Fett wie ein TurnschuhGlauben Sie, ich heiße Messi?

Noch nie war unser Fitnesskolumnist Tuvia Tenenbom in einem Fußballstadion. Bis vor seiner Haustür Brasilien gegen Argentinien spielte. Es war ein Erweckungserlebnis. von Tuvia Tenenbom

"Fett wie ein Turnschuh": unser Fitnesskolumnist Tuvia Tenenbom

"Fett wie ein Turnschuh": unser Fitnesskolumnist Tuvia Tenenbom  |  © Tuvia Tenenbom

Während ihr Europäer auf der anderen Seite des Atlantiks angesichts der Fußball-EM durchgedreht seid und einen Großteil eurer Gedanken auf Fernseher und riesige Leinwände bei Public Viewings verwendet habt, muss sich Amerika mit einer viel zahmeren Show begnügen: Obama gegen Romney .

Haben Sie Mitleid mit uns?
Bitte nicht!

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Warum? Lassen Sie mich eine kleine Geschichte erzählen, die mir vor ein paar Wochen passiert ist. Ich hatte sie nur für mich aufgeschrieben, aber jetzt will ich sie mit Ihnen teilen:

Wenn man heutzutage die Grenze von New York nach New Jersey überquert, kann man einige der weltbesten Fußballer in Fleisch und Blut erleben: Brasilien gegen Argentinien . Sie spielen nicht um die Weltmeisterschaft oder einen anderen schicken Titel. Hier geht es, erklärt man mir immer wieder, um ein "Freundschaftsspiel". In aller Bescheidenheit hat man es als "Kampf der Titanen" angekündigt.

Tuvia Tenenbom
Tuvia Tenenbom

ist Autor, Essayist und Dramatiker. Er ist Artistic Director des Jewish Theater in New York und Autor des Buches Allein unter Deutschen: Eine Entdeckungsreise. Für ZEIT ONLINE schreibt er seit Dezember 2011 die Fitnesskolumne "Fett wie ein Turnschuh".

Das Spiel findet im riesigen MetLife Stadium statt, und ich will dabei sein. Ich war noch nie in einem Fußballstadion, und jetzt ist die Zeit reif.

"Keine Chance!", sagen mir die Leute. "Komplett ausverkauft."

Aber ich glaube nicht an die beiden Worte "komplett ausverkauft". Ich weiß: Die Zeit ist aller Kartenlosen Heilung, denn Fortuna wartet nur auf diese verlorenen Seelen. Wird meine Zeit reichen?

Als ich vor den Stadiontoren ankomme, hat das Spiel bereits begonnen. "Da drinnen sind 81.994 Zuschauer", sagt mir jemand. Meine schwierige Aufgabe ist es, diese Zahl auf 81.995 zu erhöhen. Ich bete zu Jesus, Mohammed, Moses und Nietzsche, und noch ehe ich mit der Beterei fertig bin, kommt eine mir völlig unbekannte Dame und gibt mir eine Karte. Sie hätte noch eine übrig, sagt sie, ich könne sie haben. Ich komme rein.

"Messi!", schreien die Massen. Wer ist Messi? Glauben sie, ich heiße Messi?
Sehr wahrscheinlich. Der bloßen Begeisterung um mich herum nach zu urteilen ist jetzt nicht der passende Augenblick, um diesen Fehler zu berichtigen. Und weil sie weiter nach "Messi" schreien, schreie ich zurück: Hier!

Ein solch herzliches Willkommen ist wirklich schön.

Das Spiel ist tatsächlich ebenfalls schön. Genau genommen ist es sogar überwältigend.

Ich kenne Fußballspiele aus dem Fernsehen, aber live ist es eine völlig andere Geschichte. Ich kann den Schweiß der Spieler förmlich riechen, ihren Herzschlag hören und ihren Stolz und ihre Angst empfinden. Seltsamerweise fühle ich mich in eine andere Zeit versetzt. In die ferne, ach so ferne Zukunft, lange nachdem bestimmte Zuckerbergs und Gates’ von uns gegangen sind.

Es gab mal eine Zeit, etwa um das Jahr Facebook herum, als jede lebende Seele Tausende von virtuellen Freunden hatte, aber fast keine realen aus Fleisch und Blut. Ich frage mich, was sie empfinden würden, wenn sie hier wären und mit Zehntausenden echter Menschen ein Livespiel sehen würden. Es ist eine wundervolle Erfahrung, glauben Sie mir. Das ist kein Fernsehen. Nicht ein einziger der Menschen hier ist virtuell. Nichts ist aufgezeichnet, und jede Sekunde birgt möglicherweise die größte Überraschung.

Es ist menschlich, im Guten wie im Schlechten.

Leserkommentare
  1. Dieser Tenenbom ist grossartig, er schafft es immer wieder mich zum Schmunzeln oder zum laut Lachen zu bringen. Bitte mehr davon. Würde auch gerne Tenenboms Artikel zur Politik lesen.

    2 Leserempfehlungen
  2. Doppelposting

    • Genet
    • 10. Juli 2012 0:53 Uhr

    Ein toller Schluss, so etwas liest man gerne! Besonders das Wiederauftauchen des Fortuna-Satzes im neuen Kontext hat es mir angetan.
    Und die großartige Arbeit des Übersetzers in Ehren, gerade der Schlusssatz ist sicherlich meisterhaft übersetzt worden, aber ist es auch möglich den Text im Original zu lesen?

    Eine Leserempfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Großartige Texte und es wäre nett, auch die englische Version zum lesen zu bekommen, oder einen Link dorthin. Danke!

  3. Großartige Texte und es wäre nett, auch die englische Version zum lesen zu bekommen, oder einen Link dorthin. Danke!

    Antwort auf "Sehr gelungen"
    • eeee
    • 10. Juli 2012 12:29 Uhr

    Darf ich Ihnen das Wort "mitteilen" mitteilen?

    • eeee
    • 10. Juli 2012 12:42 Uhr

    oder warum kann er kein Deutsch?
    "nicht nur drüber lesen", "mein eigenes Team erschaffen", "Du brauchst deine Beine"

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