EM-FazitEs bleibt ein schönes Irgendwas

Das Sommer-Spektakel Fußball-EM ist beendet. Was bleibt? Millioneneinnahmen für die Uefa und etwas Unbezahlbares für viele Polen und Ukrainer. von 

Ein junger, ukrainischer Fußballfan

Ein junger ukrainischer Fußballfan  |  © Scott Heavey/Getty Images

Da ist Viktor, geripptes Muskelshirt, spiegeleigroße Sonnenbrillengläser, kein Interesse. So läuft er am ersten EM-Tag an der Fanmeile in Kiew vorbei. Links baut der Fanartikelverkäufer seinen Stand auf, rechts bemalen sich Jungs die Wange mit den Farben ihres Landes. Viktor sagt: Nee, er und die anderen Schwulen in Kiew interessieren sich nicht für 22 Männer, die einem Ball hinterherlaufen.

Viktor fällt auf. Viktor passt nicht ins Bild, nicht in das der Ukraine , in der Schwule sich nur in Teilen Kiews ungehemmt bewegen können , nicht in das EM-Bild der Uefa, für die jeder Mensch der Gastgeberländer ein Fußballfan ist. Viktor ist nicht repräsentativ. Aber was Viktor sagt, wird interessant, wenn man ihn am Ende der EM wieder trifft.

Anzeige

Michel Platini spricht zum Abschluss dieser Europameisterschaft in vielen Superlativen. In Deutschland, England , China , in den USA und vielen weiteren Teilen der Erde haben wegen der EM so viele Menschen den Fernseher eingeschaltet wie niemals zuvor. In den EM-Stadien saßen fast 1,4 Millionen Menschen. Ja, das Fußballspektakel des Sommers war gigantisch. Den Präsidenten der Uefa freut das. Als er sein Turnierfazit zieht, wiederholt er deshalb ein Wort 18 Mal: Stolz. Platini ist stolz auf die Uefa, stolz auf Polen und stolz auf die Ukraine.

Ohne Pannen, ohne Chaos

Einem Fußballfunktionär beizupflichten, fällt nicht leicht. Aber selbst wenn man die Debatten um die Weltregie mit ihren manipulierten Fernsehbildern und das geklaute Tor von Donezk bedenkt: Es fehlen gute Argumente, um Platini zu widersprechen.

Diese EM verlief ohne große Proteste, ohne Pannen, ohne Chaos. Das ist umso beachtlicher, weil vor allem westliche Medien das Gegenteil vorhergesagt hatten. Noch vor wenigen Monaten diskutierten einige ernsthaft, ob statt in der Ukraine lieber in Berlin oder Leipzig gespielt werden soll .

Davon hatte auch Viktor gehört. Und auch von den anderen Geschichten, die über seine Heimat erzählt wurden. "Klar", sagt er zu Beginn des Turniers, "hier in Kiew gibt es nichts außer abgeschlachtete Straßenhunde , utopische Hotelpreise , ausufernden Sextourismus , einen Streit zwischen Timoschenko - und Janukowitsch-Anhängern und marodierende Gruppen von Rassisten ." Dann nimmt er kurz seine Sonnenbrille ab, schiebt einen bösen Blick hinterher und verschwindet in einer Seitengasse.

Viel Geld

Die Skepsis gegenüber der Fußball-EM war groß, nicht nur im Ausland. Auch in Polen und der Ukraine haben viele Menschen nicht verstanden, wozu es gut sein soll, etwa 30 Milliarden Euro wegen eines gut drei Wochen andauernden Fußballzirkus zu investieren. Für das Geld sind Autobahnen, Schnellzüge, Stadtbusse, Flughäfen und Hotels entstanden. Dinge, die die Menschen gebrauchen können. Es sind aber auch Hotels (wie etwa in Charkiw) oder Stadien (wie etwa in Lemberg ) gebaut worden, die nach der EM viel an Instandhaltung kosten und wenig gebraucht werden. Einige Millionen Euro Korruptionsgeld sollen auch versickert sein.

Was bleibt sonst? Zunächst einmal viel Geld, auf der Einnahmeseite. Der Organisator der Unterhaltungsveranstaltung verdient am meisten. 30 bis 40 Millionen Euro hat jeder der zehn Hauptsponsoren an die Uefa gezahlt, dazu kommt das Geld vieler anderer Sponsoren und die Erlöse aus dem Kartenverkauf.

Leserkommentare
    • TDU
    • 02. Juli 2012 16:53 Uhr

    Der Umbau des Stadions in Kiew hat mehr gekostet als der Neubau des Münchner Olympiastadions und Platini spricht davon es habe sich gezeigt, dass ein Land die EM nicht finanzieren kann. Korruption als Maßstab für weitere Planungen.

