Seien wir ehrlich: In der Zeit vor Matthias Steiner war Gewichtheben in der Klasse über 105 Kilogramm was für Freaks. Typen, die aussehen wie aus Medizinbällen zusammengenäht und mit irgendwas aufgepumpt, stampften schweren Schritts auf eine Bühne, nachdem sie zuvor noch an irgendeinem Rachenputzer geschnüffelt hatten. Dann wuchteten sie unter Stöhnen und Schnaufen das Gewicht eines Pferds in die Luft, verbeugten sich und verschwanden hinter einem Vorhang, wo alte, kleine, ebenfalls dicke Männer sie liebevoll in den Arm nahmen. Wer so etwas für einen richtigen Sport hielt, dachte auch, die Dame ohne Unterleib auf dem Jahrmarkt sei echt.

Dann kam der Pfundskerl aus Österreich und lehrte uns, dass die stärksten Männer der Welt Herz haben, viel Herz. Die Geschichte, wie er nach dem Olympiasieg vor vier Jahren ein Foto seiner tödlich verunglückten Frau in die Kameras der Welt hielt, ist tausendundeinmal erzählt worden. Plötzlich war der Sport interessant, man lernte etwas über das Innenleben der Fleischberge, über Trainingsfron und darüber, wie spannend die Wettkämpfe in Wahrheit sind. Denn es geht nicht nur um dicke Arme, sondern auch um Kopfrechnen und Nerven wie beim Pokerspiel: Was mache ich, wenn Konkurrent X das Gewicht Y stößt, ich aber einen Versuch weniger habe und noch Z Konkurrenten hinter mir dran sind?

Es ist ein ständiges Hin und Her auf der Anzeigetafel, ein digitales Ballett aus Zahlen in gelb (noch nicht versucht), weiß (ist jetzt dran), blau (ist als nächstes dran), grün (geschafft) und rot (nicht geschafft). Ständig wechselt die Reihenfolge, in der gehoben wird; scheitert der Konkurrent an einem Gewicht oder schafft es wider Erwarten doch, muss umkalkuliert oder vor dem nächsten Versuch zunächst geblufft werden. Ein Kilo mehr, und man kann eventuell zwei Minuten länger Luft holen, weil dann zuerst der Gegner ran muss. Zugleich weiß jeder Heber ziemlich gut, wo seine Schmerzgrenze liegt, es bringt nichts, den Konkurrenten auf Biegen und Brechen übertrumpfen zu wollen. Also tanzen die Schwergewichte auf einem schmalen Grat und jonglieren bei zentnerschweren Lasten mit ein oder zwei Kilos.

Schließlich lernte man dank Matthias Steiner auch etwas darüber, dass selbst so dicke Männer Gewichtsprobleme haben, freilich in die umgekehrte Richtung: Der aktuelle Weltrekordhalter wiegt 168,19 Kilogramm, und wenn Steiner einem wie ihm Paroli bieten will, reichen seine 149,98 Kilo nicht, das haben wir schon im Physikunterricht gelernt: F = m x a, Kraft ist gleich Masse mal Beschleunigung.

Und nun, bei den Olympischen Spielen von London , hat uns Matthias Steiner, noch etwas gelehrt: Dass Gewichtheben gefährlich ist.

Der Wettkampf in der Excel-Arena ist noch gar nicht richtig losgegangen, Steiner hat im ersten Versuch mühelos 192 Kilogramm im Reißen gestemmt. Ein vielversprechender Beginn, im Vorfeld war ja viel von Wehwehchen, von Trainingsrückstand die Rede gewesen. Für den zweiten Versuch lässt Steiner 196 Kilo auflegen, wie dicke Scheiben einer Eisenwurst stecken die fleischfarbenen Gewichte auf der Hantel. Wie gewöhnlich reißt Steiner sie in die Höhe, etwas hinter seinen Kopf, ein Balanceakt ist das immer. Diesmal aber überwältigt ihn die unglaublich Last, nicht einmal kontrolliert fallen lassen kann er sie, er wird unter ihr begraben. So muss es sich anfühlen, wenn man unter das Fallgitter einer mittelalterlichen Burg kommt. Oder von einem Trecker angefahren wird.

Steiner schreit kurz und kehlig, dann liegt er seltsam verdreht auf seinem Bauch und macht, von der Hantelstange eingeklemmt, gar nichts mehr. Hastig eilen Ärzte, Betreuer, seine Trainer auf die Bühne, Helfer rollen eine Sichtblende aus, wie bei einem schweren Autounfall, damit das Publikum nix zu gaffen hat. Hat das Gewicht ihm die Rippen zerquetscht? Die Hüfte zertrümmert? Der Hallensprecher versucht mit seiner sonoren Stimme das Publikum zu beruhigen: Er bekommt alle medizinische Hilfe, die er jetzt braucht.

Bange Sekunden gehen dahin, plötzlich reckt sich eine pralle Faust in die Höhe, die kennen wir doch – Steiners Pranke!