FC BayernMatthias Sammer und die Aura des Siegers

Der neue knurrige Sportchef Matthias Sammer soll den FC Bayern von den zweiten Plätzen erlösen. Ein Statement in der Nach-EM-Debatte um die deutschen Tugenden.

Bayerns neuer Sportdirektor Matthias Sammer

Bayerns neuer Sportdirektor Matthias Sammer

Wenn für den Deutschen Fußball-Bund (DFB) alles nach Plan gelaufen wäre, hätte der Montag im Zeichen großer Feierlichkeiten gestanden. Die Nationalmannschaft wäre als Europameister aus Kiew zurückgekehrt, hätte sich in Berlin oder Frankfurt von ein paar hunderttausend Fans feiern lassen – und niemand hätte an den Alltag gedacht. Es ist bekanntermaßen ein bisschen anders gelaufen.

Der Montag war für die Funktionäre in der Otto-Fleck-Schneise im Frankfurter Stadtwald ein normaler Arbeitstag, zumindest bis um kurz nach neun bei Wolfgang Niersbach das Telefon klingelte, sich Matthias Sammer meldete und um die Freigabe aus seinem Vertrag als Sportdirektor bat. Sammer wechselt als Nachfolger von Christian Nerlinger zu Bayern München.

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Sammers Vertrag lief eigentlich noch bis 2016, nach Informationen des Tagesspiegels besaß der 44-Jährige eine Ausstiegsklausel, die jedoch ausschließlich für einen Wechsel zu den Bayern galt. Sammer wird beim Rekordmeister den Titel "Vorstand Sport" führen und für alle sportlichen Belange zuständig sein.

Leidtragender der Entwicklung ist Christian Nerlinger, der erst vor drei Jahren Nachfolger von Manager Uli Hoeneß geworden war. "Bei der Aufarbeitung der zurückliegenden Saison zwischen Aufsichtsrat und Vorstand des FC Bayern München und Christian Nerlinger wurden unterschiedliche Auffassungen über das Konzept für die Zukunft der Mannschaft deutlich", teilten die Bayern mit. Die Entscheidung, sich zu trennen, war längst beschlossen, sollte aber erst nach der EM verkündet werden.

Dass die bayrischen Ansprüche und Nerlingers Auftreten unvereinbar waren, zeigte sich exemplarisch Anfang März, als die Münchner 0:2 in Leverkusen verloren hatten und sieben Punkte hinter Borussia Dortmund lagen. Nerlinger blickte resigniert in die Kameras und verkündete: "Wir müssen sicherlich nicht mehr von der Meisterschaft reden." Er mag nicht unrecht gehabt haben, bei Bayern aber sind solche Sätze verpönt. Die Bosse waren merklich irritiert.

Schon während der Amtszeit von Trainer Louis van Gaal hatte es häufiger Misstöne zwischen Hoeneß und Nerlinger gegeben, weil der für Hoeneß’ Geschmack eine große Nähe zu dem Holländer pflegte. Auch sportlich kam von Nerlinger nicht viel: Transfers von Spielern wie Rafinha, Takashi Usami und Nils Petersen fielen in seine Verantwortung – es waren nicht unbedingt Spieler, die den FC Bayern nach vorne brachten.

Leserkommentare
    • Lieps
    • 03.07.2012 um 12:34 Uhr

    Aber immerhin. Die Bayern bekommen wieder deutsche Tugen-
    den vermittelt. Da sind ja wieder Titel durchaus möglich.Unsere DFB-Auswahl hat in den letzten Jahren durchaus ansehenswerten Fußball gezeigt, allerdings in den entscheidenen Spielen fehlte ihnen der letzte Biss und unbedingte Siegeswille.
    Sammer ist für Bayern ein Gewinn, zumal er schon in München wohnt.

    Lieps
    Preußischer Diplomat

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    Ob da jemand die Niederlagen am Ende der vergangenen Saison mit einem Federstreich wegmachen kann? Mich sollte es nicht wundern, wenn Dortmund wieder einmal den Durchmarsch startet.

    Ob da jemand die Niederlagen am Ende der vergangenen Saison mit einem Federstreich wegmachen kann? Mich sollte es nicht wundern, wenn Dortmund wieder einmal den Durchmarsch startet.

