London 2012Fußball braucht bei Olympia kein Mensch

Ein Sommerkick verkleidet als Spiel um die Goldmedaille: Das Fußball-Finale ist der Beweis, dass Fußball bei den Olympischen Spielen nahezu überflüssig ist. von 

Brasiliens Neymar war enttäuscht und enttäuschte.

Brasiliens Neymar war enttäuscht und enttäuschte.  |  © Martin Bernetti/AFP/Getty Images

Diesmal hat sich Sepp Blatter nicht auf den Rasen getraut. Als er den erfolgreichen Fußballfrauen am Donnerstag die Medaillen um den Hals hing, wurde der oberste Fußballfunktionär herzhaft ausgebuht . Das wollte sich Sepp Blatter nicht noch einmal antun. Beim Männerfinale war er zwar im Stadion, mehr aber nicht. Ist ja auch nicht seine Lieblingsfamilie, diese olympische.

Fußball und Olympia, das ist definitiv keine Liebesbeziehung. Der beliebteste Sport der Welt läuft bei der beliebtesten Sportveranstaltung der Welt allenfalls nebenher. Gespielt wird in Städten wie Coventry, Cardiff oder Glasgow , bei denen zwar auch Olympia draufsteht, aber nur wenig Olympia drin ist. Zudem treten die Mannschaften als aufgepimpte Nachwuchsteams an, nur drei Spieler dürfen älter als 23 Jahre alt sein, so wollen es die Regeln, so will es vor allem der Weltfußballverband Fifa, der sein Aushängeschild Fußballweltmeisterschaft durch ein ähnlich gutbesetztes olympisches Fußballturnier nicht verwässern will.

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Das Internationale Olympische Komitee ( IOC ) würde gern alle Stars sehen. Doch am Ende tut es gut daran, an dieser Regelung festzuhalten, damit der Fußball nicht auch noch zu den Spielen allen anderen Sportarten die Show stiehlt. Vielleicht sollte das IOC lieber darüber nachdenken, den Männerfußball komplett aus dem olympischen Programm zu streichen.

Zwei Wochen lang hat man nun in all die Sportler-Gesichter geschaut, die man nicht so oft sieht und aus denen tatsächlich Leidenschaft für ihren Sport spricht. All die Kanufahrer, Volleyballer, Gewichtheber und Schützen, die in ihrem ganzen Leben wahrscheinlich weniger Geld mit ihrem Sport verdienen als Brasiliens Fußball-Wunderkind Neymar in einem Monat. Und dann sieht man dieses Fußball-Finale im Londoner Wembley-Stadion, zu dem 86.162 Zuschauer gekommen waren, und muss sich fragen: Warum ist das so?

Es war ein sehr maues Fußballspiel. Ein Sommerkick verkleidet als Spiel um die Goldmedaille. Wer den sportlichen Wert dieses Finales mit den anderen olympischen Ereignissen nur an diesem Tag vergleicht, dem 5.000-Meter-Rennen mit Mo Farah, dem 4x100-Meter-Weltrekord der Jamaikaner , dem Hockey-Finale der Männer , dem Handball-Finale der Frauen , selbst dem Mountain-Bike-Rennen von Sabine Spitz , muss zu dem Ergebnis kommen: Ein Fußballspiel braucht in diesen Tagen eigentlich niemand.

Das lag vor allem an den Brasilianern. Schon nach 25 Sekunden spielte Rafael, nicht der Hertha-Absteiger, sondern der Rechtsverteidiger von Manchester United, einen üblen Fehlpass, den Mexikos Oribe Peralta zur 1:0-Führung nutzte. Rafael fiel im weiteren Spielverlauf nur dadurch auf, dass er sich mit dem grundsätzlich sehr wohlwollenden Publikum anlegte. Am Ende schaffte er es, bei der Medaillenübergabe blatteresk ausgebuht zu werden.

