Vorsitzende des Bundestagssportausschusses Dagmar Freitag © Soeren Stache/dpa

Frage: Frau Freitag, die Zielvorgaben für die olympischen Sportverbände haben viel Aufregung verursacht. Wussten Sie im Sportausschuss, welcher Verband in London wie viele Medaillen gewinnen sollte?

Dagmar Freitag:
 Das Parlament hat erst zeitgleich mit der Öffentlichkeit ein Papier vom Bundesinnenministerium bekommen – allerdings nur eine schlichte Zusammenstellung auf einer Seite, nicht die Vereinbarung im Original. Aus dieser Seite geht nur hervor, wie viele Goldmedaillen mit den Verbänden fixiert wurden, über sonstige Inhalte, Silber-, Bronze- oder Finalplatzierungen, ist nichts bekannt. Man hat sich offenbar beim Bundesinnenministerium und beim Deutschen Olympischen Sportbund entschlossen, die kleinstmögliche Information herauszugeben. Das hat mit Transparenz nicht viel zu tun.

Frage: Wie werden Sie darauf reagieren?

Dagmar Freitag: Ich habe dieses Vorgehen schon mehrfach kritisiert und bin sicher, dass wir in der nächsten Sitzung des Sportausschusses am 26. September noch einmal intensiv darüber diskutieren werden. Da werden Zielvereinbarungen sowie die erreichten Leistungen eine Rolle spielen, denn die Diskrepanz ist nun einmal erheblich.

Frage:  Weil die Leistungen zu schlecht waren oder die Zielvorgaben zu hoch?

Dagmar Freitag: Ich sehe das Ergebnis unseres Olympiateams durchaus positiv. Erstens spielen wir im Konzert der erfolgreichen Nationen mit. Zweitens muss man sehen, dass China und die Vereinigten Staaten eine ganz andere Bevölkerungszahl haben. Drittens verschreiben wir uns einem sauberen Sport, und man verliert eben auch mal gegen Sportler aus Ländern, in denen Dopingbekämpfung eine eher untergeordnete Rolle spielt. Ich hätte unseren Athletinnen und Athleten diese Diskussion um das Abschneiden gerne erspart. Das hat die Mannschaft nicht verdient.

Frage: Die Zielvereinbarung war dennoch das Thema in der Bilanz des DOSB, des Deutschen Olympischen Sportbunds.

Dagmar Freitag: Die Ursache ist eindeutig in dieser seltsamen Informationspolitik von DOSB und Bundesinnenministerium zu suchen. Das Grundproblem liegt für mich aber in den Zielvereinbarungen selbst.

Frage: Setzt eine Zielvorgabe Sportler nur unnötig unter Druck?

Dagmar Freitag: Es ist sehr sinnvoll, sich Ziele zu setzen, das macht man im Beruf und im Privaten, im Spitzensport erst recht. Aber zu meinen, man könne vier Jahre im Voraus festlegen, in welchen Sportarten welche Medaillenfarben erreicht werden sollen, das hat nicht mal mehr etwas mit Planwirtschaft zu tun. Das ist Unsinn und vielleicht auch ein wenig überheblich.

Frage: Was muss sich ändern?

Dagmar Freitag: Ich wünsche mir, dass auch mal andere Stimmen einbezogen werden als diejenigen, die diese Zielvereinbarungen erarbeitet haben; dass anerkannte Fachleute wie der Kölner Professor Jochen Mester mit seinem Team, Professor Eike Emrich oder Arne Güllich an der Diskussion über eine Reform der Spitzensportförderung beteiligt würden. Wenn das Ergebnis wieder nur in einem geschlossenen Kokon diskutiert wird, werden wir keinen echten Schritt nach vorn kommen.

Frage: Die Zielvereinbarung als Fördervereinbarung zu lesen, wie der DOSB es vorgeschlagen hat, reicht Ihnen also nicht?

Dagmar Freitag: Diese semantische Übung war der fast verzweifelte Versuch, die Deutungshoheit über dieses Desaster zu behalten. Es grenzt schon an Legendenbildung, jetzt so zu tun, als ob es feste Vereinbarungen nie gegeben habe und es sich allein um ein Formulierungsproblem handeln würde. Wir brauchen stattdessen eine sportwissenschaftliche und gesellschaftliche Diskussion darüber, wie man einen erfolgreichen und verantwortbaren Spitzensport organisieren kann.