Gewichtheben : Steiner schreit kurz und kehlig

Gewichtheben ist ein verrückter Sport. Matthias Steiner hat ihn in Deutschland verständlich gemacht. Jetzt ist er vom Gewicht fast erschlagen worden. Von Christof Siemes

Seien wir ehrlich: In der Zeit vor Matthias Steiner war Gewichtheben in der Klasse über 105 Kilogramm was für Freaks. Typen, die aussehen wie aus Medizinbällen zusammengenäht und mit irgendwas aufgepumpt, stampften schweren Schritts auf eine Bühne, nachdem sie zuvor noch an irgendeinem Rachenputzer geschnüffelt hatten. Dann wuchteten sie unter Stöhnen und Schnaufen das Gewicht eines Pferds in die Luft, verbeugten sich und verschwanden hinter einem Vorhang, wo alte, kleine, ebenfalls dicke Männer sie liebevoll in den Arm nahmen. Wer so etwas für einen richtigen Sport hielt, dachte auch, die Dame ohne Unterleib auf dem Jahrmarkt sei echt.

Dann kam der Pfundskerl aus Österreich und lehrte uns, dass die stärksten Männer der Welt Herz haben, viel Herz. Die Geschichte, wie er nach dem Olympiasieg vor vier Jahren ein Foto seiner tödlich verunglückten Frau in die Kameras der Welt hielt, ist tausendundeinmal erzählt worden. Plötzlich war der Sport interessant, man lernte etwas über das Innenleben der Fleischberge, über Trainingsfron und darüber, wie spannend die Wettkämpfe in Wahrheit sind. Denn es geht nicht nur um dicke Arme, sondern auch um Kopfrechnen und Nerven wie beim Pokerspiel: Was mache ich, wenn Konkurrent X das Gewicht Y stößt, ich aber einen Versuch weniger habe und noch Z Konkurrenten hinter mir dran sind?

Es ist ein ständiges Hin und Her auf der Anzeigetafel, ein digitales Ballett aus Zahlen in gelb (noch nicht versucht), weiß (ist jetzt dran), blau (ist als nächstes dran), grün (geschafft) und rot (nicht geschafft). Ständig wechselt die Reihenfolge, in der gehoben wird; scheitert der Konkurrent an einem Gewicht oder schafft es wider Erwarten doch, muss umkalkuliert oder vor dem nächsten Versuch zunächst geblufft werden. Ein Kilo mehr, und man kann eventuell zwei Minuten länger Luft holen, weil dann zuerst der Gegner ran muss. Zugleich weiß jeder Heber ziemlich gut, wo seine Schmerzgrenze liegt, es bringt nichts, den Konkurrenten auf Biegen und Brechen übertrumpfen zu wollen. Also tanzen die Schwergewichte auf einem schmalen Grat und jonglieren bei zentnerschweren Lasten mit ein oder zwei Kilos.

Schließlich lernte man dank Matthias Steiner auch etwas darüber, dass selbst so dicke Männer Gewichtsprobleme haben, freilich in die umgekehrte Richtung: Der aktuelle Weltrekordhalter wiegt 168,19 Kilogramm, und wenn Steiner einem wie ihm Paroli bieten will, reichen seine 149,98 Kilo nicht, das haben wir schon im Physikunterricht gelernt: F = m x a, Kraft ist gleich Masse mal Beschleunigung.

Und nun, bei den Olympischen Spielen von London , hat uns Matthias Steiner, noch etwas gelehrt: Dass Gewichtheben gefährlich ist.

Der Wettkampf in der Excel-Arena ist noch gar nicht richtig losgegangen, Steiner hat im ersten Versuch mühelos 192 Kilogramm im Reißen gestemmt. Ein vielversprechender Beginn, im Vorfeld war ja viel von Wehwehchen, von Trainingsrückstand die Rede gewesen. Für den zweiten Versuch lässt Steiner 196 Kilo auflegen, wie dicke Scheiben einer Eisenwurst stecken die fleischfarbenen Gewichte auf der Hantel. Wie gewöhnlich reißt Steiner sie in die Höhe, etwas hinter seinen Kopf, ein Balanceakt ist das immer. Diesmal aber überwältigt ihn die unglaublich Last, nicht einmal kontrolliert fallen lassen kann er sie, er wird unter ihr begraben. So muss es sich anfühlen, wenn man unter das Fallgitter einer mittelalterlichen Burg kommt. Oder von einem Trecker angefahren wird.

