London 2012Die neue Schwimm-Kraft der anderen

Trainingsfehler oder ist die Konkurrenz einfach besser? Wie der Superstar Phelps versuchen die deutschen Schwimmer den schwarzen Tag in London zu verstehen.

Michael Phelps nach seinem enttäuschenden vierten Platz über 400 Meter Lagen

Michael Phelps nach seinem enttäuschenden vierten Platz über 400 Meter Lagen

Genau drei Minuten und achtundvierzigeinhalb Sekunden dauert der erste olympische Auftritt von Paul Biedermann, Deutschlands bestem Schwimmer. Das ist ganz schön lang, aber die 400 Meter Freistil sind auch eine mörderische Strecke. Aber es ist doch zuuuu lang, viiiiiiel zu lang. Biedermann ist die gleiche Strecke schon achteinhalb Sekunden schneller geschwommen, vor drei Jahren, bei der WM in Rom. Die Zeit von damals, erzielt in einem der inzwischen verbotenen Rennanzüge, ist noch heute Weltrekord. Und jetzt das: Platz 12 im olympischen Vorlauf, Finale verpasst, von der angepeilten Medaille ganz zu schweigen. Wie konnte das passieren?

Biedermann selbst weiß es nicht. Das Gesicht rot vor Erschöpfung, grundiert vom Käseweiß der Enttäuschung, mag er kaum Rede und Antwort stehen. Ist er zu schnell angegangen? 28,04 Sekunden für die ersten 50 Meter, das ist schneller als die Zwischenzeit bei seinem Weltrekord. "Ich hab's nicht halten können", sagt er nur, immer noch fassungslos. Dann ist er weg, allein mit sich und der magenumdrehenden Enttäuschung, die Früchte von jahrelangem Training in nicht einmal vier Minuten verspielt zu haben.

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Der Trainer ist schuld. Sagt der Trainer. "Wir wollten Kraft sparen fürs Finale. Ich habe ihm gesagt, er sollte ruhiger schwimmen, mehr aus den Beinen heraus", sagt Frank Embacher, Paul Biedermanns Coach. "Aber dann konnte er hinten raus nicht mehr explodieren." Und weil er schon einmal beim Schuldbekenntnis ist, gibt Embacher auch noch zu, die Gegner unterschätzt zu haben.

London 2012

Vom 27. Juli bis zum 12. August 2012 richtet London die größte Sportveranstaltung der Welt aus. Bei den Sommerspielen der 30. Olympiade wird es in 26 Sportarten 302 Entscheidungen geben. Insgesamt werden mehr als 10.000 Sportler aus mehr als 200 Ländern in England erwartet. Außerdem werden ungefähr 30.000 Journalisten aus aller Welt aus London von den Spielen berichten. Insgesamt stehen 6,6 Millionen Tickets zum Verkauf.

Olympia auf ZEIT ONLINE

In unserem Ticker verpassen Sie keinen olympischen Wettkampf, keine Medaille und keinen Termin der Sommerspiele in London. Den an jedem Olympiatag spannendsten Wettkampf stellen wir in der Serie "Mein Olympia" vor. Alle Interviews, Reportagen und Essays der Redaktion finden Sie auf der Olympia-Seite. Die englische Hauptstadt London ist nach 1908 und 1948 die erste Metropole, die zum dritten Mal Gastgeber der Spiele ist. Für ZEIT ONLINE berichten Christian Spiller und Christof Siemes aus London. Im Blog der Sportredaktion lesen Sie die Erfahrungen der Olympiareporter.

Damit ist er nicht allein. Es ist wieder mal ein schwarzer erster Tag für die deutschen Olympia-Schwimmer. Keiner von ihnen kann sich für die Finals am Abend qualifizieren. Sogar die 4x100-Meter-Freistil-Staffel der Damen mit der Weltrekordhalterin Britta Steffen an der Spitze, eigentlich eine sichere Bank, badete sich mit Rang 9 im Vorlauf um alles. Die deutsche Vorschwimmerin, die sich selbst gerne eine Gehirnprinzessin nennt und nach schlechten Rennen schon vor allem und jedem davongelaufen ist, gibt sich dennoch erstaunlich gelassen – auch sie hat sich nur an die Vorgabe der Trainer gehalten. Und die hieß: Nur 90 bis 95 Prozent geben, das reicht allemale fürs Finale.

