Noch eine Stunde nach diesem verrückten, unglaublichen, wilden, irrsinnigen, aberwitzigen und ergreifenden Beachvolleyballspiel sind alle vier Sportler komplett durch den Wind. Die Verlierer aus Brasilien heulen, dass es einem das Herz zerreißt. Die Gewinner aus Deutschland wissen überhaupt nicht, was sie sagen sollen.

Alle müssen sich nach diesem Spiel erst einmal sortieren, müssen schauen, ob oben noch oben ist und unten unten. Ganz so sicher kann man sich da nicht sein, weil Julius Brink und Jonas Reckermann die Beachvolleyball-Welt auf links gedreht haben. Als erstes europäisches Team gewinnen sie bei Olympischen Spielen die Goldmedaille. Man kann vor allem den Gegnern aus Brasilien ansehen, dass sie mit ihrer eigenen Rolle in dieser historischen Stunde hadern.

Alison Cerutti aus Brasilien, 203 Zentimeter groß, 110 Kilo schwer, Spitzname "Mammuth", will gar nicht mehr aufhören zu heulen. Sein Teamkollege Emanuel Rego erzählt gerade, was für ein toller Mensch und noch tollerer Sportler Alison doch sei. Und weil Emanuel in Rio de Janeiro lebt, einer Stadt, die sehr nahe am Wasser gebaut ist, fängt auch er an zu weinen. Emanuel Rego, der 39-Jährige, der schon jeden Strand der Welt als Sieger verließ, der Olympiasieger, der Weltmeister.

Die beiden weinen, was die Tränendrüsen hergeben, ein Helfer muss ihnen auf der Pressekonferenz eine Packung Taschentücher aufs Podium werfen. Die platzieren sie in der Mitte, es muss für beide reichen. "Sie sehen, das nimmt uns mit, weil wir gewinnen wollten", sagt Alison. Auch als der Pressemann ein Einsehen hat und die Fragerunde beendet, können es die Weltranglistenersten und Weltmeister nicht glauben. Gold für Deutschland im Beachvolleyball? Die Copacabana verliert gegen die Nordsee? Was kommt danach? Die Chinesen gewinnen im Rennrodeln?

Dann kommen Julius Brink und Jonas Reckermann ums Eck, gut gelaunt, aber völlig außerstande, diesen Abend einzuordnen. Reckermanns Statement zum Spiel ist Stückwerk: "Fantastisch, ein Drama, unglaublich, zu viele Emotionen." Brink sagt, man solle ihm doch bitte detaillierte Fragen stellen, weil es sonst zu lange dauere, er würde jetzt gerne feiern gehen.

Es folgt eine reichlich detaillierte Frage zu einem Glücksbringer. Es gab da so Gerüchte, Brink redete darüber zuvor im Fernsehen, weigerte sich aber, den Glücksbringer zu verraten, weil sein Oma zuschaue. So etwas macht natürlich neugierig.

Brink kichert, überlegt laut, ob er es jetzt wirklich sagen soll und fängt an zu erzählen. Sie hätten sich halt zwei Gummipuppen im Internet bestellt, für jeden eine, als eine Art Maskottchen. Den Puppen hätten sie dann ganz anständig ein Deutschland-Trikot übergezogen, wie man das eben so macht mit Gummipuppen. Blöderweise müssen die deutschen Beachvolleyballerinnen Wind von der Sache bekommen, sich in das Zimmer der Männer geschlichen und mit den Puppen Sachen angestellt haben, die man sich lieber nicht vorstellen sollte, sagt Brink.

Während die deutschen Journalisten sich auf die Schenkel klopfen, warten die englischsprachigen Kollegen nervös auf die Übersetzung. Der Übersetzerin treibt es die Schamesröte ins Gesicht. Sie erkundigt sich beim Leiter, ob sie das übersetzen müsse. Der nickt. Als sie um das Wort "rubber doll" nicht herumkommt, prusten Brink und Reckermann los.