London 2012"Medaillenfarben festlegen hat nicht mal mehr etwas mit Planwirtschaft zu tun"

Dagmar Freitag, die Vorsitzende des Bundestagssportausschusses, spricht im Interview mit dem Tagesspiegel über Zielvereinbarungen und Reformen für die Olympische Spiele.

Vorsitzende des Bundestagssportausschusses Dagmar Freitag

Vorsitzende des Bundestagssportausschusses Dagmar Freitag  |  © Soeren Stache/dpa

Frage: Frau Freitag, die Zielvorgaben für die olympischen Sportverbände haben viel Aufregung verursacht. Wussten Sie im Sportausschuss, welcher Verband in London wie viele Medaillen gewinnen sollte?

Dagmar Freitag:
 Das Parlament hat erst zeitgleich mit der Öffentlichkeit ein Papier vom Bundesinnenministerium bekommen – allerdings nur eine schlichte Zusammenstellung auf einer Seite, nicht die Vereinbarung im Original. Aus dieser Seite geht nur hervor, wie viele Goldmedaillen mit den Verbänden fixiert wurden, über sonstige Inhalte, Silber-, Bronze- oder Finalplatzierungen, ist nichts bekannt. Man hat sich offenbar beim Bundesinnenministerium und beim Deutschen Olympischen Sportbund entschlossen, die kleinstmögliche Information herauszugeben. Das hat mit Transparenz nicht viel zu tun.

Frage: Wie werden Sie darauf reagieren?

Dagmar Freitag: Ich habe dieses Vorgehen schon mehrfach kritisiert und bin sicher, dass wir in der nächsten Sitzung des Sportausschusses am 26. September noch einmal intensiv darüber diskutieren werden. Da werden Zielvereinbarungen sowie die erreichten Leistungen eine Rolle spielen, denn die Diskrepanz ist nun einmal erheblich.

Frage:  Weil die Leistungen zu schlecht waren oder die Zielvorgaben zu hoch?

Dagmar Freitag: Ich sehe das Ergebnis unseres Olympiateams durchaus positiv. Erstens spielen wir im Konzert der erfolgreichen Nationen mit. Zweitens muss man sehen, dass China und die Vereinigten Staaten eine ganz andere Bevölkerungszahl haben. Drittens verschreiben wir uns einem sauberen Sport, und man verliert eben auch mal gegen Sportler aus Ländern, in denen Dopingbekämpfung eine eher untergeordnete Rolle spielt. Ich hätte unseren Athletinnen und Athleten diese Diskussion um das Abschneiden gerne erspart. Das hat die Mannschaft nicht verdient.

Frage: Die Zielvereinbarung war dennoch das Thema in der Bilanz des DOSB, des Deutschen Olympischen Sportbunds.

Dagmar Freitag: Die Ursache ist eindeutig in dieser seltsamen Informationspolitik von DOSB und Bundesinnenministerium zu suchen. Das Grundproblem liegt für mich aber in den Zielvereinbarungen selbst.

Frage: Setzt eine Zielvorgabe Sportler nur unnötig unter Druck?

Dagmar Freitag: Es ist sehr sinnvoll, sich Ziele zu setzen, das macht man im Beruf und im Privaten, im Spitzensport erst recht. Aber zu meinen, man könne vier Jahre im Voraus festlegen, in welchen Sportarten welche Medaillenfarben erreicht werden sollen, das hat nicht mal mehr etwas mit Planwirtschaft zu tun. Das ist Unsinn und vielleicht auch ein wenig überheblich.

Frage: Was muss sich ändern?

Dagmar Freitag: Ich wünsche mir, dass auch mal andere Stimmen einbezogen werden als diejenigen, die diese Zielvereinbarungen erarbeitet haben; dass anerkannte Fachleute wie der Kölner Professor Jochen Mester mit seinem Team, Professor Eike Emrich oder Arne Güllich an der Diskussion über eine Reform der Spitzensportförderung beteiligt würden. Wenn das Ergebnis wieder nur in einem geschlossenen Kokon diskutiert wird, werden wir keinen echten Schritt nach vorn kommen.

Frage: Die Zielvereinbarung als Fördervereinbarung zu lesen, wie der DOSB es vorgeschlagen hat, reicht Ihnen also nicht?