Brasilien quälte sich, das Ganze war eine sehr zähe Angelegenheit. So zäh, dass Brasiliens Trainer Mano Menezes schon nach 30 Minuten einen weiteren Stürmer einwechselte, Hulk. Der bekam diesen wunderbaren Spitznamen wegen der grünen Trikots seines Ex-Vereins und seines Körpers. Doch auch der Unglaubliche konnte nicht verhindern, dass Peralta in der 75. Minute das 2:0 köpfte. Hulks Anschlusstor in der Nachspielzeit kam zu spät, weil Brasiliens Oscar in der 93. Minute noch einmal am Tor vorbeiköpfte. Es war zum Grünanlaufen.

Die Brasilianer ließen alles vermissen, was sich die vielen Fans in ihren knallgelben Hemden erhofft hatten. Es gab keine Spielidee, keinen Spielwitz. Da standen nur, ganz unolympisch, elf Individualisten auf dem Grün, die selbst individuell gar nicht so gut waren. Neymar, angeblich Brasiliens Antwort auf Messi, fiel außer durch die lateinamerikanische Version des Mike-Werner-Haarschnitts nur durch Fehlpässe und kopflose Dribblings auf.

Leserkommentare
  1. Fußball hat bei Olympia absolut nichts zu suchen!

    Die olympischen Spiele sind ein Sportfest für nichtkommerzielle Sportarten und leidenschaftliche Athleten. Der Fußball ist viel mehr Beruf als Sport und daher scheitert es schon am olympischen Geist im Fußball.

    Grösstes Manko ist aber, dass der Spielbetrieb kein weiteres Turnier erlaubt. Zum Zeitpunkt der olympischen Spiele sind eben auch Europameisterschaften im Fußball und die Spiele sind am Ende der Saisonvorbereitung für die Ligen. Wir werden beim olympischen Fußballturnier also nie die Stars sehen und auch keine verdiente Goldmedaille. Wenn ich die Nachwuchsmannschaften sehen will, dann schaue ich mir die U-Meisterschaften an, aber nicht Olympia.

    Also bitte liebes IOC, erlöse uns von dem olympischen Fußballturnier.

    4 Leserempfehlungen
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    Wenn man keine kommerzielle Sportarten bei Olympia will, müsste man da neben Fussball noch einiges mehr streichen: z.B. Tennis, Radfahren, Segeln und Hockey.

    Oder man lässt eben grundsätzlich nur Amateure zu. So wie früher. Die kann man dann aber auch Fussball spielen lassen.

    • matzi02
    • 12. August 2012 14:09 Uhr

    sehr schön : dann erfreuen wir uns am Paddeln und Rudern, vielleicht noch Synchronschwimmen evtl. Gehen - sonst faellt mir eigentlich kaum noch eine 'nichtkomerzielle' Sportart ein!
    Absolut albern, jeder Sport in dem echte Leistung gebracht wird verdient es Olympisch zu sein!
    Wenn es einen Sport gibt der bei Olympia gar nichts verloren hat ist es das Abtreiben von Pferden, aber das ist ja eine Medaliengarantie für Deutschland, da wird es uns wohl nicht erspart bleiben!

    • mcking
    • 12. August 2012 11:57 Uhr

    Fußball und Olympia, das passt einfach nicht.
    Hier will man echte Sportler sehen!

    3 Leserempfehlungen
  2. Das selbe könnte man über Frauenfussball insgesamt schreiben.

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    • iSinn
    • 12. August 2012 11:58 Uhr

    Den Tennisspielern, und mit Golfspielern 2016? Alles Amateure?

    via ZEIT ONLINE plus App

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  3. Wenn man keine kommerzielle Sportarten bei Olympia will, müsste man da neben Fussball noch einiges mehr streichen: z.B. Tennis, Radfahren, Segeln und Hockey.

    Oder man lässt eben grundsätzlich nur Amateure zu. So wie früher. Die kann man dann aber auch Fussball spielen lassen.