Steiner schreit kurz und kehlig, dann liegt er seltsam verdreht auf seinem Bauch und macht, von der Hantelstange eingeklemmt, gar nichts mehr. Hastig eilen Ärzte, Betreuer, seine Trainer auf die Bühne, Helfer rollen eine Sichtblende aus, wie bei einem schweren Autounfall, damit das Publikum nix zu gaffen hat. Hat das Gewicht ihm die Rippen zerquetscht? Die Hüfte zertrümmert? Der Hallensprecher versucht mit seiner sonoren Stimme das Publikum zu beruhigen: Er bekommt alle medizinische Hilfe, die er jetzt braucht.

Bange Sekunden gehen dahin, plötzlich reckt sich eine pralle Faust in die Höhe, die kennen wir doch – Steiners Pranke!

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Kommentare

45 Kommentare Seite 1 von 6 Kommentieren

Eine herzzerreissende Szene !

Als enthusiastischer Fan muss ich anmerken , dass mir der Atem stehenblieb , als ich die Szene mit Steiner sah , Gott sei Dank schein alles so weit OK.
Von der sportlichen Seite her , hätte Steiner nie eine Chance in Peking 2008 Gold zu gewinnen , wenn der Iraner Hossein Rezazadeh ( Olympiasieger 2000 & 2004 und Weltrekorhalter ) teilgenommen hätte ( er hatte einen schweren Autounfall vor Beginn der olympischen Siele 2008 ).
Rezazadeh's Weltrekord ist mit 472 fast nicht zu schlagen , ausser vielleicht von seinem Landsmann Behdad Salimi , der bei den Weltmeisterschaften in Paris im Reissen einen neuen Weltrekord von 214 KG aufstellte , aber im Heben (Clean & Jerk ) den Weltrekord von Rezazadeh nicht verbessern konnte.
Behdad Salimi ist erst 22 Jahre alt und wird sicherlich in der Königsklasse +105 auf die nächsten Jahre nicht zu schlagen sein.

Dazu auch :

http://www.london2012.com...

Salimikordasiabi, from Iran, was the favourite for victory and the super heavyweight rose to the occasion to confirm his title as the 'strongest lifter in the world'.
The 22-year-old managed a total of 455kg, which was not enough to eclipse the mammoth 472kg world and Olympic record managed by legendary compatriot Hossein Rezazadeh in 2000, but it did clinch Iran's first Weightlifting gold since 2004...

Du weißt ja nicht, was Eisen hält...

...sagt ein Spruch.

Gut, hier geht es um Stahl. Also, die maximale Belastung bei einer solchen Hantelstange würde ja auftreten, wenn man sie nur mittig hält, da dann das Biegemoment maximal ist. Die Sportler halten diese Stangen aber meist sehr weit außen. Aber man kann es ausrechnen:

Biegemoment: Mbmax = F * s
Gewichtskraft Gewichte: F = (m/2) * g
Widerstandsmoment: W = (pi*d^3)/32
==> d = ((W*32)/pi)^(1/3) (Gl. 1.1)
Biegespannung: Sigma_b_max = Mb_max/W
==> W = Mbmax/Sigma_b_max (Gl. 1.2)

d = Durchmesser der Hantelstange (Ergebnis)
s = Abstand vom Gewicht zu der Stelle, wo der Sportler die Stange greift.
m = Masse des halben Gewichts

Normaler Baustahl kann bis zu einer Spannung von 235 N/mm² belastet werden ==> Sigma_b_max = 235 N/mm^2

Nehmen wir einfach den Worst Case an, dass der Sportler die Stange mit einer Hand in der Mitte hochhebt.

m = 196 kg
g = 9.805 N/kg
s = 1000 mm (Annahme)

Jetzt einfach Gl. 1.2 in Gl. 1.1 einsetzen und es ergibt sich der Durchmesser der nötig ist, dass die Stange lediglich eine pl. Verformung von 0.2% erfährt:

D = ((Mb * 32)/(pi * Sigma_b_max))^(1/3)

Werte einsetzen und es ergibt sich ein Durchmesser von:
D = 34.66 mm

So, das war Worst Case (Biegemoment 10 mal größer als normal). Außerdem geht der Durchmesser in der 3ten Potenz ein. Das bedeutet: Durchmesser verdoppelt - Widerstandsmoment verachtfacht.
Solche Stangen habe ich auch dicker in Erinnerung, also 50 mm Durchmesser ==> 600 kg bei obriger Berechnung - das hält alle mal :-)

Materialfehler und Verschleiß ...

