Tour de FranceDer Mann, der wirklich dopingfrei die Tour gewinnen will

Spricht man Bradley Wiggins auf Doping an, schimpft er los. Er wird wohl als erster Brite die Tour de France gewinnen – dopingfrei, wie sein Team beteuert. von Jonathan Sachse

Der Radrennprofi Bradley Wiggins

Der Radrennprofi Bradley Wiggins  |  © Joel Saget/AFP/Getty Images

Vieles hat Bradley Wiggins unter Kontrolle. Jeden Morgen steigt er als Letzter aus dem Teambus. Im Tunnelblick rollt er zur Startlinie, seine Helfer blocken ihm den Weg frei. Im Rennen kontrolliert er mit seinem Team das Tempo. Das reicht, um ausgerissene Kontrahenten einzuholen, oft auch zu überholen. Als auf der 14. Etappe vor ein paar Tagen zahlreiche Fahrer von einer Reißnägelattacke gebremst wurden, war er es, der dem Feld diktierte, langsamer zu fahren.

Abseits der Strecke, vor einer Woche, verlor Wiggins die Kontrolle. Die erste Dopingfrage und der Führende dieser Tour de France, der sie als erster Brite überhaupt auch gewinnen wird, wenn nichts Dramatisches mehr geschieht, empörte sich. Er schimpfte, nicht jugendfrei , und verließ das Pressemobil. Dabei war die Frage harmlos: Was er von der Bezeichnung UK-Postal halte? Ein Wortspiel mit dem ehemaligen und dopingbelasteten Rennstall Lance Armstrongs, US-Postal, der das Peloton früher mit einer ähnlichen Fahrweise dominierte. "Solche versteckten Anspielungen verärgern mich", sagte Wiggins.

Anzeige

Bis dahin verwöhnten ihn die Fragesteller der Tour de France vorwiegend mit Sportlichem. Seit dem frühen EM-Aus der englischen Fußball-Nationalmannschaft und der Finalniederlage von Andy Murray in Wimbledon schwärmt die britische Presse beinahe uneingeschränkt von Wiggins und löste in Großbritannien einen kleinen Radsport-Boom aus. Das Team Sky , von Murdochs Pay-TV Sender großzügig finanziert, ist der Cliffhanger für die Olympischen Spiele im eigenen Land. Und der Kapitän Bradley Wiggins ist der Hauptdarsteller.

Fünf Tage nach seinen Beleidigungen auf der Pressekonferenz konnte sich Wiggins im Guardian ausführlich rechtfertigen. Er verfasste ein emotionales Statement : "Ich würde niemals dopen. Dann würde ich alles verlieren. Meine Ehe, meine Familie, mein Haus, meine Titel." Er blickte auf seine eigene Historie und beschrieb die Veränderungen im Radsport. "Ich werde nicht mehr länger von Leuten geschlagen, die später positiv sind.“

Am Tage der Veröffentlichung gewann ausgerechnet David Millar die Etappe, der erste Sieg für den geständigen Doper. "Vergesst nicht, dass ich Ex-Doper bin" , rief er nach der Zieleinfahrt, mittlerweile ist der geläuterte Millar einer der lautesten Prediger gegen Doping. Auf der Pressekonferenz feierten Millar und Wiggins an diesem Tag – der auch der Todestag von Tom Simpson war, dem Briten, der sich vor 50 Jahren während der Tour aufgepumpt mit Amphetamin zu Tode fuhr – gemeinsam den Wandel des Radsports. Einen Tag später gab Fränk Schleck eine positive Urinprobe ab.

So gut wie in diesem Sommer lief es nicht immer für Wiggins. Nach seinem Olympiagold auf der Bahn in Athen 2004 verlor er den Halt und fing an zu trinken, sagt er selbst. Er bezeichnet sich als ehemaligen Alkoholiker. Erst die Geburt seines Sohnes habe ihn wieder zurück in die Spur gebracht, 2008 in Peking gewann er noch einmal olympisches Gold.

Danach entschied sich der Brite für mehr Geld und stieg komplett auf den Straßenradsport um. Über seine ersten Jahre im Team Cofidis spricht er nicht viel, schildert aber gern, wie er sein Trikot bei seinem ersten Tourstart 2007 in einen Mülleimer am Flughafen warf, nachdem sein Team nach dem Dopingfall Moreni die Tour vorzeitig verließ.