Dagmar Freitag: Diese semantische Übung war der fast verzweifelte Versuch, die Deutungshoheit über dieses Desaster zu behalten. Es grenzt schon an Legendenbildung, jetzt so zu tun, als ob es feste Vereinbarungen nie gegeben habe und es sich allein um ein Formulierungsproblem handeln würde. Wir brauchen stattdessen eine sportwissenschaftliche und gesellschaftliche Diskussion darüber, wie man einen erfolgreichen und verantwortbaren Spitzensport organisieren kann.

Leserkommentare
    • joG
    • 19. August 2012 14:15 Uhr

    ....wie Sport aus den Steuergeldern abgeschöpft wird, während sich 600.000 Menschen an MRSA anstecken und bis zu 30.000 davon sterben, weil nicht genug Geld für Hygiene da ist.

    2 Leserempfehlungen
  1. Wovon reden die da?
    Beim Raten bin ich unentschlossen zwischen:
    1) Vorgaben für die Teilnahme an Olympia (bestimmte Leistungen).
    2) Man hat versucht im Vorfeld festzulegen, wie viele Medaillien man gewinnen möchte.

  2. 2 Leserempfehlungen
  3. ..die Grundsatzdiskussion sollte bei den Gremien dort ansetzen ,wie die Breite des Sports der Bevölkerung so nahe gebracht wird,dass hinter einer Medallie schon einiges an individuellem Angagement des Sportlers steht!
    im Klartext:
    Nicht die Medienwirksamen Sportarten sind es "Wert" gefördert zu werden,sondern Randsportarten wie Kanu, Teakwondo,Judo,Turnen u.s.w.
    Skandalös sind für mich solche "Sportler" wie der Us-Amerikaner Rupp und die Us-Damenstaffel 4x100mtr. !
    nie und nimmer sind diese Leistungen ohne Manipulationen möglich!
    in Kürze wird diesen "sportlern" nachweisbar Dopingvergehen zur Last gelegt.
    Das IOC wäre sehr gut beraten,im Sinne des fairen Wettkampfes,die Dopingvergehen Stringent zu ahnden.

  4. 6. [...]

    Entfernt. Bitte belegen Sie Ihre Behauptungen mit entsprechenden Quellen und Argumenten. Danke. Die Redaktion/kvk

  5. ..die Grundsatzdiskussion sollte bei den Gremien dort ansetzen ,wie die Breite des Sports der Bevölkerung so nahe gebracht wird,dass hinter einer Medallie schon einiges an individuellem Angagement des Sportlers steht!
    im Klartext:
    Nicht die Medienwirksamen Sportarten sind es "Wert" gefördert zu werden,sondern Randsportarten wie Kanu, Teakwondo,Judo,Turnen u.s.w.
    Skandalös sind für mich solche "Sportler" wie der Us-Amerikaner Rupp und die Us-Damenstaffel 4x100mtr. !
    nie und nimmer sind diese Leistungen ohne Manipulationen möglich!
    in Kürze wird diesen "sportlern" nachweisbar Dopingvergehen zur Last gelegt.
    Das IOC wäre sehr gut beraten,im Sinne des fairen Wettkampfes,die Dopingvergehen Stringent zu ahnden.

  6. Solche Zielvereinbarungen sind im Grunde eine schon fast peinliche Leistungsschau nach dem Motto: Mein Haus, mein Auto, meine Leistungssportler, meine Medaillen

    Im Grunde unterscheidet sich diese Förderung dann aber nicht von Sponsoring-Verträgen privater Unternehmen.

    Dagegen mangelt es in Schulen, Sportvereinen und in der Trainerausbildung oft schon an der Grundausstattung. Ohne das enorme ehrenamtliche Engagement wäre es dort schon zappenduster.

    Wo bei den Leistungsorientierten Konzepten dann die Vermittlung von Sportsgeist, Fairness oder einfach von gemeinsam erlebtem Spass am sportlichen Wettkampf, herkommen soll, ist mir ein Rätsel.

    Schade, dass nicht gefragt wurde, womit sich diese Spitzensportförderung eigendlich noch begründen läßt?

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