Dressurreiten : Die Pferde mal so richtig tanzen lassen

Jeder Sport bekommt das Publikum, das er verdient: Beim Finale im Dressurreiten dominiert der Menschenschlag, den der Engländer "horsy" nennt. Von C. Siemes, London
Die Dressurreiter im Greenwich Park © Alex Livesey/Getty Images

Es wird ja jetzt, nach dem durchwachsenen Abschneiden der deutschen Olympiamannschaft, viel darüber diskutiert, was der Spitzensport der deutschen Leistungsgesellschaft noch wert ist. Einer, ein ehemaliger Olympionike zudem, wollte es vor diesen Spielen von London wissen und hat, so richtig Bayern-München-mäßig, einen Sack voll Geld in die Hand genommen und dem größten Konkurrenten einfach den Star weggekauft. Angeblich mehr als zehn Millionen Euro hat Paul Schockemöhle , Silbermedaillengewinner im Springreiten mit der Mannschaft 1976, für das Wundertier Totilas in die Niederlande überwiesen; das Dressurpferd sollte ein sicherer Olympiasieger sein. Doch dann kam alles anders. Erst hatte der Gaul seinen eigenen Kopf, vermisste offenbar die harte holländische Hand und muckte auf gegen die tierfreundlichen, 68er-mäßig verweichlichten Methoden in seiner neuen Heimat. Erst als man ihm zu Willen war und das stolze Haupt mittels der berüchtigten Rollkur niederzwang, wurden Ross und Reiter endlich miteinander warm. Doch dann erkrankte Letzterer, Matthias Rath, und so konnte es nix werden mit dem sicheren Gold.

Im Verlauf der Reiterspiele ging bereits der Dressur-Mannschaftstitel flöten, auf den die Deutschen seit Olympia 1964 ein Abonnement hatten. Beim letzten Wettbewerb, dem Grand Prix Freestyle, wurde nun am Donnerstag der Einzel-Olympiasieger ermittelt, seit fast 30 Jahren gab es da für Deutschland immer wenigstens Silber.

Laienhaft gesprochen, besteht die Aufgabe darin, die Pferde mal so richtig tanzen zu lassen. Aus den Lautsprechern (das Wort Boxen führt in diesem Fall zu unauflöslichen Missverständnissen) im Greenwich Park, vor der neoklassizistischen Postkartenkulisse von Queen's House und Royal Naval College, dröhnen gewagte Potpourris, wie man sie sonst nur aus dem Kaufhausaufzug oder von Eiskunstlaufwettbewerben kennt. Spitzenreiter der Zossenhitparade ist Phil Collins , das hat seine Musik wirklich verdient. Ansonsten verhalten sich die Paare so, wie es das Nationenklischee verlangt: Die USA setzen auf Hollywood (Musik aus Avatar), der Spanier tanzt mit seinem feurigen Schimmel naturgemäß Flamenco. Aber auch Black Eyed Peas und Samba werden aneinandergenagelt, außerdem gibt es jede Menge E-Musik: Ravel – oh nein, Entschuldigung, das ist ein Pferd! Aber echte Klassiker sind Tschaikowski, Grieg, Strauss und Erdmann/Heidecke.

Bitte wer? Die beiden sind offenbar Mozart-Beethoven für Vierbeiner, gleich drei Starter vertrauen auf ihre Originalkompositionen. Ihr Rezept: Ein paar Hits aller Art (Fade to Grey, Schwanensee) in den Sample-Quirl, eine Prise Sphärenklänge, ein gestrichener Teelöffel Elfengesang und eine Messerspitze synthetische Drama-Drums dazu – fertig.

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Kommentare

30 Kommentare Seite 1 von 6 Kommentieren

Sehr, sehr schöner Artikel!

Ich halte Reiten nicht mal für einen Sport. Beziehungsweise nicht für einen Sport, der olympiawürdig wäre. Autorennen gibt es ja auch nicht. Die Pferde machen doch 90% des Ergebnisses aus. Das erwähnte Kaufen von Pferden, führt das Ganze doch ad absurdum. Wenn das Ganze dann noch Züge von Tierquälerei annimmt..

Musik, Publikum und das Ganze drumherum. Der Artikel bringt es sehr schön auf den Punkt, ich weiß warum ich Wettkampfreiten nicht mag.

Berichterstattung Olympia

Ich empfinde die Berichterstattung über Olympia eine unglaubliche Frechheit. Könnten Sie nicht einmal einen Artikel darüber schreiben, wie angenehm es ist, dass wir nicht jeden Tag in hohle Fussballerköpfe schauen müssen?! Unsere Sportler und die vieler anderer Nationen sind so sympathisch, dass eine Freude ist, ihnen zuzusehen. Durch die negative Berichterstattung nehmen Sie jedem das Gefühl- dabei zu sein, ist alles. Wenn Sie Reiten nicht mögen, schauen sie weg. Ich möchte Sie einmal auf einen Pferd sehen...
Ich schäme mich für diese Berichterstattung...

"Wenn Sie Reiten nicht mögen, schauen sie weg."

"Wenn Sie Reiten nicht mögen, schauen sie weg."

Warum schauen Sie denn dann nicht auch weg, wo sie doch offensichtlich den Artikel nicht mögen?
Ganz ehrlich: Olympia-Süßholzgeraspel gibt es im Augenblick in sämtlichen Medien zuhauf, und wer drauf steht sich die Doping-Spiele schönreden zu lassen, dem wird es ein Leichtes sein, dies auch zu tun.
Also wende ich ihr "Argument" gegen diesen Artikel mal gegen Sie an, und füge hinzu:
Kritik und Verwunderung über Details der Spiele sind nicht etwas empörendes, sondern etwas wichtiges und vom gesunden Verstand gebotenes. Natürlich ist dafür nicht ein jeder ansprechbar, aber dieser wird wie gesagt bestens und in großer Masse anderweitig bedient und darf hier wegschauen, wenn es seinem Süßholz-Schunkelbier-Gemüt missfällt.