  1. Das gleiche Selbstverständnis, das jüngst „das deutsche Fußballvolk“ öffentlich zur Schau stellte als es sich selbst „für den nächsten Titel bereit“ erklärte, eben dieses Selbstverständnis ist auch einem Uli Hoeneß zu eigen. Anders als das deutsche Fußballvolk hat Hoeneß die finanziellen Möglichkeiten, „gezielt an der Schraube zu drehen“ und genau hierin erschöpft sich auch sein Wirkungskreis.
    In dem er seinen Konkurrenten die gewünschten Spieler und Trainer vor der Nase wegkaufte, sicherte er sich über Jahre seinen „persönlichen Erfolg“. Hoeneß erträgt seinen persönlichen Abstieg nicht länger. Die Entscheidung für Matthias Sammer zeigt aber, wie gefährlich seine oftmals abstrusen Entscheidungen sind. Hoeneß hinterlässt keinen selbstbewussten Club, er hat ihn um sein Selbstbewusstsein beraubt.

    8 Leserempfehlungen
  2. ... ein Statement zu deutschen Tugenden war, dann scheint Vertragstreue wohl nicht dazuzugehören. Immerhin hat Herr Sammer erst vor rund einem Jahr seinen DFB-Vertrag bis 2016 verlängert, begründet mit den Worten, dass dieses "ein klares Bekenntnis zum DFB" sei, zumal seine Arbeit der Schlüssel sei, um "den deutschen Fußball [wieder] in der Weltspitze zu etablieren".

    Es gibt weitere Merkwürdigkeiten. Beim HSV pochte Sammer noch vor 16 Monaten darauf, dass im Vorfeld jede seiner künftigen Aufgabe akribisch und detailliert durchgesprochen werden müsse. Dieses Mal, sofern die Angaben der Beteiligten stimmen, reichte ein Wochenende, um die Sache dingfest zu machen.

    Natürlich ist der FC Bayern nach wie vor die erste Adresse im deutschen Profifußball. Und natürlich liegt die Säbener Str. ein wenig näher an Grünwald als FFM oder HH-Stellingen, was familiäre Belastungen erst gar nicht aufkommen lässt und seine Entscheidung nachvollziehbar macht. Allerdings wäre es auch ganz schön, wenn seine Reden an die Nation - darunter macht er es ja meist nicht - künftig nicht ganz so oberlehrerhaft und pathetisch daherkommen.

    Im übrigen glaube ich nicht, dass Sammer das bewirken wird, was sich der FC Bayern erhofft. Konzepte und Durchsetzungsvermögen bringt er mit, keine Frage. Um den Kurs eines großen Tankers zu ändern, wie es der FC Bayern nun mal ist, braucht es aber auch viel integrative Kraft, um alle wichtigen Leute mitzunehmen. Und da darf man doch ein wenig skeptisch sein.

    5 Leserempfehlungen
  3. 4. [...]

    Entfernt. Kein konstruktiver Kommentar. Die Redaktion/kvk

  4. 5. Schade

    Wenn Sammer glaubt, dass seine sportliche Philosophie die richtige ist, hätte er nach der (in der landläufigen Meinung) verpatzten EM doch alle Trümpfe in der Hand gehabt, diese auch beim DFB durchzusetzen, bzw. Druck auf Löw auszuüben.

    (Die Überschrift darf selbstverständlich ironisch verstanden werden)

    Eine Leserempfehlung
  5. Anders ist die Berufung Sammers nicht zu erklären.

    Für Zündstoff ist gesorgt, da Hoeness bisher sich immer eingemischt hat-
    das wird sich Sammer nicht so ohne weiteres gefallen lassen.

    Andererseits- wenn man ihn machen läßt und ihm mehr als 2 Jahre Zeit läßt, um eine tragfähige Vision zu entwickeln und die passenden Leute dafür zu finden- dann kann das eine Erfolgsgeschichte werden.

    2 Leserempfehlungen
    • Bernnd
    • 03.07.2012 um 13:20 Uhr

    Irgendwo in den Weiten des Netzes auf-gelesen:

    "Man wird umso reicher, je weniger man braucht. Wünschen wir den Bayern die Einsicht, dass auch zweite und dritte Plätze bei schönem Fußball ein Gewinn sein können, wünschen wir ihnen die Abkehr von der Gier nach dem bedingungslos zu gewinnenden ersten Platz. Er ist für die nächste Dekade in Deutschland vergeben, an ein bis drei andere Vereine."

    Für diese Aufgabe ist Herr Sammer wohl weniger geeignet, aber sein verkniffenes Gesicht während dem permanenten Versuch und die Grimassen der Herren Hoeness und Rummenigge, die uns schon bekannt sind, sie werden uns entzücken. Besonders schön sind die Ansprachen von Herrn Rummenigge nach verlorenen Spielen im Ausland.

    Die Bühne in München ist neu angerichtet und der Norden Deutschlands kann in den nächsten Jahren auf spannende bajuwarische Fußball-Comedy hoffen.

    3 Leserempfehlungen
    • match
    • 03.07.2012 um 13:40 Uhr

    um einen internen Wechsel.

    2 Leserempfehlungen

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