"Das ist zünftig in die Hose gegangen", gibt Lutz Buschkow zu, der Leistungssportdirektor des Deutschen Schwimmverbandes. Methodische Fehler im Trainingsaufbau will er keine erkennen, aber wie offenbar das gesamte deutsche Schwimmteam, Trainer und Aktive, ist auch er überrascht von der Stärke der anderen Nationen, die schon in den Vorläufen schwammen, als ginge es ums Leben. Im Funktionärsdeutsch klingt das so: "Die Leistungsspitze ist enger zusammengerückt." Britta Steffen ist da ehrlicher: "Von manchen, die hier angetreten sind, kenne ich noch nicht mal die Namen." Sieht so aus, als hätte man sich bei der Vorbereitung allzu sehr auf sich selbst verlassen.

Leserkommentare
    • TDU
    • 29.07.2012 um 10:14 Uhr

    Alle Achtung davor, dass mal ein Trainer Fehler zugibt und das Lied der verwöhnten gut verdienenden Stars nicht gleich wieder gesungen wird (keine Anspielung auf Fussball). Interessant ist allerdings, wieso man im Zeitalter des Internet die Leistungswerte der anderen nicht kennt. Oder haben die keine Wettkämpfe veranstaltet?. Da scheint doch in der Organisation und der Analyse der Konkurrenz noch Handlungsbedarf.

    Eine Leserempfehlung
  1. Ich dachte immer, Schwimmen sei - neben der unglaublichen Trainingsanstrengung - auch eine Frage des erfolgreichen Dopings-ohne-erwischt-zu-werden. Und da haben die anderen Nationen vielleicht einfach aufgeholt. Wenn in den nächsten Tagen das deutsche Schwimm-Team geschlossen zurückfällt, werde ich mich in meinem Verdacht bestätigt fühlen, andernfalls war er vielleicht falsch. Mal sehen.

    7 Leserempfehlungen
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    Stimme zu. Es ist ja ganz klar, dass der 'böse' Radsport nicht die einzige Disziplin, wo nahezu flächendeckend gedopt wird. Und die Sportler könnnen dies ja auch recht unbesorgt tun, denn die Dopingpraktiken können nicht nachgewiesen werden. Mag sein, dass hier andere Sportnationen einfach mehr Geld in diese Praxis investieren und somit ist auch einfach mehr herauszuholen, wie man von Ex-Radsport Dopern weiss. Alles eine Frage des Geldes. Wer mehr Geld in Doping steckt und ein möglicherweise höheres gesundheitliches Risiko eingeht, der hat eben auch einen höheren Ertrag, sprich bessere Zeit. Das 'Timing' des Dopens muss hatürlich stimmen, so dass die Leistung auch zum Fixpunkt erbracht werden kann.

    "Und da haben die anderen Nationen vielleicht einfach aufgeholt."

    setzt ja voraus, dass die Deutsche Schwimmer schon immer gedopt haben...oder verstehe ich Sie falsch?

    Grüße

    Stimme zu. Es ist ja ganz klar, dass der 'böse' Radsport nicht die einzige Disziplin, wo nahezu flächendeckend gedopt wird. Und die Sportler könnnen dies ja auch recht unbesorgt tun, denn die Dopingpraktiken können nicht nachgewiesen werden. Mag sein, dass hier andere Sportnationen einfach mehr Geld in diese Praxis investieren und somit ist auch einfach mehr herauszuholen, wie man von Ex-Radsport Dopern weiss. Alles eine Frage des Geldes. Wer mehr Geld in Doping steckt und ein möglicherweise höheres gesundheitliches Risiko eingeht, der hat eben auch einen höheren Ertrag, sprich bessere Zeit. Das 'Timing' des Dopens muss hatürlich stimmen, so dass die Leistung auch zum Fixpunkt erbracht werden kann.

    "Und da haben die anderen Nationen vielleicht einfach aufgeholt."

    setzt ja voraus, dass die Deutsche Schwimmer schon immer gedopt haben...oder verstehe ich Sie falsch?

    Grüße

    • TDU
    • 29.07.2012 um 10:22 Uhr

    Zit: "Bei den Sommerspielen der 30. Olympiade". Danke für diese feine und heitere Differenzierung. Sie rückt das blosse Event in den Kontext von Vorbereitung und Entwicklung.

