Diesmal hat sich Sepp Blatter nicht auf den Rasen getraut. Als er den erfolgreichen Fußballfrauen am Donnerstag die Medaillen um den Hals hing, wurde der oberste Fußballfunktionär herzhaft ausgebuht . Das wollte sich Sepp Blatter nicht noch einmal antun. Beim Männerfinale war er zwar im Stadion, mehr aber nicht. Ist ja auch nicht seine Lieblingsfamilie, diese olympische.

Fußball und Olympia, das ist definitiv keine Liebesbeziehung. Der beliebteste Sport der Welt läuft bei der beliebtesten Sportveranstaltung der Welt allenfalls nebenher. Gespielt wird in Städten wie Coventry, Cardiff oder Glasgow , bei denen zwar auch Olympia draufsteht, aber nur wenig Olympia drin ist. Zudem treten die Mannschaften als aufgepimpte Nachwuchsteams an, nur drei Spieler dürfen älter als 23 Jahre alt sein, so wollen es die Regeln, so will es vor allem der Weltfußballverband Fifa, der sein Aushängeschild Fußballweltmeisterschaft durch ein ähnlich gutbesetztes olympisches Fußballturnier nicht verwässern will.

Das Internationale Olympische Komitee ( IOC ) würde gern alle Stars sehen. Doch am Ende tut es gut daran, an dieser Regelung festzuhalten, damit der Fußball nicht auch noch zu den Spielen allen anderen Sportarten die Show stiehlt. Vielleicht sollte das IOC lieber darüber nachdenken, den Männerfußball komplett aus dem olympischen Programm zu streichen.

Zwei Wochen lang hat man nun in all die Sportler-Gesichter geschaut, die man nicht so oft sieht und aus denen tatsächlich Leidenschaft für ihren Sport spricht. All die Kanufahrer, Volleyballer, Gewichtheber und Schützen, die in ihrem ganzen Leben wahrscheinlich weniger Geld mit ihrem Sport verdienen als Brasiliens Fußball-Wunderkind Neymar in einem Monat. Und dann sieht man dieses Fußball-Finale im Londoner Wembley-Stadion, zu dem 86.162 Zuschauer gekommen waren, und muss sich fragen: Warum ist das so?

Es war ein sehr maues Fußballspiel. Ein Sommerkick verkleidet als Spiel um die Goldmedaille. Wer den sportlichen Wert dieses Finales mit den anderen olympischen Ereignissen nur an diesem Tag vergleicht, dem 5.000-Meter-Rennen mit Mo Farah, dem 4x100-Meter-Weltrekord der Jamaikaner , dem Hockey-Finale der Männer , dem Handball-Finale der Frauen , selbst dem Mountain-Bike-Rennen von Sabine Spitz , muss zu dem Ergebnis kommen: Ein Fußballspiel braucht in diesen Tagen eigentlich niemand.

Das lag vor allem an den Brasilianern. Schon nach 25 Sekunden spielte Rafael, nicht der Hertha-Absteiger, sondern der Rechtsverteidiger von Manchester United, einen üblen Fehlpass, den Mexikos Oribe Peralta zur 1:0-Führung nutzte. Rafael fiel im weiteren Spielverlauf nur dadurch auf, dass er sich mit dem grundsätzlich sehr wohlwollenden Publikum anlegte. Am Ende schaffte er es, bei der Medaillenübergabe blatteresk ausgebuht zu werden.

Brasilien quälte sich, das Ganze war eine sehr zähe Angelegenheit. So zäh, dass Brasiliens Trainer Mano Menezes schon nach 30 Minuten einen weiteren Stürmer einwechselte, Hulk. Der bekam diesen wunderbaren Spitznamen wegen der grünen Trikots seines Ex-Vereins und seines Körpers. Doch auch der Unglaubliche konnte nicht verhindern, dass Peralta in der 75. Minute das 2:0 köpfte. Hulks Anschlusstor in der Nachspielzeit kam zu spät, weil Brasiliens Oscar in der 93. Minute noch einmal am Tor vorbeiköpfte. Es war zum Grünanlaufen.

Die Brasilianer ließen alles vermissen, was sich die vielen Fans in ihren knallgelben Hemden erhofft hatten. Es gab keine Spielidee, keinen Spielwitz. Da standen nur, ganz unolympisch, elf Individualisten auf dem Grün, die selbst individuell gar nicht so gut waren. Neymar, angeblich Brasiliens Antwort auf Messi, fiel außer durch die lateinamerikanische Version des Mike-Werner-Haarschnitts nur durch Fehlpässe und kopflose Dribblings auf.