"Cofidis war für ihn die falsche Mannschaft", sagt Brian Holm, damals sportlicher Leiter des Teams HTC , zu dem Wiggins dann wechselte. "In der Zeit bei uns hat er wahrscheinlich sechs Kilogramm abgenommen", sagt Holm. Ein Jahr fuhr Wiggins unter Holm und dem Deutschen Rolf Aldag beim HTC-Rennstall, bevor er zum amerikanischen Garmin-Team wechselte, das sich als Vorzeigeteam im Anti-Doping-Kampf präsentierte.

Leserkommentare
  1. ich erinnere mich noch, wie vehement rolf aldag das doping verteufelt hat und wie offensiv er für einen sauberen sport eingetreten ist. bis er eines tages kleinlaut zugegeben hat, es genauso wie alle anderen gemacht zu haben.

    radsport ohne doping ist wie angeln ohne haken.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    "radsport ohne doping ist wie angeln ohne haken."

    ES NERVT!!! Sie lassen sich einlullen und glauben an sauberen Fußball, gell? Nur der Radsport hat ein Problem. Ja, ne, is klar. Wird ja auch allenthalben von den Medien gerne wiedergekäut, denn es verkauft sich gut.

    Ich wage mal folgende These und Sie können sich Ihren eigenen Reim darauf machen. Der Radsport von heute ist sauberer als der vor ein paar Jahren und wahrscheinlich sogar sauberer als so manch anderer Sport, namentlich auch gerne Fußball genannt. Warum? Erstens wird der Radsport viel penibler und härter kontrolliert, als so manch andere Sportarten (Fußball hat Dopingkontrollen von Vorvorgestern). Radsportler werden sprichwörtlich auf Schritt und Tritt verfolgt und gerne auch mal während eines laufenden Wettbewerbs mitten in der Nacht zu Kontrolle gebeten. Das sieht man beim Fußball vergeblich. Es gibt Profifußballer, die werden gerade mal 2x pro Jahr kontrolliert. Lächerlich, bei den Summen, die dort im Spiel sind.

    Die Leistungsschwankungen im Radsport von heute sind viel größer als noch vor ein paar Jahren, wo ein paar wenige die Tour dominierten und der Rest hinterherfuhr. Heute haben sie wechselnde Tour-Sieger, was dafür spricht, dass das Kontrollnetz viel dichter ist als noch vor Jahren. Sprich, es dopt sich im Radsport einfach nicht mehr so leicht, da das Netz engmasichger geworden ist. Ist der Radsport jetzt sauber? Nein, aber andere Ssporten sind es ebenfalls nicht. Man hat sich angeglichen.

  2. "radsport ohne doping ist wie angeln ohne haken."

    ES NERVT!!! Sie lassen sich einlullen und glauben an sauberen Fußball, gell? Nur der Radsport hat ein Problem. Ja, ne, is klar. Wird ja auch allenthalben von den Medien gerne wiedergekäut, denn es verkauft sich gut.

    Ich wage mal folgende These und Sie können sich Ihren eigenen Reim darauf machen. Der Radsport von heute ist sauberer als der vor ein paar Jahren und wahrscheinlich sogar sauberer als so manch anderer Sport, namentlich auch gerne Fußball genannt. Warum? Erstens wird der Radsport viel penibler und härter kontrolliert, als so manch andere Sportarten (Fußball hat Dopingkontrollen von Vorvorgestern). Radsportler werden sprichwörtlich auf Schritt und Tritt verfolgt und gerne auch mal während eines laufenden Wettbewerbs mitten in der Nacht zu Kontrolle gebeten. Das sieht man beim Fußball vergeblich. Es gibt Profifußballer, die werden gerade mal 2x pro Jahr kontrolliert. Lächerlich, bei den Summen, die dort im Spiel sind.

    Die Leistungsschwankungen im Radsport von heute sind viel größer als noch vor ein paar Jahren, wo ein paar wenige die Tour dominierten und der Rest hinterherfuhr. Heute haben sie wechselnde Tour-Sieger, was dafür spricht, dass das Kontrollnetz viel dichter ist als noch vor Jahren. Sprich, es dopt sich im Radsport einfach nicht mehr so leicht, da das Netz engmasichger geworden ist. Ist der Radsport jetzt sauber? Nein, aber andere Ssporten sind es ebenfalls nicht. Man hat sich angeglichen.

