finale?

Tutasz: Italien, die Mannschaft hat Ausdruck. Und sie hat Deutschland klar besiegt.

 
Leserkommentare
  1. Darum wurde ich sicher im Studentensommer in Tschestochowa von einem Halbwüchigen mit "Deutsche Faschist" begrüßt.

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    Einzelne Holzköpfe gibt es immer – egal ob in Eisenhüttenstadt oder in Tschenstochau.

    Einzelne Holzköpfe gibt es immer – egal ob in Eisenhüttenstadt oder in Tschenstochau.

  2. Da hat der junge natürlich Pech gehabt, dass er ausgerechnet an ZEIT-Leute geraten ist. Leider hatten die nicht die Traute ihm zu sagen, dass "von Geschichte reden" bei manchen deutschen Medien und Parteien viel damit zu tun hat, dass diese Leute ihr eigenes Land hassen.

  3. 1)Ich finde die Idee sehr gut, dass der Redakteur ein Video vom Radwechsel gepostet hat. Zwar ist die Qualität sehr bescheiden, aber ich wünsche mir mehr solche Videos. Bilder von Fanmeilen, Videos von sehenswürdigen Orten etc. Hochglanzbilder von Orten kann ich mir Tonnenweise im Internet anschauen. Wenn da schon ein Redateur hin fährt, dann könnte er ja seine eigene, persönliche Interpretation zeigen

    2)Jo warum müssen wir Deutschen immer von Geschichte reden :P Ich gehöre zu der Generation, die tendenziell "genug hat" vom ständigen Vorhalten der Nazizeit und meine generelle Erfahrung im Umgang mit anderen Kulturen ist auch, dass das absolut nicht mehr nötig ist. Im Gegenteil, gerade die Verbissenheit, mit der einige meiner Landsleute auf diesem Thema rumreiten zeigt meiner Ansicht nach eher, dass WIR das Thema noch nicht so recht verarbeitet haben. Immerhin tollerieren wir es als Nation, dass wir ein Organ in unserem Rechtsstaat haben, der aktiv die NSU unterstützt hat und mit Informationen versorgt hat. Da muss man dagegen arbeiten, aber weniger beim "Aussenbild" von Deutschland.

  4. Einzelne Holzköpfe gibt es immer – egal ob in Eisenhüttenstadt oder in Tschenstochau.

    • xpeten
    • 02.07.2012 um 1:00 Uhr

    lieber die Einschätzung von polnischen Zeitzeugen, Historikern und Politologen einzuholen,

    weniger die von Barkeepern.

    Eine Leserempfehlung
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    • deDude
    • 02.07.2012 um 16:14 Uhr

    ... sprechen dann im Namen eines ganzen Volkes? Es macht doch grade Sinn die Menschen auf der Straße zu fragen und eben nicht die deren Antworten sowieso stets den gleich Tenor haben..

    • deDude
    • 02.07.2012 um 16:14 Uhr

    ... sprechen dann im Namen eines ganzen Volkes? Es macht doch grade Sinn die Menschen auf der Straße zu fragen und eben nicht die deren Antworten sowieso stets den gleich Tenor haben..

    • Scouts
    • 02.07.2012 um 8:51 Uhr

    Na warum sollte denn ein Barkeeper kein Zeitzeuge sein?

    Eine Leserempfehlung
    • deDude
    • 02.07.2012 um 16:14 Uhr

    ... sprechen dann im Namen eines ganzen Volkes? Es macht doch grade Sinn die Menschen auf der Straße zu fragen und eben nicht die deren Antworten sowieso stets den gleich Tenor haben..

    2 Leserempfehlungen

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