    4 Leserempfehlungen
  4. seit so vielen jahren bin ich, wie zahllose andere, ein utopist. ich glaube an die magische kraft des brasilianischen spiels, fliehende wolken, strömende gewässer, die sich wie gelächter über gravitation und denken, gegen das erwartete hinwegsetzen. wir haben diese momente schon erlebt, wenn die auf den platz kamen, in deren brustwappen das universum auf dieses gesegnete land blickt. dieses land, dessen banner von fortschritt spricht und wenn wir die brasilianer spielen sahen, glaubten wir, ich in jedem fall, an die möglichkeit menschlichen fortschritts, an ein göttliches spiel, das die widerstrebenden prinzipien von verstand und seele, physik und geist im tanz der elf und eines balles nur zusammenführt. wie sehr ich diese utopie vermisse.

  5. Ich kann den Artikel ziemlich gut nachvollziehen, allerdings ist es eben wichtig hier Männer- von Frauenfußball deutlich zu unterscheiden. Die Frauen haben nämlich zumindest in den letzten Spielen wirklich packende, gute und leidenschaftliche Spiele gezeigt, allen voran das Halbfinale zwischen Kanada und der USA oder auch die Neuauflage des WM-Finales im Spiel um Gold und Silber.

    Hier greifen aber auch die meisten Argumente, die gegen den Fußball sprechen und hier aufgeführt worden, nicht. Die Frauen, selbst die "Profis" können alleine vom Fußball nicht leben, was sie mit den meisten Olympioniken gleichstellt im Gegensatz zu ihren männlichen Kollegen. Des weiteren spielt Olympia seit 20 Jahren direkt eine wichtige Rolle im Frauenfußball, so dass es eine wirkliche Ergänzung zu WM- und EM-Spielen ist, die große Anerkennung hat. Das liegt mittlerweile eventuell auch ein Stück weit an der Regel, dass bei den Frauenteams keine U23-Auswahlen gegeneinander antreten, sondern wirklich die Besten der Besten einer Länderauswahl.

    Ich frage mich letztendlich allerdings, was genau vom olympischen Männerfußball eigentlich erwartet wird. Niemand hat doch Lust ein paar Wochen hinter einer gespielten EM, bei der die meisten Spieler schon komplett ausgepowert wirkten, diese dann noch mal in meist langweiligen Spielen zu sehen, damit sie dann ohne Pause und neuer Vorbereitung so in die neue Saison starten. Dann lieber Nachwuchsspieler, die Erfahrungen sammeln. Ohne großen Zirkus.

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  6. Was ist jetzt eigentlich der Punkt dieses Artikels? Herr Spiller ist enttäuscht, weil er noch an die Legende von den begeisternden, zauberhaften Ballkünstlern aus Brasilien glaubt, jetzt aber feststellen muss, dass die Realität schon seit mindestens 20 Jahren eine andere ist. Und deswegen will er eine Sportart vom Olympia ausschließen lassen? Ein ziemlich merkwürdiges Anliegen.

    Die einzig weitere Begründung, die angeführt wird, ist die vermeintliche Leidenschaft, die bei anderen Sportarten größer sein soll, weil diese Sportler weniger verdienen. Komischerweise beschwert sich Herr Spiller aber nicht über die Millionäre Bolt, Phelps, LeBron James oder Roger Federer. Oder sollen Sprint, Schwimmen, Basketball und Tennis auch von Olympia ausgeschlossen werden, dem "olympischen Geiste" wegen? Witzig ist ja, dass Herr Spiller auch noch thematisiert, dass nicht die ganz großen Fussballstars anwesend sind. Dabei müsste das, seiner Argumentation folgend, doch besser für den "olympischen Geist" sein.

    Es wird also nicht nur kaum begründet, die Ansätze von Begründungen sind auch noch schlecht und widersprüchlich.

    Hätte Herr Spiller den olympischen Fussball genauer verfolgt, hätte er u.a. Teams aus Japan, Honduras und Südkorea gesehen, die mit lauter unbekannten Spielern leidenschaftlichen Fussball boten und dem olympischen Geiste entsprochen haben.

    6 Leserempfehlungen
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    Was sagt der Herr Spiller dazu?

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  • Schlagworte Joseph Blatter | Brasilien | IOC | DDR | Mano Menezes | Mexiko
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