    Antwort auf "sauberer sport"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    wie sie aus einer aussage ihre hanebüchenen schlüsse ziehen, ist in der tat bemerkenswert (wenn auch im ton etwas niveaulos). ich habe nichts von sauberem fussball gesagt. ich glaube - wie sie - überhaupt nicht an sauberen leistungssport (von curling vielleicht einmal abgesehen).

    "wo ein paar wenige die Tour dominierten und der Rest hinterherfuhr."
    "Vieles hat Bradley Wiggins unter Kontrolle. ..... Im Rennen kontrolliert er mit seinem Team das Tempo. Das reicht, um ausgerissene Kontrahenten einzuholen, oft auch zu überholen."

    Ne is klar, der Radsport ist heute viel sauberer, alles biodynamisch nachgewachsene Naturtalente.

  3. Ich habs aufgegeben mir sportliche Ereignisse im TV anzusehen, man muss leider davon ausgehen, dass JEDER ÜBERALL irgendwelche verbotenen order illegitimen Substanzen zur Leistungssteigerung nimmt.
    Den Beteuerungen des Fahrers und des Teams sind schlicht und ergreifend unglaubwürdig.

    Auf einer anderen Ebene wirft das auch einen etwas seltsamen Schatten auf andere Bereiche der Wirtschaft, geht man mal davon aus, der professionelle Radsport funktioniert nach den selben Regeln wie andere Bereiche auch: Jeder beteuert, nach den Regeln zu spielen, im Hintergrund aber, da wo keiner hinschaut, oder nicht hingeschaut werden kann wird ohne Rücksicht auf Verluste getan was für den unbedingten Erfolg getan werden muss.

  4. ...das in London Dopingvergehen bei Olympia ausgedeckt werden. Ich bin es so leid immer nur im Zusammenhang mit dem Radsport davon zu hören. Mal sehen ob bei Olympia auch immer zuerst der Dopingreport gebracht wird und dann auf das Tagesgeschehen eingegangen wird. Genügend EX-Sünder sind ja am Start, vor allem wenn es dann auf die 100m und 200m geht. Und ich hoffe auch die ganzen Ex-Olypiasieger wie Ben Johnson, Marion Jones und wie sie alle hießen werden hinter dem Ofen vor geholt, so wie jedes Jahr Lance Armstrong durchs Mediendorf getrieben wird wenn mal wieder Tour de France ist.

    Man was geht mir das auf den Sack, ich kann Wiggins da vollstens verstehen.

    Natürlich hat der Radsport auch ein Problem mit Doping, das ist keine Frage, aber zum einen ist der Radsport damit nicht alleine. Und zweitens, wer sich diese Tour anschaut und vergleicht mit den Touren wo Armstrong mitfuhr oder Contador und Rassmussen und dabei keinen Unterschied erkennt, der ist blind....

    So genug geärgert...

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Radsport ist es eben besonders extrem, denn diese
    verlangten Leistungen sind ohne Dopingmittel gar nicht
    zu erbringen- das würde kein Mensch schaffen oder er wäre
    eben nicht konkurrenzfähig. Ergo sollte man das Verbot aufheben und alle dopen lassen- denn die Aufdeckung wird
    immer hinterherhinken.

    • footek
    • 19. Juli 2012 15:50 Uhr

    Schon hingeschaut!
    Team Sky fährt wie US Postal früher alles in Grund und Boden, einen großen Unterschied sehe ich da nicht. Wiggins hat bis 2011 keine nennenswerte Platzierung bei den großen Rennen, er war nicht mal in den top Ten, sondern meilenweit davon entfernt. Der Kerl ist 32 und plötzlich gewinnt er die Tour?! ja ne is klar, weil er hart trainiert und 6 kg abgenommen hat. Für wie blöd hält Team Sky die Leute eigentlich?

  5. wie sie aus einer aussage ihre hanebüchenen schlüsse ziehen, ist in der tat bemerkenswert (wenn auch im ton etwas niveaulos). ich habe nichts von sauberem fussball gesagt. ich glaube - wie sie - überhaupt nicht an sauberen leistungssport (von curling vielleicht einmal abgesehen).

