Fußball : Unsere Bundesliga, unser Vaterunser

Deutschlands erfolgreichstes Kulturgut geht in die 50. Saison. Erfolgreich wie nie zuvor ist aus einem Spiel fast eine Ersatzreligion geworden. Warum? Von Steffen Dobbert

Als Elfriede Eberstein am 21. Dezember 2010 starb, war die Bundesliga 47 Jahre alt. Elfriede war die Frau von Horst. Vermutlich war der HSV für sie ähnlich sinnstiftend wie für ihn, den ehemaligen HSV-Aufsichtsrat. Etwa zwei Strafraumlängen hinter der Westtribüne des Fußballstadions ruhen nun Elfriedes Überreste, auf dem HSV-Friedhof. Wenn Horst stirbt, sollen sie seine Urne daneben legen. Das ist ihm wichtig.

Fußball ist wichtig. In den nächsten Wochen werden deshalb wieder mehr Deutsche in Fußballstadien als in Kirchen pilgern. Wobei das in manchen Städten tatsächlich keinen Unterschied mehr macht – etwa im Stadion von Hertha BSC gibt es eine Kapelle, zum Beten und Heiraten .

Wegen des Andrangs baute sich jeder zweite Bundeligist in den vergangenen zwölf Jahren ein neues Stadion. In der zweiten Liga plant jeder vierte, in der dritten Liga jeder dritte Verein den Neubau. Außer in Nordkorea , Afghanistan , Kuba und Italien wird die Bundesliga zudem in allen 205 Fifa-Mitgliedstaaten im TV gezeigt. ARD, ZDF und Sky können in der neuen Spielzeit mit Rekord-Einschaltquoten in Deutschland rechnen. So gigantisch ist das.

Elfriede Ebersteins Urne ist bisher die einzige auf dem Fußballfriedhof in Hamburg . Vielleicht ist sie nur ein Extrembeispiel. Doch zumindest die Friedhofsbetreiber rechnen mit weiteren HSV-Bestattungen in den nächsten Jahren. Der Profifußball ist hierzulande so beliebt, dass er für einige anstelle einer Religion tritt. Für andere, denen in fast allen Lebensbereichen ein umfassender Glaube abhanden kam, ist er Glaubensersatz. Als Günter Netzer , einer der ersten Helden des kommerzialisierten Fußballs, kürzlich gefragt wurde, was der Bundesliga noch fehlt, sagte er: "Nichts!" Der Fußball sei nun auf dem Höhepunkt angekommen. Er biete alles, Drama, Freude, Leid, Spannung und ziehe alle in seinen Bann. Auch Nicht-Fußballer.

Steffen Dobbert

Steffen Dobbert ist Redakteur bei ZEIT ONLINE. Seine Profilseite finden Sie hier.

1963, als die Bundesliga erfunden wurde, sah die Begeisterung etwas anders aus. Elfriede Eberstein hätte beim Gedanken an einen HSV-Friedhof damals wohl ihren Mann zum Mond geschossen. Der Fußball war schon damals wichtig, aber es gab noch viele andere einigende Ereignisse. Beispielsweise so Sachen wie die Straßenfeger im Fernsehen.

Als die Mainzelmännchen 1963 erstmals durchs ZDF-Programm liefen, kannte sie fast jeder. Später versammelten sich für die Schwarzwaldklinik fast 30 Millionen Menschen vorm TV. Würde ein Fernsehsender so etwas wie Wetten Dass? oder Dalli Dalli oder die Mainzelmännchen heute noch mal erfinden, es wär’ fast umsonst. Weil es inzwischen neben dem ZDF Dutzende andere Fernsehsender, Websites, Zeitungen und unzählige andere Trickfiguren gibt. Der Bundesliga kann das nicht passieren. Sie ist konkurrenzlos.

Wer am Wochenende nicht mitbekommen will, das der BVB, der FCB oder der HSV kicken, muss mit geschlossenen Augen und zugehaltenen Ohren durch die Öffentlichkeit laufen. Egal, ob im Stadion, vorm TV, Computer oder auf der Straße: Zum Beginn ihrer Jubiläumssaison ist die Bundesliga das gemeinstiftende Kulturgut dieser Gesellschaft. Das liegt an der Bundesliga selbst und am Wandel einer Gesellschaft, die den Fußball liebt und braucht.

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Kommentare

57 Kommentare Seite 1 von 5 Kommentieren

Spiele als höchstes Kulturgut und dazu ein bisschen Brot

""""Deutschlands erfolgreichstes Kulturgut geht in die 50. Saison."""

Was sagt uns dieser Satz hier in der Zeit über dieses Blatt,die Leitmedien grundsätzlich,die Werte unserer Gesellschaft,über die Definition unserer Gesellschaft,über unsere Mächtigen ihre Interessen und ihre Durchsetzung siehe Kanzleramt und vieles mehr.
Darüber sollte jeder Deutsche mal in Ruhe ohne Hype und Gehirnwäsche nachdenken.
Auch wenn das anstrengender ist als Fußball zu gucken,es lohnt sich für jeden Einzelnen.
Ob man die Zeit mit solchen Artikeln dann zur eigenen Meinungsbildung und Entwicklung noch braucht möge jeder für sich hinterfragen und entscheiden.

Der Satz sagt, dass in der Zeit...

...neben Beitraegen ueber 'die Werte unserer Gesellschaft,über die Definition unserer Gesellschaft,über unsere Mächtigen ihre Interessen und ihre Durchsetzung siehe Kanzleramt und vieles mehr' auch Artikel ueber Fussball erscheinen.

Und wir alle, die wir uns zuweilen mit Begeisterung dem Fussball widmen, interessieren uns zu anderen Zeiten fuer Politik, Wirtschaft, Kultur, etc. Glauben Sie wirklich, dass wir alle 'Gehirngewaschen' sind?

Ist Ihnen aufgefallen, dss z.B. ein WM-Endspiel weltweit von ca. 3 Mrd. Menschen wahrgenommen wird? Sie koennen solches hier natuerlich als 'Brot und Spiele' verspotten. Eine solche Auffassung faende ich allerdings reichlich arrogant.

Verwechslung...

Es ist nicht so, dass der Fußball in den letzten Jahren an bedeutung zugenommen hätte. Die Bedeutung der komkurrierenden Großereignisse hat eher abgenommen.

Den berühmten Straßenfeger gab es früher nur, weil es so wenige Programme und sich dann fast alle das selbe angeschaut haben. In unser diversifizierten Welt ist das Wetter und fußball eines der wenigen Themen, bei denen man bei unbekannteren Gesprächspartnern ein Thema finden kann.
Das sich dort dann irgendwelche fanatischen Experten unterhalten würden, ist aber eher weniger der Fall. Das war früher anders.