Afa81 hat zu recht ausgerechnet, dass die Hantelstange aus Eisen/Stahl normalerweise locker den Belastungen standhält. Dennoch stellt sich die Frage, was passiert, wenn ein Materialfehler in der Stange ist. Dann besteht schon die Gefahr, dass sie plötzlich bricht, und dann können böse Verletzungen die Folge sein.

Andererseits: Ein Achs- oder Lenkerbruch beim Auto mit Tempo 130 auf der Autobahn in einer Kurve trägt ebenfalls das Risiko tödlicher Verletzungen. Und die Gewichte und Kräfte, die dort wirken, sind noch um ein Vielfaches höher.

Jag

Ja, da musste ich auch

herzlich lachen!

Mein Beileid an den Physiklehrer des Herrn Siemens, der zweifelt jetzt womöglich an seinen pädagogischen Fähigkeiten...

Zweifeln sollte aber auch der Autor dieses schlechten Artilels - nicht mal in einem Sportartikel kommt man ohne Hinweis auf den bösen, aggresiven Herr Achmadinedschad aus.
Sind Sie sicher daß Sie bei der richtigen Zeitung sind? Es gibt da noch ein Blatt mit 4 großen Buchstaben...

@ wikieliest (!) Sie lesen den Text nur halb

und verstehen ihn nicht. Da steht sogar SchnellKRAFT als bestimmend und nicht Schnelligkeit.

Vertikale Bewegung erzeugen (=Hochreißen des Gewichts) bedeutet nicht, dass die Kraft dazu aus der Körperbewegung (Beschleunigung) des Sportlers kommt. Schauen Sie im Link, wenn Vmax des Gewichtes erreicht wird und wo die Kraft in den Phasen tatsächlich herkommt.

Wenn die Geschwindigkeit der Sportlerbewegung (Beschleunigung) entscheidend wäre für die auf die Masse (das Gewicht) wirkende Kraft, dann sollte man wohl im dynamischeren Reißen die höheren Gewichte bewältigen?

Ich habe nie verstanden

bzw. wenig Gedanken darüber gemacht, warum sich beim Gewichtheben die Gewichtsklassen nicht auf die Gewichte der Hanteln, sondern auf die Gewichte der Gewichtheber beziehen, und warum dann folglich die Gewichtheber bei höheren Klassen so viel Fett an sich tragen.

Denn rein gefühlsmäßig stellt man sich ja den „stärksten Mann der Welt“ als einen der Sorte Schwarzenegger vor (romantisierte Vorstellung des starken Heldentypus).

Aber durch ihren Frage „Wird etwa die Sportlermasse beschleunigt, um die Kraft fürs Heben zu erzeugen ?“ wurde es mir jetzt erst klar, ich glaube Sie haben Recht, das Hantelgewicht und das Gewicht der Hebers sind quasi in einer Hebel-Wechselbeziehung, das Hochreißen des Gewichtes bedarf einer entsprechenden Gegenmasse.

Ein Schwarzenegger und Co. hätten wahrscheinlich die nötige Muskelkraft, aber ihnen fehlt die Masse als Ausgleich im Hebelsystem Heber/Gewicht, sie würden von der Hantel beim Beschleunigungsvorgang schlicht umgeworfen, hochgerissen oder sonst was.

Aber Experten werde da bestimmt genaueres sagen können.