  6. Dann scheinen Sie sich ja bestens mit Sport auszukennen. Es ist normal, dass Sportler Leistungsschwankungen haben. Wer die Saison oder die Karriere von Profi-Sportlern verfolgt, wird feststellen, wie sie im Laufe einer Saison und auch einer Karriere Hochs und Tiefs haben. Fehlen die Tiefs, kann man davon ausgehen, jemand hilft mit unsauberen Mitteln nach. Nur, um mal ein Baispiel zu nennen. Jens Voigt ist so ein Fall, der innerhalb einer Tour de France erhebliche Leistungsschwankungen hat. Weil man eben nicht jeden Tag 100% leisten kann. Auf starke Tage folgen schwache Tage (Regeneration) und dann wieder starke Tage. Heißt nicht, dass Jens Voigt über jeden Verdacht erhaben ist, aber es spricht viel dafür, dass er sauber(er) als andere ist.

    Ich glaube, es gibt saubere Sportler in allen Disziplinen. Es gilt übrigens immer noch der Satz, aus einem lahmen Gaul kann man kein Rennpferd machen. Doping hilft höchstens, das fehlende 1% zu leisten, was aus einem Topp-Athleten Spitzenathleten macht. Ein Usain Bolt ist ein perfekter Sprinter, ein Michael Phepls ein perfekter Schwimmer. Ob sie gedopt sind oder nicht, sie sind besser als die meisten von ihnen, weil ihre Körper eben die idealen Körper für ihre jeweilige Disziplin sind. Und sie trainieren härter als alle anderen. Vielleicht sind sie nicht sauber, aber bewiesen ist nichts. Da hilft auch Ihr und mein Glaube wenig. Im Zweifel für den Angeklagten gilt auch im Sport. Pauschalaussagen verbieten sich also.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ...ob der Körper von Phelps auch ohne oder gerade mit Präperaten sich so entwickelt hat wie er ist.

    Trainieren müssen die freilich alle und gut sein sowieso. Und bei manchem hilft dopen wenig, beim anderen mehr. Fakt ist, dass bei dem, bei dem es mehr hilft, die Sache erst recht Betrug ist.

    Wenn Sie mal die Wirkung von Doping gesehen hätten(Leisung vorher, nacher), dann würden Sie diesen 1%-Quatsch nicht mehr glauben.

    "Talente" kommen heutzutage meistens aus Ländern in denen Dopingkontollen nicht/kaum stattfinden (z.B. Usain Bolt).

  7. Erst seit 2010 stellten sich bei Sky kleinere Siege ein und erst seit letztem Jahr spielen sie wirklich oben mit. 2012 dominieren sie. Wiggins wird nicht der erste britische Tour-Sieger sein. Vielleicht noch in einer Woche, aber in 10 Jahren ganz sicher nicht mehr.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    der sicherste Hinweis, den man bekommen kann, sind plötzliche Leistungssteigerungen von Sportlern in den Mitt-20ern. In diesem Alter zündet ein Profi einfach nicht mehr den Turbo, wenn er nicht nachhilft.

    Wenn ich mir die Ergebnisse Wiggins und Froome ansehe, weiß ich Bescheid. Bin sicher, der positive Befund folgt in den nächsten Jahren.

  8. ...Windhauch? Als Radsportler hätte er auf diese Fragen doch vorbereitet sein müssen. Wie realitätsfern kann man denn radeln, wenn Hinz und Kunz bereits positiv getestet wurden in der Vergangenheit...und gerade auch die Toursieger in schönster Reihe? Die übertrieben wutschneubende Reaktion deutet eher an, dass er bis oben hin vollgepumpt ist mit Mitteln und daran nicht glauben will.

    Radsportler müssen eben nicht nur gut radeln können, sie müssen auch Spitzenleistungen in Verdrängungskunst abgeben.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    war auch meine Reaktion als ich seine Reaktion auf die Anspielung mit US Postal gesehen habe. Wie kann man es als Radsportler den Zuschauern und Journalisten verdenken wenn Sie nach Doping fragen bzw. skeptisch sind. Was wurde in den letzten Jahren nicht alles an Lügen und Statements aufgetischt. Und warum sollte es ausgerechnet Wiggins anders machen ? Bin ein grosser Radsportfreund doch einem Fahrer oder Teammanager glaube ich in Punkto Doping nichts mehr. Egal ob er brüllt oder weint.

    Und überhaupt ? Wie weit ist der Radsport gesunken wenn nun Engländer, finanziert von Rupert Murdoch die Tour gewinnen.

    Fast so schlimm wie die Eurokrise :-)

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service