Olympische Spiele : Die Kunst, vom Sport zu leben

Vor vier Jahren hat Lena Schöneborn Olympiagold gewonnen. Reich und berühmt geworden ist sie dennoch nicht. Wie die meisten deutschen Spitzensportler.
Lena Schöneborn bei ihrem EM-Sieg 2011 © Harry Engels/Getty Images

Lena Schöneborn sitzt in der Fechthalle des Berliner Olympiageländes. Es ist ein trüber Berliner Sommertag, auch innen alles grau, die Decke, die Wände, der Boden. Die Sportlerin hält ein großes Mikrofon in der Hand. Im Hintergrund duellieren sich ihre Trainingspartner. Sie will gut aussehen, obwohl ihre Haare noch etwas zerwuschelt sind von der Fechtmaske, die sie eben noch trug. Lena Schöneborn soll einen Satz sagen, den die Fernsehleute später zwischen Werbung und Wettkampf schneiden: "Hallo, ich bin Lena Schöneborn. Olympia 2012 – ich freue mich riesig drauf." So richtig nimmt man ihr nicht ab, dass ihr so etwas Spaß macht.

Die Olympiasiegerin Lena Schöneborn über die Schwierigkeiten im Fünfkampf

Knapp ein halbes Dutzend Kamerateams sind in die Halle gekommen, weil Lena Schöneborn vor vier Jahren in Peking die Goldmedaille gewonnen hat. Sie war 22, hübsch, nett und exotisch, weil viele vorher dachten, Moderner Fünfkampf hätte irgendwas mit Chatten, Bloggen und Twittern zu tun. Mittlerweile gibt es ein paar, die Bescheid wissen: Reiten, Schwimmen, Fechten, Laufen und Schießen. Lena sei Dank.

Die 26-Jährige hat geschafft, was die meisten der 391 deutschen Sportler, die bei den Olympischen Spielen in London antreten, noch schaffen wollen. Gold. Insgeheim träumen alle von der einen Medaille, der eine mehr, der andere weniger. Es ist das Größte, was ein Sportler erreichen kann. Doch wie verändert so ein Erfolg das Leben? Was kommt nach einem Olympiasieg? Ruhm, Ehre und Millionen?

Fußball, Fußball und wieder Fußball

Lena Schöneborns Antwort sagt einiges aus über den deutschen Spitzensport, darüber wie ungleich Anerkennung und Bewunderung in der Sportnation Deutschland verteilt werden, in der erst Fußball kommt, dann Fußball, dann lange nichts und dann wieder Fußball. "Es hat sich viel verändert", sagt die Fünfkämpferin. "Ich kann von meinem Sport leben."

Leben. Mehr nicht. Beziehungsweise: Immerhin. Vielen ihrer Kollegen geht es noch schlechter.

Im vergangenen Herbst veröffentlichte die Deutsche Sporthilfe eine Studie. Für 91 Prozent der Deutschen sind Spitzensportler Vorbilder. Sportler seien besser geeignet, das Bild eines Landes im Ausland zu prägen, als Vertreter aus Kultur, Wirtschaft und Politik. Zwei von drei Deutschen fühlen sich stolz, wenn ihre Athleten Medaillen gewinnen. Doch für die Sportler zahlt sich dieses Ansehen nicht aus. Laut einer Untersuchung des Bundesinstituts für Sportwissenschaft , wenden Spitzensportler im Durchschnitt fast 60 Stunden pro Woche für ihren Sport auf, verdienen im Durchschnitt im Monat aber nur 1.919 Euro. Brutto.

Die besten Politiker, Manager, Journalisten, auch die besten Verkäufer, Busfahrer oder Fliesenleger können sich in Deutschland eines anständigen Auskommens sicher sein. Wer in unserer Leistungsgesellschaft zu den Besten gehört, braucht sich eigentlich keine Sorgen machen. So das Prinzip. Für die besten Hürdenläufer, Kanuten oder Badmintonspieler gilt das nicht, selbst wenn sie Olympiasieger sind.

Im deutschen Kader gibt es nur eine Handvoll Stars, die sich die Sponsoren aussuchen können. Fast alle sind sie in den olympischen Kernsportarten zu Hause: Britta Steffen und Paul Biedermann im Schwimmen, Fabian Hambüchen , der Turner, der Diskuswerfer Robert Harting und ein paar Ausnahmen, die eine ganz spezielle Geschichte zu erzählen haben. Der Tischtennisspieler Timo Boll etwa, der stets gegen ganz China spielt oder Matthias Steiner , der Gewichtheber mit der rührendsten Story. Viele andere Sportarten sind zu klein, das Publikum vergisst zu schnell.

In der Fechthalle steht Lena Schöneborn vor dem nächsten Kamerateam. Unzählige Male werfen die TV-Journalisten ihr ihre Fechtmaske zu. Sie soll sie dann schnell aufsetzen, wieder abnehmen, in die Kamera lächeln. Sie haben auch so eine Art Hollywoodklappe mitgebracht, auf die Lena Schöneborn ihren Namen schreiben und die sie dann zusammenklappen muss, als sei sie ein Filmstar. Etwas später soll sie mit ihrem Degen noch in Richtung Kamera stechen.

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Kommentare

14 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Leistungslüge

"Wer in unserer Leistungsgesellschaft zu den Besten gehört, braucht sich eigentlich keine Sorgen machen."

Da ist sie wieder die große Leitungslüge.

Den besten Altenpflegern, den besten Krankenschwestern, oder generell den besten von sehr wichtigen aber sehr schlecht bezahlten Berufen geht es nämlich wie den besten Hürdenläufer, Kanuten oder Badmintonspielern: über 40 Stunden die Woche buckeln und am Ende ergänzendes Hartz IV beantragen.

Offensichtlich gibt es auch im Sport einen Niedriglohnsektor, in dem alle Leisten können wie sie wollen und trotzdem von jedem teilzeitbeschäftigten Bürohengst finanziell abgehängt werden.

panem et circenses

Also, dass der Bäcker Geld verdient und nach Leistung bezahlt werden sollte, versteht sich von selber, denn der Mensch lebt vom Brot, wenn auch nicht alleine ...
--- Aber Sport, Zirkus und andere Kleinkünste, warum sollte das von useren Steuern bezahlt werden - ruft jetzt einer nach dem "Deutschen Staatszirkus"?! Warum ruft denn keiner von denen, die für den Sport das Maul aufreissen?! Ist denn Sport anderes als "circenses"?

Bitte schön, finanziert Euch Euren Spitzensport privat selber - und dann treten die - jeweils internationalen(!) - Mannschaften von BP, Microsoft, Deutsche Bank, ... gegeneinander an. Bitte, gerne, aber ohne mein Geld!