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  2. Beim Schwimmen ist guter Stil angesagt, körperliche und mentale Ausdauer und auch Kraft.

    Aber Kraftmeierei ist auf jeden Fall nicht ausreichend, um eine Medallie zu erlangen.

    Ganz ähnlich wie beim Schreiben, denn auch hier hat der Stil viel zu sagen.

    Und über diesem Artikel leuchtet der Schein leichter, ironischer Poesie auf.

    Neologismen, wie "Gehirnprinzessin" und anektotisches Fabulieren über Eßgewohnheiten bei "McDonalds", halten das Leserinteresse aufrecht.

    Den Fall eines Olympia-Sterns und die Enttäuschung einer Nationalmannschaft: das sind durchaus schwierige Themen, die sachlich, jedoch nicht ohne Empfindung darzustellen sind, ohne parteiisch zu werden.

    Es gibt allerdings im Schwimmsport noch schwierigere Themen, denn der Norweger Alexander Dale Oens wäre sicherlich gerne bei dieser Olympiade dabei gewesen.

  3. die strategie im rennen umschalten, oder vorher dem trainer seine eigenen gedanken mitteilen. dem trainer eine alleinschuld geben ist zu kurz gegriffen und kann nur von jenen aufrechterhalten werden die niemals im leistungssport tätig waren. manchmal passiert es halt dass die mannschaft 'baden' geht, warum auch immer, ein dämpfer hat auch was gutes

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    Sind Sie schon einmal geschwommen? Bitte nicht Ihre Perspektive des entspannt nörgeligen Fernsehsportlers mit der eines Schwimmathlethen während des Wetkampfs verwechseln... Der hat leider weder den Kommentar im Ohr, noch ca. 8 Kameraperspektiven zur Auswahl...;-)

    Sind Sie schon einmal geschwommen? Bitte nicht Ihre Perspektive des entspannt nörgeligen Fernsehsportlers mit der eines Schwimmathlethen während des Wetkampfs verwechseln... Der hat leider weder den Kommentar im Ohr, noch ca. 8 Kameraperspektiven zur Auswahl...;-)

  4. wenn man einen Wettkampf mit taktischer Vorgabe angeht, die nicht "wir versuchen die persönliche Bestzeit zu schwimmen" lautet, dann muss man zwangsläufig über alle anderen 7 Schwimmer genau Bescheid wissen. Das klingt nach taktischem Coaching-Fehler ala Löw.

    Insgesamt hat man den Eindruck, dass Spitzensport in Deutschland nicht mehr so professionell angegangen wird wie heute anderswo, sondern etwas selbstverliebt und provinziell (weder bundesdeutscher Basketball noch Fussball oder Handball qualifiziert sich für Olympia, zuletzt die hochgelobte Fussball-NM bei der EM: Deutschland - Italien oder das Ausscheiden der Volleyball-Nationalmannschaft mit ganz mässigen Leistungen als Mitfavorit in der Vorrunde der EM, oder die Basketballer bei der EM). Absolute Spitzenleistungen finden sich auch im Rest der Welt seit einigen Jahren, das ist doch keine Überraschung!

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  5. da gibt es nix zu verstehen...da sind die anderen einfach besser..Die Zeit von Phelps ist vorbei und Biedermann ist außer Form genau wie seine Freundin Steffen..

    ich will an nichts anderes denken...

  6. Stimme zu. Es ist ja ganz klar, dass der 'böse' Radsport nicht die einzige Disziplin, wo nahezu flächendeckend gedopt wird. Und die Sportler könnnen dies ja auch recht unbesorgt tun, denn die Dopingpraktiken können nicht nachgewiesen werden. Mag sein, dass hier andere Sportnationen einfach mehr Geld in diese Praxis investieren und somit ist auch einfach mehr herauszuholen, wie man von Ex-Radsport Dopern weiss. Alles eine Frage des Geldes. Wer mehr Geld in Doping steckt und ein möglicherweise höheres gesundheitliches Risiko eingeht, der hat eben auch einen höheren Ertrag, sprich bessere Zeit. Das 'Timing' des Dopens muss hatürlich stimmen, so dass die Leistung auch zum Fixpunkt erbracht werden kann.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Doping?"

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