    Ausser Spielen nichts gesehen, aber es schien so, als wäre die Bevölkerung zufrieden. Der Artkel beschreibt es ja auch. Und das ist die Hauptsache. Alle 4 Jahre ein Fest feieren ist gut.

    Eine Leserempfehlung
    • K-Mart
    • 02. Juli 2012 16:58 Uhr

    so bestätigen, als zu Beginn der EM in Krakau verweilte.
    Wie gastfreundlich für empfangen wurden und gemeinsam
    mit Fans vieler Nationen feierten war großartig!

  1. Im Artikel werden 30 Milliarden Euro Budget für die EM genannt, sowie:
    "Einige Millionen Euro Korruptionsgeld sollen auch versickert sein."

    Transparency International:
    Polen: Rang 41 Score 5.5
    Ukraine: Rang 152 (von 183) Score 2.3

    Einige Millionen ist gut. 20 Milliarden € in Korruption versackt, dürfte der Realität wohl näher kommen.

    Bezahlen tun das die Endverbraucher, über Marken-Konsumartikel, für die Hersteller und Medien dann die Lizenz für Sponsoring-Bapperl und TV-Verträge teuer einkaufen, und das natürlich an den Kunden weitergeben.

    Brot und Spiele.

    Nein, ich will die zweifelsfrei tolle Atmosphäre solcher Events jetzt nicht madig machen oder kaputtschreiben. Man sollte allerdings das harte Business hinter all diesen Dingen nicht komplett ausblenden... oder?

    Passend dazu: kürzlich ist die Tour de Pharma 2012 gestartet ...

    Eine Leserempfehlung
  2. ..es gab spannende Spiele und soweit erkennbar eine großartige Stimmung und wenig Krawalle. Besonders das Endspiel war ein Sahnestück.

    Gut aber, dass die Berichterstattung in ARD/ZDF vorbei ist.
    Manchmal unerträglich. Manchmal hatte man das Gefühl, der Reporter sieht ein anderes Spiel.

    Noch schlimmer war es nach den Spielen. Was ZDF mit seiner "Show" von der Ostsee mit Olli Kahn bot, war unterirdisch, aber schlimmer noch ging es bei "Waldi" in der ARD zu.

    Einziger Lichtblick nach den Spielen war "Lanz" im ZDF.

    Und seit heute muss ich mir nicht mehr das EU-Jingle anhören und die ewige Schleichwerbung.

    • Raig
    • 02. Juli 2012 18:33 Uhr

    Keine Überraschung, keine Spitzenleistung, keine Charaktere und überall Muddis und Daddys die mal gucken wollen...

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Keine Überraschungen? Polen, Russland, Holland!
    Keine Spitzenleistung? Portugal - Spanien! Italien - England!
    Keine Charaktere? Mario Balotelli!
    ...
    gegen "muddis und daddys" kann ich nichts sagen... aber finde nicht dass die wirklich stören...

  3. must be funny in a rich man's world ,-)))

    wenn man mal gaaanz ehrlich ist: geht's noch um etwas anderes???

    italien und spanien haben neben dem faktor money im finale auch noch den faktor herzen erfreut... die jogi-truppe hat zwar ansatzweise ausreichende ergebnisse produziert, aber leider zu keinem zeitpunkt die herzen erreicht.

    auf ein neues (scheitern) in brasilien 2014, wenn nicht endlich auch mal klartext geredet werden darf (da gibt's aktuell aus meiner sicht eine tabu-zone um jogi und seine jungs - schade!!!)

  4. Keine Überraschungen? Polen, Russland, Holland!
    Keine Spitzenleistung? Portugal - Spanien! Italien - England!
    Keine Charaktere? Mario Balotelli!
    ...
    gegen "muddis und daddys" kann ich nichts sagen... aber finde nicht dass die wirklich stören...

  5. durchaus Recht. Die unsachlichen, von ihm aufgegriffenen Kritiken waren völlig überzogen und gehen an der Sache vorbei.

    Sportlich entscheidend sind aber die Punkte, zu denen er nichts geagt hat. Wie steht Löw insbesondere dazu, dass er gegen Italien offensichtlich falsch aufgestellt hat (Kroos als Sonderbewacher für einen defensiven Mittelfeldspieler rein, dafür die rechte Seite entblößen, das Zentrum dafür überfrachten Scheinsteiger nicht fit etc.)? Hierzu hätte mich seine Auffassung interessiert.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Michel Platini | Chaos | Europameisterschaft | Fußball-EM | Geld | Polen
Service