Der Radrennprofi Bradley Wiggins © Joel Saget/AFP/Getty Images

Vieles hat Bradley Wiggins unter Kontrolle. Jeden Morgen steigt er als Letzter aus dem Teambus. Im Tunnelblick rollt er zur Startlinie, seine Helfer blocken ihm den Weg frei. Im Rennen kontrolliert er mit seinem Team das Tempo. Das reicht, um ausgerissene Kontrahenten einzuholen, oft auch zu überholen. Als auf der 14. Etappe vor ein paar Tagen zahlreiche Fahrer von einer Reißnägelattacke gebremst wurden, war er es, der dem Feld diktierte, langsamer zu fahren.

Abseits der Strecke, vor einer Woche, verlor Wiggins die Kontrolle. Die erste Dopingfrage und der Führende dieser Tour de France, der sie als erster Brite überhaupt auch gewinnen wird, wenn nichts Dramatisches mehr geschieht, empörte sich. Er schimpfte, nicht jugendfrei , und verließ das Pressemobil. Dabei war die Frage harmlos: Was er von der Bezeichnung UK-Postal halte? Ein Wortspiel mit dem ehemaligen und dopingbelasteten Rennstall Lance Armstrongs, US-Postal, der das Peloton früher mit einer ähnlichen Fahrweise dominierte. "Solche versteckten Anspielungen verärgern mich", sagte Wiggins.

Bis dahin verwöhnten ihn die Fragesteller der Tour de France vorwiegend mit Sportlichem. Seit dem frühen EM-Aus der englischen Fußball-Nationalmannschaft und der Finalniederlage von Andy Murray in Wimbledon schwärmt die britische Presse beinahe uneingeschränkt von Wiggins und löste in Großbritannien einen kleinen Radsport-Boom aus. Das Team Sky , von Murdochs Pay-TV Sender großzügig finanziert, ist der Cliffhanger für die Olympischen Spiele im eigenen Land. Und der Kapitän Bradley Wiggins ist der Hauptdarsteller.

Fünf Tage nach seinen Beleidigungen auf der Pressekonferenz konnte sich Wiggins im Guardian ausführlich rechtfertigen. Er verfasste ein emotionales Statement : "Ich würde niemals dopen. Dann würde ich alles verlieren. Meine Ehe, meine Familie, mein Haus, meine Titel." Er blickte auf seine eigene Historie und beschrieb die Veränderungen im Radsport. "Ich werde nicht mehr länger von Leuten geschlagen, die später positiv sind.“

Am Tage der Veröffentlichung gewann ausgerechnet David Millar die Etappe, der erste Sieg für den geständigen Doper. "Vergesst nicht, dass ich Ex-Doper bin" , rief er nach der Zieleinfahrt, mittlerweile ist der geläuterte Millar einer der lautesten Prediger gegen Doping. Auf der Pressekonferenz feierten Millar und Wiggins an diesem Tag – der auch der Todestag von Tom Simpson war, dem Briten, der sich vor 50 Jahren während der Tour aufgepumpt mit Amphetamin zu Tode fuhr – gemeinsam den Wandel des Radsports. Einen Tag später gab Fränk Schleck eine positive Urinprobe ab.

So gut wie in diesem Sommer lief es nicht immer für Wiggins. Nach seinem Olympiagold auf der Bahn in Athen 2004 verlor er den Halt und fing an zu trinken, sagt er selbst. Er bezeichnet sich als ehemaligen Alkoholiker. Erst die Geburt seines Sohnes habe ihn wieder zurück in die Spur gebracht, 2008 in Peking gewann er noch einmal olympisches Gold.

Danach entschied sich der Brite für mehr Geld und stieg komplett auf den Straßenradsport um. Über seine ersten Jahre im Team Cofidis spricht er nicht viel, schildert aber gern, wie er sein Trikot bei seinem ersten Tourstart 2007 in einen Mülleimer am Flughafen warf, nachdem sein Team nach dem Dopingfall Moreni die Tour vorzeitig verließ.

"Cofidis war für ihn die falsche Mannschaft", sagt Brian Holm, damals sportlicher Leiter des Teams HTC , zu dem Wiggins dann wechselte. "In der Zeit bei uns hat er wahrscheinlich sechs Kilogramm abgenommen", sagt Holm. Ein Jahr fuhr Wiggins unter Holm und dem Deutschen Rolf Aldag beim HTC-Rennstall, bevor er zum amerikanischen Garmin-Team wechselte, das sich als Vorzeigeteam im Anti-Doping-Kampf präsentierte.