Es wird ja jetzt, nach dem durchwachsenen Abschneiden der deutschen Olympiamannschaft, viel darüber diskutiert, was der Spitzensport der deutschen Leistungsgesellschaft noch wert ist. Einer, ein ehemaliger Olympionike zudem, wollte es vor diesen Spielen von London wissen und hat, so richtig Bayern-München-mäßig, einen Sack voll Geld in die Hand genommen und dem größten Konkurrenten einfach den Star weggekauft. Angeblich mehr als zehn Millionen Euro hat Paul Schockemöhle , Silbermedaillengewinner im Springreiten mit der Mannschaft 1976, für das Wundertier Totilas in die Niederlande überwiesen; das Dressurpferd sollte ein sicherer Olympiasieger sein. Doch dann kam alles anders. Erst hatte der Gaul seinen eigenen Kopf, vermisste offenbar die harte holländische Hand und muckte auf gegen die tierfreundlichen, 68er-mäßig verweichlichten Methoden in seiner neuen Heimat. Erst als man ihm zu Willen war und das stolze Haupt mittels der berüchtigten Rollkur niederzwang, wurden Ross und Reiter endlich miteinander warm. Doch dann erkrankte Letzterer, Matthias Rath, und so konnte es nix werden mit dem sicheren Gold.

Im Verlauf der Reiterspiele ging bereits der Dressur-Mannschaftstitel flöten, auf den die Deutschen seit Olympia 1964 ein Abonnement hatten. Beim letzten Wettbewerb, dem Grand Prix Freestyle, wurde nun am Donnerstag der Einzel-Olympiasieger ermittelt, seit fast 30 Jahren gab es da für Deutschland immer wenigstens Silber.

Laienhaft gesprochen, besteht die Aufgabe darin, die Pferde mal so richtig tanzen zu lassen. Aus den Lautsprechern (das Wort Boxen führt in diesem Fall zu unauflöslichen Missverständnissen) im Greenwich Park, vor der neoklassizistischen Postkartenkulisse von Queen's House und Royal Naval College, dröhnen gewagte Potpourris, wie man sie sonst nur aus dem Kaufhausaufzug oder von Eiskunstlaufwettbewerben kennt. Spitzenreiter der Zossenhitparade ist Phil Collins , das hat seine Musik wirklich verdient. Ansonsten verhalten sich die Paare so, wie es das Nationenklischee verlangt: Die USA setzen auf Hollywood (Musik aus Avatar), der Spanier tanzt mit seinem feurigen Schimmel naturgemäß Flamenco. Aber auch Black Eyed Peas und Samba werden aneinandergenagelt, außerdem gibt es jede Menge E-Musik: Ravel – oh nein, Entschuldigung, das ist ein Pferd! Aber echte Klassiker sind Tschaikowski, Grieg, Strauss und Erdmann/Heidecke.

Bitte wer? Die beiden sind offenbar Mozart-Beethoven für Vierbeiner, gleich drei Starter vertrauen auf ihre Originalkompositionen. Ihr Rezept: Ein paar Hits aller Art (Fade to Grey, Schwanensee) in den Sample-Quirl, eine Prise Sphärenklänge, ein gestrichener Teelöffel Elfengesang und eine Messerspitze synthetische Drama-Drums dazu – fertig.