Schweratheten Fettanteil

Die hohen Gewichtsklassen haben auf Grund ihres Körpergewichtes absolut viel Fett im Körper. Man darf Gewichtheber nicht mit Bodybuilder verwechseln. Bodybuilder haben einen Körperfettanteil von unter 5%, damit man die einzelnen Muskelstränge genau sieht. Außerhalb der Wettkampfzeit sehen diese auch anders aus! Bei Arnold Schwarzenegger sollte man wissen, daß er einer der ersten Athleten war, die Dianabol - ein Steroid - eingenommen hatten.
Bei einem Superschwergewicht im Gewichtheben braucht der Athlet sich keine Gedanken über sein Aussehen zu machen - das einzige, das zählt sind die Muskeln. Ich hatte in meiner aktiven Zeit im Kraftsport bei einem Wettkampfgewicht von 150kg ca. 120kg fettfreie Masse (gemessen im Olympiastützpunkt Hannover). Bei so einer Gewichtsklasse ist schon die Ernährung ein Problem, denn als Athlet benötigt man dann Unmengen an Nahrung, vor allem Eiweiß. Allein der Grundbedarf beträgt bei einem Körpergewicht von 150kg 3.600kcal, im Training kann das dann auf über 6.000kcal steigen!

Die Plattformen sind in der Regel aus starken Holzbohlen, die das fallende Gewicht auf eine größere Fläche verteilen. Und, wenn das richtig gesehen habe, sind die Hantelscheiben auch noch mit Gummi ummantelt.

Danke für Ihre interessanten Erläuterungen.

Es wäre aber auch hilfreich, wenn Sie zu „Grellseher`s“ und meiner Vermutung der möglichen Wechselbeziehung zwischen Sportler- und Hantelmasse auch etwas sagen könnten.

Haben die höherklassigen Gewichtheber nun solche hohe Masse mit vergleichsweise hohem Fettanteil weil es vermutete Hebel-Masse-Wechselbeziehung erfordert, oder hat man in dieser schon alten Sportart noch immer nicht die Balance gefunden, die Ernährung besser auf die Bedürfnisse anzupassen, das Fettübergewicht also eine unerwünschte Begleiterscheinung ist.

So hohe Gewichte hochzustemmen ist ja sehr beindruckend – sich dabei durchbiegende Stahlstangen und wippende Gewichte um so mehr - aber dieses Überwicht, dieser bestimmt nicht auf Muskeln beruhende Bauchumfang kann doch auf Dauer nicht gesund sein.

Das gilt für einige andere Sportarten ebenso, obwohl Sport eigentlich von Gesellschaft wie Politik gerne als Vorbildfunktionen für die Jugend gesehen wird, hat das doch seine Grenzen, wenn sich Sportler des sportlichen Erfolges wegen wissendlich in Grenzbereiche begeben, sich gesundheitlich schädigen, physisch wie psychisch.
Das hat dann leicht den Beigeschmack suchtähnlichen Verhaltens und Selbstzerstörung auf Raten.

Nachtrag !

Erst nachdem ich mein Schreiben einstellte, habe ich die Bildfolge wahrgenommen.
Vor allem das Bild der sich extrem durchbiegenden Stange beim Aufprall auf Steiner`s Nacken.

Ich sprach von der Faszination sich durchbiegender Stangen, solches Durchbiegen habe ich natürlich nicht gemeint, das ist alles andere als faszinierend, das sollte Anlass sein, diese Sportart zu verbieten, oder zumindest Vorsorge zu tragen, vielleicht mit Hilfsseilen, dass so etwas nicht passieren kann.
Das hätte, wie es sich darstellt, durchaus zu einem Genickbruch führen können.

Schwergewichte

Im Verhältnis zum Körpergewicht sind die Superschwerathleten relativ schwach. Wenn Sie sich den Weltrekord in der Klasse bis 52kg ansehen, so liegt der bei 305kg, also dem 5,46fachen des Körpergewichtes. Beim Schwergewicht bis 105kg liegt er bei 436kg, dem 4,15fachen des Körpergewichtes. Und wenn sie ein Körpergewicht von 140kg zu Grunde legen, dann liegt der Weltrekord bei 472kg, also dem 3,37fachen des Körpergewichtes.

Das Problem der Superschwergewichte liegt in ihrer enormen Muskelmasse. Die Hebelverhältnisse verändern sich durch die zunehmende Muskelmasse nur minimal, so müssen schon von Anfang optimal sein, und auch so ein Superschwergewicht ist extrem beweglich.

Für Männer ist ein Körperfettanteil bis 20% normal. Wenn ich als Athlet mit 150kg antrete und 30kg Fett im Körper habe, bin ich immer noch im Normalbereich. Allerdings sieht das für Unwissende dann fett aus.